Vier-Säulen-Modell

18. November 2010 18:09; Akt: 19.11.2010 09:29 Print

Drogenhölle Iran

von Omid Marivani - Die fortschrittliche Drogenpolitik des Irans sucht ihresgleichen in der islamischen Welt. Gleichzeitig drängt kein anderes Land so viele seiner Bürger in die Abhängigkeit.

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Arbeits- und Perspektivenlosigkeit treiben Millionen Iraner in die Drogensucht. (Bilder: iranfocus.com)

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Der bisweilen krankhafte Wunsch nach Bewunderung ist ein ausgeprägtes Merkmal der iranischen Psyche. Er äussert sich in privatem Rahmen etwa in endlosen Lobreden über die eigene Hochkultur, die 2500-jährige Zivilisation und das erste Grossreich der Menschheitsgeschichte.

Die iranische Führung verfällt in dasselbe Muster, wenn sie das Land zur Regional- und neuerdings sogar zur Weltmacht erklärt. Dieser zunehmende Realitätsverlust ist nicht zuletzt auch eine Reaktion auf das Ausbleiben jener Anerkennung, die sie sich so sehr wünscht. Je gnadenloser die Weltgemeinschaft Steinigungen, Atomprogramm und Wahlfälschung kritisiert, desto wahnwitziger werden die Allmachtsfantasien. Seltene Momente des Lobes werden verständlicherweise ausgiebig gefeiert.

Iran als Drogenpolizei des Westens

Einer dieser Strohhalme, an die sich die iranische Führung klammert, ist ihre Drogenpolitik. Selbst die UNO anerkennt in diesem Zusammenhang die grossen Anstrengungen des Irans. Anlässlich der UNO-Generalversammlung im September sagte der iranische UNO-Botschafter Mohammad Khazaee: «Im Kampf gegen den Drogenhandel haben tausende iranische Polizisten ihr Leben verloren und Milliarden US-Dollar sind ausgegeben worden.» Mit Fug und Recht betont der Iran unermüdlich, damit auch dem Westen einen grossen Dienst zu erweisen, denn aus dem benachbarten Afghanistan stammen 90 Prozent des weltweit produzierten Opiums und Heroins. Die Schmuggelrouten nach Europa und in die USA führen durch den Iran, wo die Drogenfahnder jedes Jahr zwischen 200 und 300 Tonnen illegaler Substanzen sicherstellen - ein Weltrekord. Diese werden regelmässig in publizitätsträchtigen, öffentlichen Aktionen vernichtet. Drogenhandel gilt im Iran als Kapitalverbrechen und wird mit dem Tod bestraft.

Erfahrungen aus der Schweiz

Das Lob der UNO bleibt nicht auf die Tüchtigkeit der iranischen Drogenfahnder beschränkt. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung würdigt die Anstrengungen Irans im Bereich der Drogentherapie als einzigartig in der islamischen Welt. Das war nicht immer so. Nach der islamischen Revolution 1979 hatte die Regierung zunächst den traditionellen Ansatz verfolgt: Drogensüchtige verhaften und ins Gefängnis stecken. 20 Jahre später begann sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass der repressive Ansatz gescheitert war. In Anlehung an das Vier-Säulen-Modell der Schweiz fing die Regierung an, Anlaufstellen für Drogenabhängige zu finanzieren, wo Methadon und saubere Spritzen abgegeben sowie HIV-Behandlungen angeboten werden.

Volksdroge Heroin

Unter all dem Lob geht ein anderer, weniger schmeichelhafter Rekord gern unter: In keinem anderen Land der Welt ist der Drogenkonsum so verbeitet wie im Iran. Die nationale Drogenbehörde sprach 2006 von über einer Million Abhängigen (bei einer Gesamtbevölkerung von rund 75 Millionen) und untersagte die Veröffentlichung von abweichenden Statistiken. Aus gutem Grund: Die UNO geht von zwei Millionen aus. Ein Vertreter des iranischen Innenministeriums hatte 2005 sogar zehn Millionen genannt. Noch zurückhaltender werden die Behörden, wenn es um die Hintergründe dieses Phänomens geht. Doch Gespräche mit Drogenabhängigen offenbaren stets denselben Teufelskreis aus Arbeits- und Hoffnungslosigkeit. Wer kann, verlässt das Land - jährlich über 150 000, auch das ein Weltrekord. Von denen, die bleiben, rutschen laut offiziellen Angaben jedes Jahr 130 000 in die Drogenabhängigkeit ab. Alkohol ist teuer und der Oberschicht vorbehalten. Ein Schuss Heroin hingegen ist für umgerechnet einen Franken zu haben. Andere Möglichkeiten, der Trostlosigkeit zu entkommen, gibt es im Gottesstaat keine.

Im Gespräch mit iranischen Drogensüchtigen: