Jahrestag

12. Januar 2011 23:55; Akt: 13.01.2011 01:17 Print

Haiti steht still für die Erdbeben-TotenHaiti steht still für die Erdbeben-Toten

Auf einen Schlag starben vor einem Jahr in Port-au-Prince und Umgebung rund 250 000 Menschen. Die Haitianer gedachten ihrer zusammen mit einigen angereisten Prominenten.

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Das ist Darlene Etienne am 9. Januar 2011. Die heute 17-Jährige war 15 Tage nach dem Erdbeben aus den Trümmern gerettet worden. Am 27. Januar 2010 ging dieses Bild um die Welt: Darlene, kreideweiss, wird vom Rettungsteam versorgt. Das Mädchen hatte eine Beinverletzung erlitten und stand unter Schock. Ein Jahr nach der Tragödie wohnt sie mit der Grossmutter auf dem Land und geht wieder zur Schule. Körperlich hat sich Darlene vollkommen erholt. Doch vergessen kann sie die Tage unter Schutt und Asche nicht. In den Bildern von damals erkennt sie sich heute kaum. In den Tagen nach dem 12. Januar 2010 sorgte auch ein 27-jähriger Mann für ein wahres Wunder: Vier Wochen nach dem Erdbeben, am 8. Februar, wurde er aus den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes in Port-au-Prince lebend geborgen. Ein Tag vor Darlene war Rico Dibrivell nach zwölf Tagen aus den Trümmern gerettet worden. Er war zwei Tage nach dem schweren Beben während eines Nachbebens verschüttet worden. Am 23. Januar war Wismond Exantus lebend aus den Trümmern geborgen worden. Ein französisches Rettungsteam befreite ihn aus seinem dunklen Gefängnis - nachdem die Suche nach Überlebenden offiziell eingestellt war. Am 21. Januar wurde ein Fünfjähriger unverletzt aus den Trümmern seines eingestürzten Hauses geborgen. Seine Verwandten wollten zunächst seine Leiche bergen, doch plötzlich hätten sie jemanden rufen gehört. In der Hauptstadt Port-au-Prince zogen Nachbarn am 20. Januar die elfjährige Mendji Bahina Sanon aus einem zerstörten Haus. «Es ist ein wahres Wunder, sie kommt Stück für Stück zurück ins Leben», sagte die behandelnde Ärztin. Die 69-jährige Anna Zizi wurde am 20. Januar in den Trümmern der einstigen Residenz des Erzbischofs gefunden. «Ich bin okay», sagte sie, als sie von mexikanischen Rettungskräften auf einer Trage weggebracht wurde. Auch Hotteline Lozama überlebte eine Woche unter den Trümmern ohne Essen und Trinken. Französische Helfer zogen die 25-Jährige aus den Ruinen eines Supermarktes. Pierre Louis Ronny wird am 19. Januar aus dem eingestürzten Gebäude der haitianischen Telekom-Firma Teleco gerettet. Plünderer hatten den Mann schreien gehört. Hunderte seiner Arbeitskollegen starben beim Einsturz. Am gleichen Tag haben israelische Rettungskräfte noch eine Überlebende geborgen. Die 23-jährige Studentin Maxine Fallon ist aus den Trümmern der Universität in Port-au-Prince gerettet worden. Maxi Phalone (rechts) umarmt einen Helfer, nachdem ihre Schwester nach sechs Tagen lebend aus den Trümmern ihres Hauses gerettet wurde. Der israelische Rettungsarzt Avi Berman hat am 18. Januar ein Baby aus einem eingestürzten Gebäude gerettet. Die Eltern des Kindes konnten nur noch tot geborgen werden. Fadel Almaghrabi (Mitte) wurde am 17. Januar im eingestürtzen Caribbean Market in Port-au-Prince lebend gefunden. Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes konnten gleichentags auch Jesula aus dem Trümmern der Universität in Petionville retten. Die 28-jährige Saint Helene Jean Luis wurde am 16. Januar aus den Trümmern der Universität Port-au-Prince lebend geborgen. Retter aus Spanien und Taiwan können am 17. Januar diesen Mann aus den Trümmern bergen. UNO-Mitarbeiter Jens Kristensen lag fünf Tage vergraben unter dem beschädigten UNO-Gebäude. Etwa 150 Mitarbeiter dürfte die Weltorganisation an einem Tag verloren haben - das ist mehr als je zuvor. Die Mitbesitzerin des Hotels Montana, Nadine Cardoso, wird am 17. Januar lebend geborgen. Der Lehrer der Schule St. Gerard, Jean Baptiste Patrick, kann am 16. Januar lebend aus den Trümmern der Schule gezogen werden. 300 Kinder wurden beim Einsturz getötet. Die 16 Monate alte Winnie Tilin wird am 15. Januar gerettet und in das Zelt der Kinderorganisation «Save the Children» gebracht. Mexikanische und israelische Retter können die 19-jährige Josyanne Petidelle am 15. Januar wiederbeleben. Ein Haitianer bringt den geretteten Samael Jachond in ein Feldspital, nachdem das Kind vier Tage lang unter den Ruinen seines Hauses gelegen hatte. Der zweijährige Redjeson Hausteen wurde unter Trümmern seines Elternhauses begraben. Zwei Tage wartete er zwischen Staub und Gestein auf Hilfe, bis ihn endlich spanische Rettungsleute bergen konnten. Die 65-jährige Sarla Chand wird nach 50 Stunden von spanischen und französischen Rettungshelfern aus den Trümmern des Hotels Montana geborgen.

