Iranische Protestikone

23. Juni 2009 12:02; Akt: 23.06.2009 12:39 Print

«Sie war lebensfroh und liebte Popmusik»«Sie war lebensfroh und liebte Popmusik»

von Peter Blunschi - Die sterbende Neda, die neue Ikone des iranischen Widerstands, war ein zufälliges Opfer, zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie habe keine politischen Ziele gehabt, erzählt ihr Verlobter, sondern nur Freiheit gewollt.

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Am Samstagabend erhielt Hamed, ein in Holland lebender iranischer Asylbewerber, einen Anruf aus Teheran. «Neben mir ist gerade eine junge Frau getötet worden», berichtete ein Freund. Er hatte die Szene mit seinem Handy gefilmt. Weil zahlreiche Websites im Iran blockiert sind, sandte er das Material per Mail an Hamed. «Er fragte mich, ob ich alles sofort veröffentlichen könne», sagte der Asylbewerber dem «Guardian». Fünf Minuten später hatte er das Video auf Facebook und YouTube hochgeladen.

Der Rest ist bereits Geschichte: Die zutiefst verstörenden Bilder der Neda («Stimme») genannten sterbenden Frau verbreiteten sich im Nu rund um den Erdball. Neda und ihr blutüberströmtes Gesicht wurden zum Symbol der bislang weitgehend gesichts- und namenlosen Protestbewegung gegen die Präsidentschaftswahl im Iran. Dabei waren vorerst weder die Echtheit des Videos noch die Identität der Frau belegt. Es gab widersprüchliche Informationen, Fotos von zweifelhafter Herkunft kursierten im Internet.

Mit Musiklehrer auf dem Heimweg

Doch nun lichtet sich der Nebel, dank Recherchen diverser Zeitungen. Bei der Frau handelt es sich um Neda Agha-Soltan, eine 26-jährige Philosophiestudentin aus Teheran, die nebenbei in einem Reisebüro arbeitete und Gesangsstunden nahm. «Sie war lebensfroh und liebte Popmusik», sagte eine namentlich nicht genannte Person aus der Verwandtschaft der «New York Times». Am Samstag war sie nicht wie ursprünglich vermutet in Begleitung ihres Vaters, sondern ihres Musiklehrers Hamid Panahi.

Die beiden befanden sich im Auto auf dem Heimweg und steckten im Stau fest. Es war sehr heiss, deshalb wollten sie in einer ruhigen Seitenstrasse für ein paar Minuten frische Luft schnappen. In der Nähe fand die Hauptkundgebung der Regimegegner statt. «Wir hörten einen Schuss, die Kugel drang direkt in Nedas Brust ein», sagte Hamid Panahi der «New York Times». Der Schuss sei vom Dach eines Privathauses auf der anderen Strassenseite abgefeuert worden, vermutlich von einem Scharfschützen.

«Ich verbrenne»

Ein unbekannter Arzt, der als erster den Vorfall in einem Mail geschildert hatte, versuchte sie zu retten, doch die Kugel war tödlich. «Ich verbrenne», sollen Nedas letzte Worte gewesen sein. Warum sie ins Visier geriet, bleibt unklar. Möglicherweise lag es daran, dass sie ein Mobiltelefon bei sich hatte. Die Sicherheitskräfte gehen bei Demonstrationen gezielt auf Leute mit Handy los, weil diese laufend Fotos und Videos ins Internet stellen und damit die Informationsblockade der Regierung umgehen.

Nedas Leichnam wurde in ein Spital und danach in ein Leichenschauhaus gebracht. Die offenbar über den Neda-Hype informierten Behörden hätten verlangt, dass sie sofort beerdigt wird und keine Trauerfeier stattfindet, sagte ihr Verlobter Caspian Makan auf BBC Persia: «Wir haben sie auf einem Friedhof im Süden Teherans beigesetzt.» Auch eine für Montag in der Niloufar-Moschee in Teheran geplante Gedenkfeier wurde verboten. Laut «New York Times» wurde eine Versammlung von rund 70 Personen von Paramilitärs auf Motorrädern auseinandergetrieben.

Freiheit für alle

Die zur Protestikone gewordene Neda Agha-Soltan war selber politisch nicht aktiv, betonte ihr Verlobter. «Es ging ihr nicht um Ahmadinedschad oder Mussawi, sondern um das Land.» Allerdings habe sie mit der Protestbewegung sympathisiert. «Sie wollte Freiheit, Freiheit für alle», hielt Caspian Makan, ein 37-jähriger Fotoreporter, fest.

Die Tatsache, dass sie ein zufälliges Opfer war, dürfte ihren Status als «Märtyrerin» noch unterstreichen, vermutet die «New York Times». «Es ist schrecklich, wenn eine so junge und unschuldige Frau auf diese Art stirbt», zitierte die Zeitung einen 41-jährigen Mann aus Teheran. Und eine Frau, die am Montag zur Niloufar-Moschee kam, sagte: «Ich weine jedes Mal, wenn ich Nedas Gesicht im TV sehe.»


Bearbeitete Version des Videos von Al Dschasira

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(Quelle: YouTube)