Gebrochenes Schweigen

03. August 2010 11:07; Akt: 15.09.2010 14:31 Print

Schuldig oder nicht - die PR-Strategie stimmt

von Amir Mustedanagic - Kaum aus dem Knast, schon in den Medien: Jörg Kachelmann kämpft für sein Image – mit allen Mitteln.

Das erste Interview nach 132 Tagen U-Haft: «Ein ruhiger Kachelmann, ganz untypisch», so ein Kommunikationsexperte. (Quelle-Video: youtube.com)

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Die Beobachter waren sich nach dem Entscheid des Oberlandesgerichtes Karlsruhe sicher: Jörg Kachelmann wird sich nach seiner Freilassung zurückziehen und bis zum Vergewaltigungsprozess im September schweigen. Prompt bestätigte er die Prophezeiung der Experten: Still trat er nach der Entlassung aus der U-Haft vor die Medien. Sein Anwalt gab ein kurzes Statement ab, dann düsten die beiden gemeinsam ab. Kaum jemand hätte zu diesem Zeitpunkt damit gerechnet, dass der Wettermoderator nur knapp 48 Stunden später bereits wieder vor die Medien treten würde. Doch er tat es – und das gleich doppelt. Erst bediente er mit einer Videobotschaft den deutschen Boulevard (siehe oben), anschliessend traf er sich mit dem «Spiegel» zu einem ausführlichen Interview.

Für Beat R. Krättli kein Zufall: «Der stille Triumph bei der Entlassung und die Bilder sprachen für sich», so der Experte für Krisenkommunikation gegenüber 20 Minuten Online. Kachelmann musste zu diesem Zeitpunkt auch nicht viele Worte verlieren, Strafrechtsexperten deuteten seine Freilassung in seinem Sinne: «Wenn kein dringender Tatverdacht mehr besteht, muss es grosse Zweifel am Opfer geben – das ist die Wende im Fall Kachelmann», waren und sind sich die Experten seither einig. «Die Aussagen der Strafrechtsexperten waren in diesem Moment viel stärker als alles, was Kachelmann hätte sagen können», ist Krättli überzeugt. Das Zeichen sei unabhängig vom offensichtlich bewusst gewählten weissen T-Shirt und dem frisch rasierten Gesicht klar gewesen: Hier sass ein unschuldiger Mann monatelang im Knast.

Die stille Botschaft der Umarmung

Und als ob dies nicht genügte, gab es noch einen viel subtileren, aber genau so bezeichnenden Moment: Kurz nachdem Kachelmann durch die Türe der Justizvollzugsanstalt Mannheim ging, drehte er sich um und umarmte einen Gefängnisbeamten. Vielleicht war es authentisch, vielleicht war es Strategie – sicher ist: «Es war ein extrem starkes Symbol an die Öffentlichkeit», sagt Krättli, «es hiess: Seht her, sogar die im Knast sind von meiner Unschuld überzeugt.» Tatsächlich verzichtete kaum ein Medium auf die Bilder und so flackerte die Umarmung über die Fernsehbildschirme oder zierte die Online- und Zeitungsberichte.

Die öffentliche Meinung hat sich längst gedreht, an die Schuld von Kachelmann glaubte bereits zuvor nur noch eine Minderheit, wie eine repräsentative Umfrage in Deutschland festhielt. Nun haben auch viele Medien umgeschwenkt und glauben an die Unschuld des Wettermoderators. Dabei hatte es für ihn anfänglich nicht gut ausgesehen: Drei Monate lang wurden Details der mutmasslichen Vergewaltigung ans Tageslicht gezerrt und der Moderator vorverurteilt. Die Experten sprachen bereits davon, dass seine Karriere vorbei sei, selbst wenn er unschuldig sein sollte. Nun sieht dies ganz anders aus, wie Krättli sagt. «Die Kommunikationsstrategie von Kachelmann ist bisher ausgezeichnet gewesen, behält er sie bei, könnte er sogar ins Fernsehen zurückkehren», so der Kommunikationsexperte.

Die Kernbotschaft

Den Grundstein dazu hat Kachelmann mit seinem ersten öffentlichen Auftritt nach der Verhaftung gelegt, sagt Krättli. Vor den Medien trat er den Weg aus dem Gefängnis zum Richter an und sagte nur einen Satz: «Ich bin unschuldig.» Diese Kernbotschaft – wie es in der Kommunikation heisst – sei in der Folge immer und immer wieder zitiert und der entsprechende Video-Ausschnitt immer wieder gezeigt worden. «Diese subtile, aber überlegte Kommunikationsstrategie hat er nun fortgeführt», sagt Krättli.

