Liebe statt Krieg

06. August 2009 13:11; Akt: 06.08.2009 13:25 Print

Geldsegen für HeiratswilligeGeldsegen für Heiratswillige

Muhanad Talib, ein sunnitischer Muslim, nahm die Schiitin Samma Nasir zur Frau, weil sie eben die Richtige für ihn war. Dass ihr Bund fürs Leben dem irakischen Staat auch noch bares Geld wert ist, schadete sicher nicht.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Wie die beiden nahmen mehr als 1700 schiitisch-sunnitische Brautpaare umgerechnet rund 1400 Euro aus einem Regierungsprogramm entgegen, das Eheschliessungen zwischen Angehörigen der beiden grossen Glaubensrichtungen im Islam fördert.

Überreicht wird das Geldgeschenk auf einer Massen-Hochzeitsfeier für Paare aus dem ganzen Land, wie sie kürzlich in einem Club in Bagdad stattfand. Regierungsamtliche Zahlen fehlen zwar. Doch Geistlichen und Standesbeamten zufolge nehmen Eheschliessungen zwischen Sunniten und Schiiten, die in der Zeit religiös motivierter Gewalt eingebrochen waren, wieder deutlich zu. Ein weiteres Zeichen, dass sich die irakische Gesellschaft allmählich vom Krieg erholt.

Die Sicherheitslage ist besser geworden. Immer mehr Iraker kehrten in ihre Wohnungen in gemischten Stadtteilen zurück und verbrächten mehr Zeit am Arbeitsplatz, an der Universität und anderen öffentlichen Orten, wo sie Ehepartner kennenlernten, erklärt der Geistliche Sajjid Ahmed al Jassiri aus dem Bagdader Schiitenviertel Sadr City. «Eine Zeit lang zögerten die Familien, solchen Ehen zuzustimmen, weil gewisse Konservative beider Glaubensrichtungen Besorgnisse geweckt hatten», sagt er. «Das ist jetzt vorbei, und es normalisiert sich wieder, so wie es vor dem Fall Bagdads war.» In den vergangenen zwei Monaten habe er 40 bis 50 Sunniten verheiratet, davon 20 mit Partnern der anderen Konfession.

«Der Hass hat nachgelassen»

Scheik Omar Abdul-Rahman Raschid, Prediger in einer sunnitischen Moschee im Norden Bagdads, bestätigt die Erfahrung. «Mein Vater ist Geistlicher und Standesbeamter, und von ihm weiss ich, dass solche Ehen zahllos sind und immer mehr werden», berichtet er. «Der Hass hat mit der Zeit allmählich nachgelassen.»

Zu Hause in Dora, einer überwiegend sunnitischen Gegend der Hauptstadt, lächelt der frischgebackene Ehemann Talib seine Frau an. «Ich habe sie gewählt, und ich will mein Leben mit ihr verbringen», sagt er. «Wir unterscheiden nicht zwischen den Glaubensrichtungen. Diese Abgrenzung kam von Sektierern.» Seine junge Frau sagt schüchtern: «Er hat mich gewählt, obwohl ich Schiitin bin.»

Generell wird im Irak wieder mehr geheiratet. Trauten sich nach offiziellen Angaben 2007 während der Welle der Gewalt noch 274.014 Paare, waren es voriges Jahr schon 357.593. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden - die halbautonome Kurdenregion ausgenommen - im Irak 62.626 Eheschliessungen verzeichnet.

Zurück zur Tradition

Die Spaltung des Islams in die Glaubensrichtungen Sunna und Schia ist 14 Jahrhunderte her und geht auf einen Streit um die rechtmässige Nachfolge des Propheten Mohammed zurück. Vor dem Krieg lebten in Bagdad Sunniten und Schiiten friedlich zusammen, Mischehen waren üblich und das Glaubensbekenntnis weniger wichtig als das Bekenntnis zu Saddam Hussein. Ein Bombenanschlag auf einen schiitischen Wallfahrtsort in Samarra 2006 löste einen blutigen Glaubenskrieg aus, Todesschwadronen metzelten Menschen nieder, Hunderttausende flohen aus der Hauptstadt.

Monate später initiierte der sunnitische Vizepräsident das Belohnungsprogramm für sunnitisch-schiitische Brautpaare in der Hoffnung, dass die Liebe den Krieg überwinden helfen werde. Die Prämie ist als Beitrag zur kostspieligen Hochzeitsfeier nicht zu verachten, zumal im Irak jeder Vierte unter der Armutsgrenze von umgerechnet 1,70 Euro am Tag lebt. Um an das Geld zu kommen, müssen sich die Brautpaare mit der Heiratsurkunde an das Büro von Vizepräsident Tarik al Haschemi wenden. Der Geldumschlag wird dann bei einer grossen Feier überreicht.

Bei solcher Gelegenheit nahm auch der Universitätsprofessor Raad Karim vorigen Monat die Hochzeitsprämie entgegen. «Im Irak wird seit Jahrhunderten zwischen Sunniten und Schiiten geheiratet», erklärt er. «Wir müssen zu unseren Traditionen zurückfinden, auch wenn Terroristen sie auszulöschen versuchen.»

(dapd)