Neue Wikileaks-Enthüllungen

22. Oktober 2010 22:31; Akt: 23.10.2010 13:26 Print

Das «Blutbad» im Irak von A bis Z

Wikileaks sorgt mit der Veröffentlichung von tausenden Irak-Dokumenten für «das grösste Leck der Kriegsgeschichte». Das «Blutbad» werde in allen Details ersichtlich.

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Trotz vehementen Protests der US- Regierung hat die Internetplattform Wikileaks am Samstag fast 400 000 Geheimdokumente zum Irak-Krieg veröffentlicht. Die Dokumente belegen unter anderem Folterungen in irakischen Gefängnissen und die hohe Zahl ziviler Opfer. WikiLeaks-Gründer Julian Assange verteidigte die Veröffentlichung am Samstag in London damit, sie offenbarten klare Beweise für Kriegsverbrechen. Sie seien zudem redaktionell so bearbeitet, dass niemand gefährdet werde.

Die als «Iraq War Logs» (Irak Kriegstagebücher) bezeichnete Sammlung sei das grösste Leck in der Militärgeschichte schrieben die WikiLeaks-Betreiber auf ihrer Internetseite. Die 391 832 veröffentlichten Unterlagen, die von den US-Streitkräften und dem US-Geheimdienst stammen sollen, entsprächen 200 000 Seiten Material und decken den Zeitraum von Jahresbeginn 2004 bis zum 1. Januar 2010 ab.

Damit könne der gesamte Krieg nachvollzogen werden. «So gut wie jeder militärische Zwischenfall» sei dokumentiert. Die Unterlagen veranschaulichen den blutigen Alltag des Kriegs und illustrieren die Hilflosigkeit der US-Truppen angesichts des zunehmenden Chaos im Irak, hiess es weiter. Julian Assange sagte dem US-Nachrichtensender CNN, die Dokumente belegten ein «Blutbad» in bisher nicht gekanntem Ausmass.

Pro Tag 31 Zivilisten getötet

Den veröffentlichten geheimen Feldberichten von US-Soldaten zufolge starben insgesamt 104 111 Menschen, darunter 66 081 Zivilisten. Demnach fielen dem Krieg im Berichtszeitraum, wobei für Mai 2004 und März 2009 keine Zahlen vorliegen, täglich 31 Menschen aus der Zivilbevölkerung zum Opfer. Der Irakkrieg sei verheerender als der in Afghanistan, schreibt WikiLeaks auf seiner Website, die am Samstag offenbar wegen des grossen Ansturms zwischenzeitlich zusammenbrach. Nähere Angaben zum Ursprung der Geheimakten machte WikiLeaks nicht.

Der britischen Antikriegsgruppe Iraq Body Count zufolge sind nach Auswertung der WikiLeaks-Dokumente von Beginn des Krieges bis heute bis zu 15 000 mehr Iraker dem Krieg zum Opfer gefallen, als bislang angegeben. Demnach könnte die Zahl der getöteten Zivilpersonen bei 122 000 liegen.

Gräuel in trockener Sprache geschildert

In straffer, trockener Sprache schildern die angeblichen Geheimakten tausende Gefechte mit Aufständischen, Bombenanschläge und Fahrzeugpannen. Aber das WikiLeaks-Material beschreibt auch Offiziere, die sich in einem komplizierten und chaotischen Konflikt wiederfanden und oft nicht mehr tun konnten, als Übergriffe ihrer irakischen Verbündeten an ihre Vorgesetzten zu melden.

Die Militärdokumente legen nahe, dass die US-Streitkräfte schweren Missbrauchsvorwürfen gegen irakische Sicherheitskräfte oftmals nicht nachgegangen sind. Es werden zahlreiche Fälle aufgeführt, in denen US-Soldaten Hinweise über Misshandlungen, Folterungen und Morde durch irakische Sicherheitskräfte dokumentiert, an ihre Vorgesetzten gemeldet und den Fall dann geschlossen haben. Unter den nun veröffentlichten Berichten finden sich mindestens 300 derartige Vorfälle.

In einem Fall aus dem August 2006 berichtete ein Soldat von einem Gefangenen, der behauptete, von irakischen Polizisten in Handschellen an die Decke gehängt worden zu sein. Der des Mordes verdächtigte Gefangene berichtete demnach, dass die Polizisten ihn mit kochendem Wasser gefoltert und mit Stöcken geschlagen hätten. Die amerikanische Einheit, die den Fall aufnahm und dokumentierte, benachrichtigte das Büro des irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki und schloss damit den Fall ab.

Festnehmen, «sobald er aus dem Urlaub zurück ist»

Andere Meldungen sind nur eine Zeile lang. «Das Individuum berichtete, sie sei geschlagen und vergewaltigt worden, weil sie sich geweigert habe mit der IP (irakischen Polizei) zu kooperieren», heisst es in einer Mitteilung aus der Stadt Tikrit aus dem Jahr 2007. Ein Verbindungsteam der US-Streitkräfte machte im November 2007 in Mosul Fotos von einem mit Schrammen und blauen Flecken übersäten Mann.

Er sei festgenommen worden, nachdem er eine Bombe auf dem Dach seines Lastwagens gefunden habe, berichtete er. Auf die Verletzungen des Manns angesprochen, sagte der zuständige irakische Offizier laut der Dokumente, ein ihm untergeordneter Soldat sei für die Misshandlung verantwortlich und er werde ihn «unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub» festnehmen. Damit war auch dieser Fall geschlossen.

Ein Sprecher des Pentagons sagte, die US-Soldaten seien verpflichtet, jeden Missbrauchsfall, den sie mitbekommen, an ihre Vorgesetzten zu melden. Die Politik der Streitkräfte sei es, diese Informationen der irakischen Regierung «auf angemessener Ebene» mitzuteilen. Andere Dokumente beschreiben aber auch die Versuche der US-Soldaten, Misshandlungen zu verhindern.

USA reagieren empört

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) forderte die USA auf, die Übergriffe in irakischen Gefängnissen zu untersuchen. Washington müsse aufklären, «was US-Verantwortliche über Folter und Misshandlung von Gefangenen in irakischen Haftanstalten wussten», teilte ai in einem Communiqué mit.

Das Pentagon verurteilte die Veröffentlichung der Militärdokumente im Internet als «schamlos». Sie könne die Sicherheit der USA gefährden und vor allem den US-Streitkräften im Irak schaden, sagte Pentagon-Sprecher Geoff Morrell. «Unsere Feinde können in den Dokumenten nach Schwachstellen suchen, nach bestimmten Verhaltensweisen - nach Informationen also, die ihnen bei künftigen Anschlägen zugutekommen.» In den veröffentlichten Geheimakten würden auch 300 Iraker genannt, die nun «besonders anfällig für Vergeltungsangriffe» seien.

Der stellvertretende irakische Justizminister, Buscho Ibrahim, sagte, er habe die WikiLeaks-Dokumente nicht gelesen. Er bestritt aber, dass in irakischen Gefängnissen die von WikiLeaks beschriebenen Missbrauchsfälle stattgefunden hätten.

Wikileaks hatte bereits im Juli 77 000 geheime US-Dokumente zur Lage in Afghanistan veröffentlicht und sich damit den Zorn der US-Regierung zugezogen. Laut dem «Guardian» stammen die Irak-Dokumente aus der selben Quelle.

(rub/sda/ap)