Irak im Chaos

22. Dezember 2011 22:31; Akt: 22.12.2011 22:32 Print

Die USA gehen, der Bürgerkrieg kommtDie USA gehen, der Bürgerkrieg kommt

Die US-Truppen sind weg, und schon geht im Irak alles drunter und drüber. Der Machtkampf zwischen Schiiten und Sunniten eskaliert, ein Zerfall des Landes wird wahrscheinlich.

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Ein irakischer Soldat neben einem Fahrzeug, das bei der Anschlagsserie am Donnerstag zerstört wurde. (Bild: Reuters/Saad Shalash)

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Der schlimmste Bombenterror seit Monaten hat am Donnerstag die irakische Hauptstadt Bagdad erschüttert und fast 60 Menschen das Leben gekostet. Zu den Anschlägen bekannte sich zunächst niemand. Angesichts einer Vielzahl von offenbar koordinierten Explosionen wird aber vermutet, dass die Terrorgruppe Al Kaida im Irak verantwortlich ist. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gab es mindestens 57 Tote und fast 200 Verletzte. Betroffen waren elf Stadtviertel, in denen es zu mindestens 14 Explosionen kam.

Damit scheinen sich jene Befürchtungen zu bewahrheiten, wonach der Irak nach dem Abzug der US-Truppen zurück in Gewalt und Chaos stürzen könnte. Am Wochenende hatten die letzten amerikanischen Soldaten das Land nach fast neun Jahren Krieg und Besatzung verlassen. Und bereits scheint sich die von Präsident Barack Obama in seiner Abschiedsrede beschworene «Stabilität» in Luft aufzulösen. Denn nicht nur der Terror meldet sich zurück, auch der politische Machtkampf im Zweistromland ist voll entbrannt.

Iran und Syrien spielen mit

Der schiitische Ministerpräsident Nuri al Maliki hat den sunnitischen Vizepräsidenten Tarik al Haschimi zur Verhaftung ausgeschrieben, weil dieser angeblich in die Planung von Terroranschlägen verwickelt war. Haschimi flüchtete darauf in das autonome Kurdengebiet und beteuert seine Unschuld. Ausserdem verlangte Maliki vom Parlament die Entlassung seines ebenfalls sunnitischen Stellvertreters Salih al Mutlak. Dem aus Säkularen und Sunniten bestehenden Irakija-Bündnis drohte Maliki mit dem Rauswurf aus der Regierung.

Der Irakija-Allianz gehören sowohl Haschimi als auch Mutlak an. Dieser erhob gegenüber der BBC schwere Vorwürfe: «Der politische Prozess, der den Irak hätte demokratisieren sollen, brachte in Wirklichkeit eine Person und eine Partei an die Macht», sagte Salih al Mutlak in Anspielung auf Maliki und dessen Dawaa-Partei. Es gebe keine echte Machtteilung, so Mutlak weiter: «Das Land bewegt sich hin zu einer brutalen, rückwärtsgewandten Diktatur ohne einen Funken Weisheit.»

Das Misstrauen zwischen Sunniten und Schiiten sitzt tief. Die Sunniten verdächtigen Maliki und seine Alliierten, sie wollten den Irak zu einem «Vasallen» des schiitischen Iran machen. Umgekehrt sind die Schiiten besorgt wegen des Aufstands im Nachbarland Syrien. «Sie fürchten das Entstehen eines sunnitischen Syrien mit baathistischen und salafistischen Tendenzen», sagte ein hoher irakischer Politiker der BBC. Viele Mitglieder der verbotenen Baath-Partei des gestürzten Diktators Saddam Hussein sind nach Syrien geflüchtet.

Amerikaner mit beschränkter Macht

Die Amerikaner verfolgen die Entwicklung mit Besorgnis. Trotz des Truppenabzugs sind sie im Irak immer noch sehr präsent. Ihre Botschaft in Bagdad ist die mit Abstand grösste weltweit, ausserdem geben sie Milliarden aus für die Ausbildung und Aufrüstung der Sicherheitskräfte. Doch selbst dies könnte nicht genügen, um die ethnischen und konfessionellen Gräben zu überwinden und die Volksgruppen miteinander zu versöhnen.

