Zweierlei Mass

30. Juli 2010 06:51; Akt: 30.07.2010 10:40 Print

Chefanwalt kritisiert Promi-BehandlungChefanwalt kritisiert Promi-Behandlung

Jörg Kachelmann ist frei. Jetzt streiten sich Anwälte und Behörden, ob er gerecht behandelt wurde. Der oberste Strafanwalt sieht eine Art Sadismus am Werk, Kachelmanns Anwalt dankt für die Behandlung.

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Der Präsident des Verbandes deutscher Strafrechtsanwälte, Jürgen Möthrath, übt scharfe Kritik am Verhalten der Justiz im Fall Kachelmann. Es gebe einen regelrechten Malus für Prominente, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

«Es ist wahrscheinlich ein bisschen schön, wenn man einen Prominenten vorführen kann.» Das Privatleben des Schweizer Wettermoderators sei in einer Weise an die Öffentlichkeit gezerrt worden, wie es bei normalen Sexualstraftätern nie der Fall gewesen wäre.

«Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, der Erfolg hat, wird schnell mit Namen genannt und nicht nur mit dem Kürzel.» Unter der Hand würden Informationen an die Presse weitergegeben, sagte der Strafverteidiger und erinnerte an den Fall des früheren Postchefs Klaus Zumwinkel.

Dieser war 2009 wegen Steuerhinterziehung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Am Tag der Hausdurchsuchung bei Zumwinkel habe der Eindruck bestanden, dass die Presse schneller vor Ort gewesen sei als die ermittelnde Staatsanwaltschaft.

«Diese Form, an die Medien zu gehen, ist aus meiner Sicht unmoralisch», sagte Möthrath. Mit dem Mittel der Vorverurteilung werde ein gewisser öffentlicher Druck aufgebaut, was die Arbeit eines Strafverteidigers belaste.

Gefängnisdirektor: «Haben uns bemüht, ihn normal zu behandeln»

Trotz Promi-Status soll der Schweizer Wettermoderator Jörg Kachelmann keine Spezialbehandlung während seiner 132-tägigen Untersuchungshaft bekommen haben. «Wir haben uns bemüht, ihn normal zu behandeln. Es gab keine Extrawünsche», sagte der Leiter der Justizvollzugsanstalt Mannheim, Romeo Schüssler.

Kachelmann habe sich im Vollzug ruhig und unauffällig verhalten, erklärte Schüssler im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Trotzdem sei Kachelmann kein gewöhnlicher Gefangener gewesen - vor allem für die übrigen Insassen.

«Wie draussen auch konnte er sich hier nicht so bewegen wie andere.» Der 52-Jährige sei natürlich beobachtet worden. Auch der Medienandrang um seine Person habe in der Haftanstalt bisweilen für Stress gesorgt. «Das hielt uns von der Arbeit ab», sagte Schüssler.

Anwalt lobt «faire Behandlung»

Als das Gefängnistor am Donnerstag geöffnet wurde, hatte Kachelmann zum Abschied einen Justizbeamten umarmt, bevor er ins Blitzlichtgewitter der Fotografen trat. Am Vormittag waren es auch Gefängniswärter, nicht etwa sein Anwalt, die Kachelmann den Entscheid des Oberlandesgerichts Karlsruhe in der Zelle überbrachten.

Sein Anwalt Reinhard Birkenstock hatte die «faire Behandlung» seines Mandanten während der U-Haft gelobt. «Wenn er sich fair behandelt fühlt, freut uns das», sagte der Gefängnisleiter. «Es ist unsere Aufgabe, alle fair zu behandeln.»

(sda)