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In Haiti hat am Mittwoch für kurze Zeit das Leben stillgestanden. In einer Schweigeminute gedachte das Karibikland um 16.53 Uhr (Ortszeit) der Menschen, die vor einem Jahr, am 12. Januar 2010, ums Leben gekommen waren. Anschliessend begannen in verschiedenen Teilen der Hauptstadt und in anderen Städten des Landes sogenannte «Feiern des Lebens» mit Musik und Tanz. Auch im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York erinnerte man sich der Beben-Opfer.

Viele Haitianer hatten vor der Schweigeminute in den Ruinen ihrer Kirchen gebetet und gesungen. Im Fernsehen wurde zum ersten Mal live auch eine religiöse Zeremonie des Voodoo-Kultes übertragen, die vom Obersten Priester Max Beauvoir angeführt wurde.

Zu Gast in Haiti ist auch der frühere amerikanische Präsident und UNO-Beauftragte für die Haiti-Hilfe, Bill Clinton. Er sagte, er sei zuversichtlich, dass die Hilfe in diesem Jahr in vollem Umfang einsetzen könne. Bisher seien nur 60 Prozent der für 2010 zugesagten Mittel ausgezahlt worden.

Mit 43 Schweigesekunden gedachte auch die UNO in New York der Opfer des Bebens - genau die Zeit, die das Beben dauerte. Generalsekretär Ban Ki Moon hatte zuvor einen Kranz für die Toten niedergelegt. «Wenn wir hier die Toten ehren, ehren wir auch die Lebenden», sagte Ban. «Wir ehren ihren Kampf ums Überleben und für ein besseres Leben.» Aber der Aufbau schreite voran, das könne jeder sehen. «Die Welt war in Ihrer dunkelsten Stunde bei Ihnen.»

Bei dem verheerenden Beben am 12. Januar 2010 waren laut Schätzungen zwischen 225 000 und 300 000 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 100 000 Gebäude wurden zerstört.

Zahlreiche UNO-Mitarbeiter gestorben

Das Jahr 2010 sei auch für die Vereinten Nationen ein «Annus Horriblis», ein «schreckliches Jahr» gewesen, sagte Ban. Das Unglück war der grösste Verlust, den die Vereinten Nationen in ihrer 65- jährigen Geschichte zu verzeichnen hatten.

An dem Januartag starben 102 UNO-Mitarbeiter, unter ihnen ihr Chef Hédi Annabi. Mit dem tunesischen Spitzendiplomaten kamen auch sein Stellvertreter Luiz Carlos da Costa und UNO-Polizeichef Doug Coates ums Leben. 14 weitere UNO-Mitarbeiter starben in den zwölf Monaten danach bei Unruhen in dem zu den ärmsten Ländern der Welt gehörenden Staat.

Viele Probleme ungelöst

Auch ein Jahr nach dem Beben kämpft Haiti mit den Folgen des Erdbebens. Die haitianische Wirtschaft schrumpfte im vergangenen Jahr um sieben Prozent. Weiterhin leben mehr als 800 000 Menschen in improvisierten Notunterkünften, eine Cholera-Epidemie fordert täglich neue Opfer und der weiterhin ungelöste Streit um die Wahlen sorgt immer wieder für Unruhen auf den Strassen und blockiert zusätzlich den ohnehin nur schleppenden Wiederaufbau.

US-Präsident Barack Obama erklärte in einer Stellungnahme, das haitianische Volk sei den unvorstellbaren Verlusten mit aussergewöhnlichem Mut begegnet. Die Fortschritte im Wiederaufbau seien jedoch nicht ausreichend, viele Probleme seien ungelöst.

«Zu viel Schutt blockiert die Strassen, zu viele Menschen leben weiter in Zelten und für so viele Haitianer ist Fortschritt nicht schnell genug gekommen», erklärte Obama und verwies darauf, dass der Karibikstaat noch Jahrzehnte auf Hilfe angewiesen sein könnte.

Kritischer Bericht wird später übergeben

Der amtierende haitianische Präsident René Préval bat darum, dass ein Bericht der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zu den Wahlen nicht während der Gedenkfeiern überreicht werde.

Die OAS habe diesen «völlig berechtigten Wunsch» akzeptiert, teilte die Organisation mit. In dem Bericht empfiehlt die OAS, wie vorab bekannt wurde, den Rückzug des von Préval favorisierten Kandidaten Jude Célestin. Dieser soll demnach seinen Platz in der Stichwahl an den bisher Drittplatzierten Michel Martelly abgeben.

(sda)