Adoptionswahn

31. Januar 2010 22:22; Akt: 31.01.2010 22:31 Print

Die «Waisen» haben fast alle FamilieDie «Waisen» haben fast alle Familie

Knapp drei Wochen nach dem Erdbeben wächst in Haiti die Furcht vor Kindesentführungen - und das zu Recht: In Malpasse an der Grenze zur Dominikanischen Republik nahm die Polizei zehn US-Bürger fest, die 33 Kinder ohne Genehmigung ausser Landes bringen wollten.

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Die neunjährige Tamara Marc (links) und ihre siebenjährige Schwester Fabie Marc warten vor einem Feldspital der ONU, abgeholt zu werden. Das Hilfswerk «Save the Children» zeigt sich besonders besorgt über die Gesundheit und Sicherheit der Kleinkinder und Säuglinge in den Notlagern. Krankheiten könnten sich rasch ausbreiten, sagte der Präsident des Hilfswerks, Charles MacCormack. Die Kinder müssen in den Feldspitälern als erstes ernährt und psychologisch betreut sowie identifiziert werden. Bis zu zwei Millionen Kinder könnten nach dem Erdbeben einer akuten Gefahr ausgesetzt sein: ... ... Ausgerechnet in diesen dramatischen Situationen werden Kinder oft Opfer von Angriffen und Entführungen. Berichten zufolge laufen kleine Kinder verwirrt und orientierungslos durch die Strassen. Nachts schlafen sie im Freien neben den Leichen von Erdbebenopfern. An der Schule St. Gerard bricht Cindy Terasme in Tränen aus, ... ... als sie die Füsse ihres 14-jährigen Bruders Jean Gaelle Dersmorne sieht, die leblos aus den Trümmern ragen. UNICEF-Chefin Ann Veneman macht sich grosse Sorgen, dass die verwaisten Kinder in den Fängen von Kinderhändlern landen. «Genau unter diesen Umständen werden Kinder auf offener Strasse entführt und später verkauft», erzählt Veneman. «Wir nehmen die Kinder zu uns. Wir versuchen sie zu identifizieren und lassen sie nicht gehen.» «Die Kinder brauchen Wasser und Essen. Wir brauchen grosse Zelte, in denen sie vorübergehend versorgt werden.» Urs Bernhard von World Vision setzt seine Priorität in der psychologischen Betreuung der Kleinen: «Wir sind jetzt dabei, sogenannte 'Childfriendly Spaces' aufzubauen, wo wir mit den Kindern spielen und sonstige Aktivitäten anbieten.» Der zweijährige Redjeson Hausteen wurde unter Trümmern seines Elternhauses begraben. Zwei Tage wartete er zwischen Staub und Gestein auf Hilfe, bis ihn endlich spanische Rettungsleute bergen konnten. Diverse Hilfsorganisationen rechnen nun nach dem Erdbeben mit einem rasanten Zuwachs in den Waisenhäusern, die bereits jetzt schon überbelegt sind.

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Nach Angaben der Behörden vom Samstag konnten die fünf Frauen und fünf Männer einer US-Kinderhilfsorganisation keinerlei Adoptionsdokumente vorweisen. «Das ist Raub, nicht Adoption,» sagte Haitis Sozialminister Yves Cristalin. «Kein Kind verlässt Haiti ohne rechtmässige Erlaubnis, und diese Leute hatten keine.»

Ein Grossteil der zwischen zwei Monate und zwölf Jahre alten Kinder haben offenbar noch Angehörige. «Die meisten Kinder haben noch Familie», sagte Patricia Vargas vom SOS Kinderdorf in Croix-des- Bouquets, das die Kinder nach der Festnahme der Erwachsenen aufgenommen hat.

Sie habe diese Information von der Sozialfürsorge. Auch im Gespräch mit den älteren, über sieben Jahre alten Kindern habe sich herausgestellt, dass ihre Eltern noch am Leben seien. Ein nur wenige Monate altes Mädchen sei wegen Unterernährung ins Spital gebracht worden.

Ausser den zehn US-Bürgern, die der Hilfsorganisation New Life Children's Refuge im US-Bundesstaat Idaho angehören, wurden laut Christallin auch zwei Haitianer festgenommen. An der Aktion seien zwei Geistliche beteiligt gewesen, einer aus Haiti und einer aus Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, fügte der Minister hinzu.

Anschuldigungen zurückgewiesen

Die Leiterin der Hilfsorganisation wies die Anschuldigungen zurück. Ihre Organisation New Life Children's Refuge habe eine offizielle Erlaubnis der Dominikanischen Republik, die Kinder in ein dort von der Gruppe betriebenes Waisenhaus zu bringen, sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters aus einer Gefängniszelle in Port-au- Prince.

Seit dem Erdbeben vom 12. Januar wurde der Abschluss von Adoptionverfahren für haitianische Kinder beschleunigt. Die US- Regierung hatte ihre Bürger aufgerufen, Geduld zu haben und «transparente» Adoptionsverfahren zu ermöglichen.

Es wird vermutet, dass bei dem Beben bis zu 200 000 Menschen getötet und mehrere Hunderttausend verletzt wurden. Viele Kinder wurden durch das Beben zu Waisen. UNICEF und die Regierung Haitis haben daher wiederholt vor Kindesentführungen und illegalen Adoptionen gewarnt.

US-Hilfsflüge gestoppt

Die vielen schwer verletzten Erdbebenopfer können vorerst nicht mehr auf eine Behandlung in den USA hoffen. Das US-Militär stoppte die Hilfsflüge nach eigenen Angaben bereits am vergangenen Mittwoch.

Man wisse nicht mehr wohin mit den Patienten, sagte ein Sprecher. Der US-Bundesstaat Florida, wohin die meisten Opfer überführt wurden, klage über Platzmangel und hohe Behandlungskosten.

Das US-Präsidialamt erklärte, es werde nach einer Lösung gesucht. Zugleich unterstrich ein Regierungssprecher, dass der Stopp der Hilfsflüge keine politische Entscheidung gewesen sei.

Die Verteilung der Hilfen für die Überlebenden blieb weiter schwierig. Nach Drängeleien bei der Lebensmittelausgabe will die UNO in erster Linie nur noch Frauen versorgen. Das Welternährungsprogramm (WFP) richtete in Port-au-Prince 16 feste Verteilstationen für Lebensmittel ein. In den kommenden beiden Wochen sollen auf diese Weise zwei Millionen Menschen mit Nahrung versorgt werden.

(sda)