Phänomen Jugendgewalt

11. August 2011 22:50; Akt: 11.08.2011 22:18 Print

Tätern fehlt Platz in der GesellschaftTätern fehlt Platz in der Gesellschaft

von Marcel Amrein - 13-Jährige, die prügeln, stehlen und brandschatzen: Nicht nur in England ist die Jugend ausser Rand und Band. Der Psychologe Allan Guggenbühl nennt Orientierungslosigkeit als Grund.

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Die Gewalt hat sich in der Nacht zum ausgeweitet. Das Zentrum ist jetzt Manchester. Mehrere Gebäude wurden in Brand gesetzt. Hunderte maskierte Jugendliche liefen durch das Stadtzentrum von Manchester. Sie zerstörten Scheiben und plünderten Geschäfte. In Birmingham gingen die Aufstände weiter. Mit Hunden versucht die Polizei für Ordnung zu sorgen. In London, wo die Aufstände begonnen haben, blieb es in der vierten Nacht der Krawalle in England verhältnismässig ruhig. Im Stadtteil Croydon war die Feuerwehr mit Löscharbeiten beschäftigt. Wie nach einem Bombenangriff sehen Teile Londons nach der dritten Krawallnacht in Folge aus. Die Ausschreitungen haben in der Nacht auf Dienstag ihr erstes Todesopfer gefordert. Premierminister David Cameron eilte am Dienstag aus den Ferien zurück. Er beorderte 10 000 zusätzliche Polizisten in die englische Hauptstadt. In England sind die Krawalle, die am Samstag (6. August) begonnen haben, eskaliert. In mehreren Stadtteilen Londons werden in der Nacht auf den Autos angezündet. In Londons Stadtteilen Brixton, Hackney,Camden, Endfield und auch am Oxford Circus, mitten in der Londoner Innenstadt, wird randaliert und geplündert. Filialen des Elektronikhändlers Currys gehören zu den bevorzugten Zielen plündernder Jugendlicher. Zu Gewalt und Plünderungen kommt es auch in Städten wie Birmingham (Bild), Liverpool und Bristol. Die Polizei ist zunehmend überfordert. In drei Tagen hat die Polizei über 300 Personen festgenommen. 35 Polizisten sind verletzt worden, auch Fotografen (im Bild). Ganze Strassenzüge stehen in Flammen. Bereits am Abend des weiten sich die Krawalle auf den Londoner Stadtteil Hackney aus. Auch in Hackney werden Autos in Brand gesetzt. In der Nacht auf den ist es im Londoner Stadtteil Tottenham zu schweren Ausschreitungen gekommen. Eine zunächst friedliche artete in Unruhen aus. Die Demonstranten protestierten gegen die durch die Polizei am 4. August. Zu den Ausschreitungen kam es, als sich bis zu 500 wütende Menschen vor dem Polizeirevier versammelten und es zu stürmen versuchten. Manche der Randalierer kamen von weither nach London gereist. Etwas mehr als zehn Kilometer von der Londoner Innenstadt entfernt, zählt Tottenham zu den ärmsten Gegenden Grossbritanniens. Fast die Hälfte aller Kinder in Tottenham wächst in Armut auf. Neben Gebäuden wurden auch Autos angezündet. Mehrere Streifenwagen ... ... und ein Doppeldeckerbus wurden in Brand gesteckt. Schaufensterscheiben wurden eingeschlagen und Geschäfte geplündert. Es sah aus wie im Krieg Bei den schweren Krawallen im Londoner Stadtteil Tottenham sind nach Polizeiangaben worden.

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Herr Guggenbühl, was ist mit den Jugendlichen in England los?
Allan Guggenbühl: In England entladen sich lang aufgestaute Frustrationen. Die Klassengesellschaft beraubt auch heute noch viele Jugendliche ihrer Zukunftsperspektiven. Weil sie in ihrem Leben keinen Wert und keine Aufgabe sehen, gehen sie jetzt auf sinnlose Krawalltouren.

Müssen wir uns auch in der Schweiz auf plündernde und brandschatzende Teenager-Banden gefasst machen?

Nein. Wir haben viel bessere Mechanismen, um schwierigen Jugendlichen einen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Gold wert sind etwa unsere Berufslehren – sie lassen uns viel besser dastehen als Länder, in denen man nur mit einem Studium zu etwas kommen kann.

Aber auch bei uns wird Jugendgewalt zunehmend virulent. Wie sieht der typische jugendliche Gewalttäter bei uns aus?
Er durchlief eine problema­tische Schulkarriere, hatte zu Hause keine männliche Bezugsperson und ist desorientiert – er weiss nicht, was er mit sich selber anfangen soll.

Schockierend ist die oft hemmungslose Brutalität dieser jungen Täter. Woher kommt das?

Neurologisch kann man sagen, dass bei Jugendlichen die sogenannten Frontallappen des Gehirns noch nicht ausgereift sind. Das bedeutet, dass sie eine verminderte Affektkont­rolle haben und zu Regelverstössen neigen.

Heisst das, wir müssen Jugendgewalt einfach akzeptieren?
Auf keinen Fall. Natürlich, Jugendliche waren schon immer mühsam. Früher hat man sie in Kriege oder in die Kolonien geschickt. Heute müssen wir neue Formen finden, wie wir mit ihnen umgehen.