Nach seiner Freilassung hat Kachelmann in keiner Art und Weise die Medien kritisiert – obwohl er aus seiner Sicht jeden Grund dazu gehabt hätte. Im Gegenteil. Nur 48 Stunden nach seiner Freilassung gab er ein erstes Video-Interview: Er sprach über seine Unschuld, die Zeit im Knast, den Respekt, den er im Gefängnis erlebt habe und wie schwierig es für ihn gewesen sei. Er sagte nicht: Ich habe nichts getan, sondern wiederholte immer wieder das Wort «Unschuld». «Er flüchtete sich nicht in den Angriff, sondern sprach von sich und seinen Erlebnissen – für den Prozess ist das nicht von Bedeutung, für sein Image und das Mitleid umso mehr», so die Analyse von Krättli. Vor allem sei aber augenfällig, dass dort ein neuer, ein anderer Kachelmann sprach. «Es gab nichts Saloppes, die Wortwahl war sehr überlegt», so Krättli weiter. Im Interview mit dem «Spiegel» legte er nach.

Die Läuterung

«Ich habe in meinem Leben ganz sicher nicht alles richtig gemacht», gab sich der Wettermoderator einsichtig. Er habe auch nicht in jeder Phase seines Lebens monogam gelebt. «Aber deswegen habe ich keine Straftat begangen», sagte Kachelmann dem Spiegel und wiederholte im gleichen Atemzug: «Ich bin unschuldig.» Für Krättli ein Moment der Läuterung: «Er hat diese Schwäche zugegeben, Einsicht gezeigt, ist aber nicht aggressiv aufgetreten oder hat versucht Ausreden zu suchen – so etwas stärkt die Glaubwürdigkeit», sagt Krättli. In der heutigen Gesellschaft würde über niemanden der Stab gebrochen, nur weil er kein Leben als Gentleman führt. «Sein Lebensstil könnte sogar mit einem Augenzwinkern abgetan werden», so Krättli.

Die Warnung

Natürlich muss nicht alles Strategie sein, aber es spricht einiges dafür, dass Kachelmann seit seiner Freilassung PR-Arbeit für seinen Ruf betreibt. So hat er neben seinen Interviews eine zweite Front eröffnet und «Bild» wegen ihrer Berichterstattung eine Klage angedroht: Zwei Millionen Schmerzensgeld verlangt er vom Verlag der «Bild». Dabei dürfte es ihm weniger um das Geld als vielmehr um eine ausgewogenere Berichterstattung gehen, wie Krättli sagt. «Es ist ein klares Zeichen an die Medien, sich nun mit Mutmassungen zurückzuhalten, was eine Berichterstattung zu seinen Gunsten verspricht», so Krättli.

Tatsächlich kann und hat Kachelmann nun seine Unschuldsbeteuerungen in die Öffentlichkeit getragen, das mutmassliche Opfer allerdings hockt zuhause. Sie hat diese Möglichkeit nicht – oder zumindest nicht direkt. Ihr Anwalt scheint aber auch nicht Däumchen zu drehen: «Focus» berichtet in seiner aktuellsten Ausgabe in aller Ausführlichkeit aus dem Tagebuch von Sabine W. Es offenbart die Leidenszeit der Frau während des Wartens auf die Verhaftung von Kachelmann, ihre Weinkrämpfe bis zur absoluten Verzweiflung und den Selbstmordgedanken des «mutmasslichen Vergewaltigungsopfers», wie sie neuerdings sogar die «Bild» nennt.

Das Resultat

Die Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie von Kachelmann scheint aufzugehen: Über ein zweites Verfahren gegen Kachelmann, welches die Staatsanwaltschaft Mannheim eröffnet hat, berichteten die Medien bisher zurückhaltend. Dabei hätte diese Geschichte wohl auch einiges zu bieten: Kachelmann soll eine Bekannte mit dem Bademantelgurt in der Dusche gefesselt und sie anschliessend mit einem Rohrstock geschlagen haben. Was letztlich stimmt, versucht das Gericht ab dem 6. September herauszufinden. Die öffentliche Meinung wird dabei ihren Beitrag leisten, auch die Richter sind nicht immun dagegen.

