Schlankes Nippon
30. April 2009 15:43; Akt: 30.04.2009 16:08 Print
Japaner müssen zum Pflichtwiegen
Die gesundheitlichen Folgen kosten die Staaten weltweit jährlich Milliarden. Zu viel, findet das japanische Gesundheitsministerium und lässt das Volk hungern und schwitzen.
Bekannt als «Land der aufgehenden Sonne», soll Japan nun auch zum «Land der aufgehenden Kostenrechnung» werden. Um das zu schaffen, hat Nippons Regierung einen Bereich ins Visier genommen, in dem besonders viel Geld ausgegeben wird: Dem
Gesundheitswesen. Aus gutem Grund - denn Japan hat ein dickes und vor allem teures Problem. Sushi und Miso-Suppe wichen längst westlichen Ernährungsgewohnheiten - zu Ungunsten der schlanken Linie. Genau wie andere Staaten auf der Welt gibt Japan jährlich unzählige Milliarden für die Behandlung von Erkrankungen aus, die durch Fettleibigkeit entstehen. Jeder Fünfte ist bereits übergewichtig.
Jährlich auf die Waage: Für viele Japaner ist das Pflicht.
(Bild: Colourbox)
Zwischen 40 und 74? Ab auf die Waage!
So erging es auch Herrn Otsaka. Der Ingenieur der japanischen Fluggesellschaft All Nippon Airways (ANA) bekam das sogar schriftlich von seinem Arbeitgeber mitgeteilt. Wie das ZDF-Magazin «Auslandsjournal Extra» berichtet, flatterte ihm ein Brief ins Haus, in dem der Angestellte zu einer von der Firma angeordneten Abspeckkur aufgefordert wurde. Denn sein Brötchengeber muss zusätzliche Krankenkassengebühren bezahlen, wenn die Mitarbeiter zu dick sind. Beim letzten gesetzlich für alle 40 bis 74 Jahre alten Japaner befohlenen Wiegen trug Otsaka noch 11 Kilo mehr auf den Rippen. Die Betriebsärztin verordnete ihm deshalb die strenge Einhaltung eines Diätplans und zwei Besuche wöchentlich im Fitness-Studio: «Zunächst überprüfen wir alle Mahlzeiten, die unsere Mitarbeiter zu sich nehmen und schauen, wie gesund diese sind», erklärt Dr. Chikako Kameda, Betriebsärztin bei All Nippon Airways. «Dann bezahlen wir das Fitness-Studio weitestgehend. Man muss allerdings unterschreiben, dass man regelmässig dort hingeht.»
Auch in der Kantine von All Nippon Airways wird auf fettige Finger geklopft: Auf den Tischen mahnen Pappaufsteller zu gesünderem und vernapptem Essen. Hier lässt man noch Milde walten, während andere Firmen sogar kontrollieren, was und wie viel ihre Mitarbeiter in der Mittagspause verputzen.
Japan - das Land der durchgeknallten Kontrollfreaks - ein Land der vollkommenen Bevormundung des Bürgers? Gen Yokoyama vom Gesundheitsministerium wiegelt ab: «In Japan ist es seit jeher üblich, dass sich der Staat und auch die Firmen sehr stark um die Gesundheit der Menschen kümmern. Deshalb haben wir auch noch nie von jemandem gehört, der den Zwangstest als Einmischung in die Privatsphäre empfand.»
Ob Einmischung oder nicht: Herr Otsaka fühlt sich nach seiner Abspeckkur rundum wohl und freut sich schon auf den Besuch in der Karaoke-Bar, denn die kann mit einem neuen Zusatzfeature aufwarten: Nach jedem Titel wird auf einem Display eingeblendet, wie viele Kalorien versungen wurden.
(rre)





