«Die schiitisch-sunnitische Spaltung ist tief, es wird Generationen dauern, bis sie verschwindet», sagte Christopher Hill, bis letztes Jahr US-Botschafter in Bagdad, der «New York Times». «Es besteht eine grosse Feindseligkeit. Wir können nur versuchen, Maliki dazu zu bringen, das richtige zu tun.» Optimismus klingt anders, vielmehr scheint der Irak – ein von der britischen Kolonialmacht künstlich geschaffenes Gebilde – auf die von Experten seit Jahren befürchtete Spaltung zuzusteuern.

Das Kurdengebiet hat sich schon vor Jahren für autonom erklärt. In den letzten Wochen haben sich drei mehrheitlich sunnitische Provinzen angeschlossen. Ein Zerfall des Irak enthält jedoch viel Sprengstoff, denn weite Gebiete sind von einer durchmischten Bevölkerung bewohnt. «Ich fürchte, das Machtvakuum wird zu einer Aufteilung des Landes führen, begleitet von Kriegen über Grenzen und Bodenschätze», sagte Vizepremier Salih al Mutlak der BBC. Eine wahrlich pessimistische Prognose.

(pbl)

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  • Vinzent Danek am 25.12.2011 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    Warum "zurück" zu Chaos und Gewalt?

    Was heisst da "... zurück in Gewalt und Chaos ... "? Bevor die Amerikaner und ihre Komplizen dieses damals blühende Land überfallen haben, gab es dort kein Chaos und nicht mehr Gewalt als anderswo. Der Irak war das fortschrittlichste Land weit und breit. Leider besass es grosse Ölvorkommen, die besitzt es heute nicht mehr. Die neuen Verträge sind unterzeichnet, jetzt geht es in Lybien weiter. Danach kommt Syrien dran. Später der Iran. Über die Saudis wird dann die Region kontrolliert. Demokratie? Nein, Theokratie, Scharia statt Verfassung.

  • Steve Meyer am 24.12.2011 09:12 Report Diesen Beitrag melden

    Müssen die selber ausmachen

    Es hat noch nie funktioniert dass fremde Mächte das eigene Land formen. Die müssen das selber ausmachen mit allen Folgen die da kommen. Tragisch ist nur, dass vor dem Krieg mit Sadam an der Macht alles Ruhig war oder Ruhig gehalten wurde. Was ist nun besser, ein Diktator an der Macht oder Bürgerkrieg für die nächsten Jahrzehente ? Denke jedes Land soll sich selber zu helfen wissen und können.

    • kerim am 24.12.2011 14:22 Report Diesen Beitrag melden

      Zu spät

      Schön aber zu spät mehr als 120 Tausend mal zu spät. Das zeigt dasse es nur um interssen des Westens ging

    • Berti aber nicht Vogts am 25.12.2011 00:11 Report Diesen Beitrag melden

      Habe noch nie was gestohlen

      Kerim, ich fühle mich da unschuldig. Mich Interessiert nicht was die Araber oder überhaupt Afrikaner machen. War nie da, werde nie dahin gehen und für meine tägl. Produkte bezahle ich.

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  • Tinu am 23.12.2011 17:01 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach mal so zum Nachdenken

    Kaum ist der "böse" Ami weg, versumpf das Land im eigenen Dreck! Ich war nie dort, aber ich denke, dass die nicht so einen hohen Bildungsgrad haben wie in Europa. Dort ist die Bildung etwas, was den reicheren vorbehalten ist und die Bevölkerung hat nichts davon. Für Demokratie braucht es ein gewisses Mass an Bildung und politisches Verständnis - bei uns sollte man das in der Schule lernen!