Ob Jörg Kachelmann schuldig erklärt wird oder nicht – seine PR-Strategie ging bisher auf: Die öffentliche Meinung hat sich bereits jetzt zu seinen Gunsten gedreht. «Sollte er freigesprochen werden, bleiben zwar möglicherweise seine Frauengeschichten in Erinnerung», sagt Krättli, «der Vergewaltigungsvorwurf dürfte aber nicht hängen bleiben.» Er müsse dann aber noch offensiver kommunizieren und sich in die Öffentlichkeit begeben. Wie der Kommunikationsexperte glaubt, sollte dies kein Problem sein: «Kachelmann wird bei einem Freispruch mehr als eine Talkshow-Einladung erhalten.» Dieser Schritt ist aber noch weit entfernt, deshalb muss Kachelmann wohl zunächst eher darauf achten, dass seine PR-Strategie nicht nach hinten los geht: Zu viele Unschuldsbeteuerungen und mitleidige Knastgeschichten und aus der Image-Aufpolierung wird eine offensichtliche Show - der Todesstoss für die Glaubwürdigkeit.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Alfred Jakob am 03.08.2010 17:06 Report Diesen Beitrag melden

    PR, auch J.K. hat ein Recht dazu!

    Man erinnere sich bitte, KAUM IM KNAST, schon in den Medien. Oder war's etwa nicht so?

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  • Kurt Aegeri am 03.08.2010 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Inszeniert von Anfang an

    Die ganze Schmierenkomödie ist nicht erst seit seiner Freilassung inszeniert. Von Anfang an wurde alles daran gesetzt, Kachelmann als Opfer dastehen zu lassen. Und es hat funktioniert. Miedien, sogenannte Experten (einmnal mehr!) und Staatsanwaltschaft schützen den angeklagten Täter und hauen das Opfer in die Pfanne. Unter Rechtsstaat verstehe ich etwas anderes! Skandalös!

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  • Ivo Sprecher am 04.08.2010 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    Gibt es eigentlich noch Galgenbauer?

    Was folgt auf die "Brieflüge" ? Vielleicht das "Tagebuch" in etwa derselben Qualität? Wer die Wahrheit spricht, braucht weder Kachelmann noch den Prozess zu fürchten. Bin mal gespannt, und hoffe sehr, dass man zu einem gerechten Urteil finden wird.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Susanne Reich am 07.08.2010 20:10 Report Diesen Beitrag melden

    sein Image ist schon gemacht

    Sein Image hat er doch schon... ;-) Was auch immer wahr ist an der ganzen Geschichte, etwas bleibt immer hängen und ohne zwingenden Verdacht kann niemand so lange festgehalten werden. Soviel ich weiss sollte er sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht zum Fall äussern, die Verhandlung findet ja erst statt. Ich hätte ihm diese Tat niemals zugetraut. Bin gespannt was die Verhandlung ergibt.

  • Kipkoech am 06.08.2010 17:40 Report Diesen Beitrag melden

    Auf jeden Fall schuldig...

    Kachelmann hats total verkachelt, daher heisst er wohl auch so. Betreffend Vergewaltigung ist schwer zu beweisen, aber die jahrelangen geheimen Beziehungen zu mehreren Frauen gleichzeitg sind ein Verbrechen. Dafür soll er büssen, er verdient die allgemeine Verachtung des Publikums ....

    • Felix Zweifel am 07.08.2010 17:30 Report Diesen Beitrag melden

      Menschenverachtung in Perfektion!

      Derart grobe Verletzung der Menschenrechte könnte man auch als Verbrechen bezeichnen. Vielleicht sollte man in gewissen Fällen auch Starrsinn unter Strafe stellen!

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  • Patumbah am 05.08.2010 11:47 Report Diesen Beitrag melden

    Ich will..

    Ich hasse dieses Scheisswetter.. gebt uns endlich Kachelmann zurück !

  • Heinz Hager am 04.08.2010 16:34 Report Diesen Beitrag melden

    Typischer Narziss

    J.K.kommt mir vor wie ein kleiner Junge der etwas verbotenes getan hat und dabei erwischt wurde.Darauf folgt eine Lüge und schon ist Aussage gegen Aussage.Ich denke er weis das er etwas ganz schlimmes getan hat,(so deute ich sein ganzes Verhalten).Aber dieses Mal kann er sich noch durchmogeln.Und sein comeback ist gesichert.Warum? Weil wir uns wünschen dass er unschuldig ist.Und an seine Schuld wollen wir nicht einmal denken.Hoffentlich nimmt er das Ganze als Chance.

  • Ivo Sprecher am 04.08.2010 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    Gibt es eigentlich noch Galgenbauer?

    Was folgt auf die "Brieflüge" ? Vielleicht das "Tagebuch" in etwa derselben Qualität? Wer die Wahrheit spricht, braucht weder Kachelmann noch den Prozess zu fürchten. Bin mal gespannt, und hoffe sehr, dass man zu einem gerechten Urteil finden wird.