Iran

27. Dezember 2009 16:12; Akt: 27.12.2009 21:31 Print

Mussawis Neffe stirbt durch Schüsse in Teheran

In Teheran ist bei den blutigsten Zusammenstössen seit Juni ein Neffe von Oppositionsführer Mir Hossein Mussawi getötet worden. Das staatliche Fernsehen bestätigte «mehrere» Todesopfer im Rahmen von Kämpfen zwischen «shiitischen Gläubigen» und «Aufständischen».

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Ein Toter bei Protesten in Tehrean. (Bild: Keystone/AP)

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Der 35-jährige Sejed Ali Mussawi sei am Sonntag im Krankenhaus seinen Wunden erlegen, erklärte ein Berater des Oppositionspolitikers. Demnach schossen Sicherheitsbeamte in die Menge der Demonstranten und töteten mindestens vier Menschen, darunter Ali Mussawi. Andere Quellen sprachen von acht Toten - vier in der iranischen Hauptstadt Teheran und vier in der Stadt Tabris. Das französische Aussenministeriums sprach ebenfalls von bis zu acht Todesopfern, ohne nähere Erläuterungen zu der Zahl.

Am Sonntagabend bestätigte das staatliche iranische Fernsehen, dass mehrere Menschen ums Leben gekommen sind, stellte die Ereignisse jedoch als Aufeinanderprallen verfeindeter Gruppierungen dar. Schiitische Gläubige, die das Aschura-Fest begingen, hätten sich gegen Aufständische gewandt, die «Provokation und Zerstörung brachten». «Bei diesen Unruhen wurden mehrere Menschen auf beiden Seiten getötet und mehrere weitere verletzt», hiess es ohne genauere Angaben zu den Opferzahlen.

Der Polizeichef von Teheran hatte die Opfer zuvor geleugnet. Es seien keine Schüsse gefallen, sagte Asisollah Radschabsadeh laut der halbamtlichen Nachrichtenagentur ISNA: «Niemand wurde getötet. Die Polizei hat das Feuer nicht eröffnet, und die anwesenden Beamten haben auch gar keine Waffen getragen.»

Zusammenstösse wurden zum Höhepunkt des schiitischen Aschura-Festes auch aus den Städten Isfahan und Nadschafabad gemeldet. (Videos zu den Protesten hier).

Die Proteste waren die blutigsten seit den Demonstrationen nach der umstrittenen Präsidentenwahl im vergangenen Juni. Mussawi hatte damals gegen Ahmadinedschad verloren. An diesem Wochenende machte sich die Opposition das Aschura-Fest, die höchsten Feierlichkeiten der Schiiten, zunutze. Das mehrtägige Fest erinnert an Leiden und Tod des Begründers der schiitischen Glaubensrichtung Imam Hussein.

Schuss in die Stirn von altem Mann

Mit Sprechchören wie «Tod dem Diktator» gingen in Teheran mehrere tausend Anhänger der Oppositionsbewegung auf die Strasse. An verschiedenen Stellen der Hauptstadt versammelten sich immer wieder in kürzester Zeit riesige Menschenmengen. Aufgebrachte Demonstranten warfen nach Augenzeugenberichten Steine auf die Einsatzkräfte und setzten Dutzende von Motorrädern in Brand, wie sie von den Basidsch-Milizionären eingesetzt werden. Über dem Zentrum von Teheran stiegen zeitweise schwarze Rauchwolken auf, Sirenen von Rettungswagen waren zu hören. Polizeihubschrauber kreisten über den Strassen.

Auf der Engelab-Strasse gaben die staatlichen Einsatzkräfte zunächst Warnschüsse in die Luft ab und gingen mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Menschenmenge vor. Schliesslich hätten sie direkt auf Demonstranten geschossen, berichteten Augenzeugen und die dem Reformlager nahestehende Website Rah-e-Sabs.

Eines der Todesopfer sei ein älterer Mann mit einer Schusswunde auf der Stirn. Augenzeugen sahen, wie er mit blutüberströmtem Gesicht von Anhängern der Opposition weggetragen wurde.

Die Angaben der regierungskritischen Internetseiten können nur selten von unabhängiger Seite überprüft werden. Die iranischen Behörden haben ausländischen Journalisten die Berichterstattung über Kundgebungen verboten.

Nach Angaben der Polizei wurden mehrere Sicherheitskräfte verletzt und 300 Demonstranten festgenommen.


Polizisten verweigern Befehle

Die Sicherheitskräfte in Teheran weigerten sich, ihre Schusswaffen einzusetzen, berichtete am Sonntag die regierungskritische Internetseite Jaras. «Die Polizisten weigern sich, die Befehle ihrer Vorgesetzten zu erfüllen und auf Demonstranten im Zentrum zu schiessen», hiess es. «Einige versuchen, in die Luft zu schiessen, wenn sie von ihren Vorgesetzten unter Druck gesetzt werden.»

Kommunikation behindert

Wie in der Vergangenheit bei ähnlichen Zusammenstössen wurde das Mobilfunknetz abgeschaltet, Internetleitungen waren auf eine minimale Bandbreite gedrosselt.

Die Regierungskritiker kündigten eine Fortsetzung ihrer Aktionen bis in die Nacht hinein an. Die Proteste würden auf mehreren Plätzen im Zentrum der Hauptstadt anhalten, hiess es auf einer Internetseite der Opposition.

Bereits am Samstag kam es zu ersten Zusammenstössen, wie die Betreiber von Rah-e-Sabs berichteten. Dabei wurde Tränengas und Pfefferspray gegen Demonstranten eingesetzt.

Die Spannungen im Iran begannen im Juni nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl, bei der sich Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad eine zweite Amtszeit sicherte. Die Situation verschärfte sich vor einer Woche mit dem Tod des regimekritischen Geistlichen Ayatollah Hossein Ali Montaseri. Am vergangenen Montag nahmen mehrere zehntausend Menschen an der Beisetzung Montaseris in der Stadt Ghom teil.

(kub, rub/sda/ap)