Haiti nach dem Beben

20. Januar 2010 15:25; Akt: 20.01.2010 16:05 Print

Signal FM: Die letzte Stimme HaitisSignal FM: Die letzte Stimme Haitis

Das Land versinkt im Chaos. Durch das Nachbeben wurde die Situation noch unübersichtlicher. Doch eine Handvoll Radiomoderatoren hält eisern die Stellung und versorgt die Bevölkerung anstelle der Regierung mit überlebenswichtigen Informationen.

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Nach dem Erdbeben vom letzten Dienstag wurde es plötzlich still und dunkel über Port-au-Prince. In der schrecklichen Zeit nach der Katastrophe blieb das haitianische Volk ohne Strom, Telefonnetz und Zeitungen. Jeder musste selber zusehen, wie er zurecht kommt. Nur die Stimme des Radiosenders Signal FM lotste die verwirrten Menschen durch Chaos und Anarchie. Es ist der letzte Sender, der die Menschen noch über den Äther erreicht.

Helfen, wo man kann

Radiomoderator Jean Gary Apollon war gerade im Studio, als es zu beben begann. «Ich fühlte, wie sich alles bewegte», erinnert er sich. Er griff instinktiv zum Mikrofon und sagte: «Ouch, das war stark.» Danach legte er wieder Musik auf und ging auf die Strasse. Doch schon nach kurzer Zeit strömten die Menschen zu Hunderten zum Gebäude des Senders. Sie alle suchten Hilfe, forschten nach vermissten Angehörigen oder wollten einfach nur mitteilen, dass sie noch am Leben waren.

Eine der vielen Geschichten, die Apollon in den Tagen danach erlebte, nahm ein besonders glückliches Ende: Am dritten Tag kam eine Frau, die verzweifelt um Hilfe bat, weil ihr Mann noch immer unter den Trümmern lag und sie ihn nicht allein befreien konnte. Der Moderator machte einen Aufruf, gab die Adresse durch und bald kamen Dutzende von Freiwilligen. Zusammen schaufelten sie den Mann frei. Am Montag kam das Ehepaar wieder ins Studio. Sie bedankten sich unter Tränen für die Hilfe.

Journalisten werden zu Dienstleistern

Immer wieder sieht man Leute mit einem kleinen Radio am Ohr auf der Strasse umherlaufen. Signal FM ist zurzeit die einzige Informationsquelle, die sie haben. Seit einer Woche sendet es ein Spezialprogramm: Für die Journalisten steht nun weniger die Nachrichtenlage als der Service an der Gemeinschaft im Vordergrund. So versuchen sie zum Beispiel seit Tagen, die schier unendlich lange Menschenschlange vor dem kanadischen Konsulat zu reduzieren. Die kanadische Regierung hatte den Doppelbürgern angeboten, sie samt Familienmitgliedern nach Kanada auszufliegen. Der Sender musste eingreifen und die Leuten bitten, nur das Familienoberhaupt in die diplomatische Niederlassung zu schicken.

Die Moderatoren berichten, wo es Treibstoff – zurzeit Mangelware in Port-au-Prince – gibt oder wo man sein Handy aufladen kann. Abends führt Signal FM die Autofahrer durch die Stadt: Wenn nämlich die Dunkelheit einkehrt, legen sich die Menschen schlafen, die tagsüber durch die Strassen der zerstörten Stadt irren. Sie sperren dann ganze Quartiere und lösen so ein Verkehrschaos aus. Auf die Frage, was die Leute tagsüber suchen, sagt der Direktor von Radio Signal FM, Mario Viau: «Ich glaube, sie suchen Hoffnung.»

Präsidentenstimme via Band

Im Gegensatz zu den Moderatoren liess der haitianische Präsident Rene Préval lange nichts von sich hören. Er verliess gerade den Regierungspalast, als das Gebäude in sich zusammensackte. Danach verschwand er. 24 Stunden lang hatte das Volk kein Lebenszeichen von ihm. Als er sich endlich zu Wort meldete, kam seine Stimme von einem Tonband, das er dem Sender zukommen liess. Wie lange der Sender noch auf Sendung bleiben kann, ist unklar, da die Lage durch das Nachbeben noch chaotischer und die Infrastruktur weiter in Mitleidenschaft gezogen worden ist.

(kle)