27 Liter

20. Dezember 2010 16:30; Akt: 20.12.2010 16:46 Print

Saddam blutete zwei Jahre für seinen Koran

Diktator Saddam Hussein liess einst einen Koran aus seinem eigenen Blut anfertigen. Noch heute löst das Werk unter den Irakern ungute Gefühle aus.

storybild

Hochmut kommt vor dem Fall: Mit seinem Blut-Koran beging Saddam Hussein eine schwere Sünde. (Bild: Wikimedia)

Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Fast vier Jahre sind vergangen, seit Iraks Diktator Saddam Hussein am Galgen sterben musste. Doch er wäre kein echter Tyrann gewesen, wenn er nicht auch im Tod noch Wege gefunden hätte, seine ehemaligen Untertanen in Angst und Schrecken zu versetzen. Seinem Grössenwahn und seiner Prahlsucht entsprechend hat er der Nachwelt zahlreiche Statuen, Denkmäler und Paläste beschert, die noch heute an seine lange Schreckensherrschaft erinnern. Seine bizarrste Hinterlassenschaft aber ist ein Buch: Eine Ausgabe des Korans, von Hand geschrieben mit seinem Blut.

Zwei Jahre lang liess sich Saddam von einer Krankenschwester Blut abnehmen - insgesamt 27 Liter, also mehr als viermal seinen gesamten Bluthaushalt. Ein berühmter irakischer Kalligraph wurde mit der Niederschrift beauftragt. Angeblich hatte Saddam den Künstler persönlich angerufen und ihn über seine grosse Ehre in Kenntnis gesetzt. Ende 2000 hatte er die über 6000 Verse und rund 336 000 Worte zu Papier gebracht. Wenige Tage später wurde in den USA George W. Bush zum Präsidenten gewählt. Das Schicksal Saddams und des Blut-Korans nahm seinen Lauf.

Drei Türen, drei Schlüssel

Seit der Invasion der US-Streitkräfte 2003 haben nur wenige Personen Saddams «blutiges» Vermächtnis zu sehen bekommen. Die einzigartige Koranausgabe wird in einer Moschee im Westen Bagdads aufbewahrt - verschlossen hinter drei Tresortüren. Ein Reporter des britischen «Guardian» bemühte sich nun offenbar um einen Augenschein. Die Hürden sind zahlreich: Für jede der drei Tresortüren gibt es einen Schlüssel. Einen hält Sheich Ahmed Al-Samarrai, der Leiter einer bedeutenden sunnitischen Stiftung im Irak. Der zweite liegt beim lokalen Polizeichef und der dritte an einem ungenannten Ort in Bagdad. Ein Komitee befindet darüber, wer Zugang erhält und wer nicht.

Der Wert des Korans liegt vermutlich eher im ideellen als im finanziellen Bereich. Trotzdem gibt es für die strenge Bewachung gute Gründe. Die Zentralregierung würde am liebsten gar niemanden hineinlassen. Die Schiiten sind äusserst empfindlich, was Symbole des alten Regimes anbelangt. Nicht nur weil sie damals zu den Verfolgten gehörten, sondern weil Saddams ehemalige Schergen noch immer in der Lage sind, regelmässig tödliche Terroranschläge zu verüben. Der Diktator selbst mag tot sein, doch ein solch extremes Relikt könnte alte Wunden aufreissen und die verschiedenen Ethnien wieder gegeneinander aufhetzen.

Die Sunniten auf der anderen Seite sind sich der Vorbehalte der schiitischen Regierung genau bewusst und fürchten Vergeltungsmassnahmen, wenn sie die Türen öffnen. Daneben gibt es noch ein sehr ernstes religiöses Problem: Blut gilt im Islam als unrein. Eine grössere Gotteslästerung als Saddams Blut-Koran ist also kaum denkbar. Die Furcht vor dem Zorn Gottes wiegt mindestens so schwer wie die vor der Zenralregierung in Bagdad.

Denkmal oder Mahnmal

Die Episode ist Teil einer schwierigen Diskussion im Irak, was mit Saddams zahlreichen Hinterlassenschaften geschehen soll. Alle seine Statuen sind entfernt worden, von seinen mindestens 300 Palästen wurden einige zu Ministerien umfunktioniert. Schwierig wird es bei Denkmälern wie den gekreuzten Schwertern in Bagdad. Sie symbolisierten ursprünglich den «Sieg» gegen den Iran, haben sich aber inzwischen zu einer Sehenswürdigkeit entwickelt. 2007 begann die Zentralregierung dessen ungeachtet mit der Demontage, wurde aber vom US-Botschafter zurückgepfiffen.

Im Regierungslager gehen die Meinungen auseinander. Einige vertreten die Ansicht, dass am besten alles, was an den Diktator erinnert, vom Erdboden getilgt wird. Andere empfehlen, ausgesuchte Denkmäler bewusst stehen zu lassen. Nicht zu Saddams Ruhm, sondern als Mahnmal seiner Diktatur.

Im Fall des Blut-Korans ist es dafür offenbar noch zu früh: Dem Reporter des «Guradian» wurde der Zutritt im letzten Moment doch noch verwehrt.

(kri)