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Nachwuchs-Schwellenland
21. August 2010 08:44; Akt: 21.08.2010 09:01 Print
Die Wall Street von Bagdad
von Tarek El-Tablawy, AP - Ein Tag an der Wertpapierbörse des Irak ISX: Die Händler, zumeist in gesetzterem Alter, haben auf schwarzen Stühlen Platz genommen. Hektik bricht hier selten aus.
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Irak: Konflikt im Zweistromland
Während sich die Händler an der Wertpapierbörse ISX unterhalten, werfen sie hin und wieder einen Blick auf die Börsentafel, die die aktuellen Kursentwicklungen anzeigt. Bisweilen steht jemand auf und begibt sich in einen abgedunkelten Bereich im hinteren Teil des Raums, wo hinter Glasschaltern Börsenmakler sitzen. Gebote durch den Raum schreiende Broker? - Fehlanzeige. An der ISX geht es nicht so hektisch zu wie an der New Yorker Wall Street.
Infografik Ethnien im IrakMohammed Dschamali, Investor und Analyst, zeigt auf die Stuhlreihen. «Etwa zehn Prozent der Anwesenden sind aktive Börsenhändler. Sie stemmen etwa 90 Prozent des Börsengeschäfts», sagt der 60-Jährige. «Der Rest wartet nur ab und ergreift nur manchmal die Initiative. Sie sind eben vorsichtig.»
Das betuliche Geschehen steht in krassem Widerspruch zu den Hoffnungen irakischer und amerikanischer Behörden, die die ISX im Jahr 2004 ins Leben riefen. Damals wurde erwartet, dass mit dem Sturz des Machthabers Saddam Hussein im Jahr zuvor und der damit verbundenen Wiedereingliederung Iraks in die internationale Gemeinschaft ein wirtschaftlicher Neuanfang einhergehen würde. Aber aufgrund der politischen Regulierung und der prekären Sicherheitslage im Land geben sich ausländische Investoren bislang zögerlich. So beträgt der Anteil der Geldanleger aus dem Ausland lediglich vier Prozent der täglichen Gesamt-Börsenaktivität, sagt ISX-Chef Taha Abdulsalam.
Politische Auflagen und Sicherheitsrisiken schrecken Investoren ab
Die politischen und sicherheitstechnischen Risiken sind nicht nur der Entwicklung des Irak abträglich, sondern machen auch dem Wachstum von ISX zu schaffen. Gerade von der Politik werden mehr Impulse erwartet. «Investoren wollen das neue wirtschaftliche Profil der Regierung sehen - eine echte Wirtschaftspolitik», sagt Ali Dschamal, Manager der Maklerfirma Dschawhara. Die Verzögerung bei der Bildung einer neuen Regierung habe direkte Auswirkungen auf den Handel.
Dabei werden für die Sanierung der maroden Infrastruktur und des Privatsektors Milliarden von Dollar benötigt. Zum Beispiel sei die unzureichende Stromversorgung im Irak fatal, da dies für Unternehmen und Haushalte zu steigenden Kosten führe, erklärt ISX-Chef Abdulsalam.
Zwölf notierte Unternehmen bei ISX-Gründung
Zum Zeitpunkt ihrer Gründung waren an der ISX nur rund ein Dutzend Unternehmen notiert. Verantwortliche sagten damals voraus, dass innerhalb eines Monats 120 Unternehmen gelistet sein würden. Sechs Jahre später sind es jedoch nur 85. Dennoch gibt es in der IXS-Geschichte einige Erfolge zu vermelden. Die Börse, die zunächst in einer Gaststätte in Bagdad untergebracht war, hat inzwischen ihr eigenes Gebäude bezogen. Ausserdem wurden die Kursveränderungen früher noch per Hand auf weisse Tafeln geschrieben. Inzwischen wurde eine elektronische Börsenanzeige eingeführt.
In den ersten Handelswochen der Sturm-und-Drang-Phase wechselten pro Sitzung Aktienanteile im Wert von rund 10 Millionen Dollar (rund acht Millionen Euro) den Besitzer, die Börsenkurse schnellten um ganze 600 Prozent in die Höhe. Derzeit betrage das tägliche Handelsvolumen nur rund eine Million Dollar, obwohl viel mehr Unternehmen an der Börse gelistet seien, sagt Abdulsalam. Die Marktkapitalisierung aller bei der ISX notierten Unternehmen habe sich bei drei Milliarden Dollar eingependelt. Den grössten Anteil der an der ISX gehandelten Wertpapiere stellen Bankaktien, die zwischen 40 und 75 Prozent der täglichen Handelsaktivität ausmachen.
Irak ist Nachwuchs-Schwellenland
Für Jan Randolph, Leiter der Abteilung Länderrisiko-Analyse bei der US-Wirtschaftsorganisation IHS, sind die Daten mit denen einer mittelständischen Supermarktkette eines Industrielandes vergleichbar. «Wir haben es weitestgehend immer noch mit einem Nachwuchs-Schwellenland zu tun.»
Unterdessen konzentriert sich ISX-Chef Abdulsalam auf das Machbare. Er will dafür sorgen, dass schrittweise alle 45 zugelassenen Maklerunternehmen ihren Geschäften von ihren Büros aus nachgehen können. Zudem sollen Investoren künftig auch über das Telefon und ausserhalb der Börsensitzungen handeln können. «Das würde das Sicherheitsrisiko und weitere Unwägbarkeiten vermindern», sagt er.


























