Natascha Kampusch

30. November 2011 04:34; Akt: 30.11.2011 09:43 Print

Ein Baby, ein toter Ermittler und viele Fragen

Österreichische Oppositions-Politiker machen diverse Ungereimtheiten im Fall Kampusch publik: Das Internetportal «Oe24» hat eine Liste davon erstellt, die einem die Haare zu Berge stehen lässt.

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Natascha Kampusch berichtete in der Doku «3096 Tage Gefangenschaft» ausführlich über ihre Zeit in den Fängen ihrers Entführers. Der Entführer Wolfgang Priklopil galt als einzelgängerisch und kontaktscheu. Natascha Kampuschs Mutter Brigitta Sirny sprach in der Dokumentation über die jahrelange Ungewissheit. Priklopils Freund Ernst Holzapfel, der auch im Visier der Ermittler stand, wiederholte in der Doku, dass er nichts von Natascha Kampuschs Entführung wusste. Im Keller dieses Hauses verbrachte Natascha Kampusch achteinhalb Jahre. Ein kleiner Tresor war der einzige Zugang zum Verlies. Im Bild: Ein Ermittler der Polizei zwängt sich durch die Öffnung. Der Kellerraum war klein und stickig. Mit jedem Tropfen Wasser stieg die Luftfeuchtigkeit. Schimmel wurde im Keller zu einem Problem. Die zur Lüftung eingesetzten Ventilatoren entwickelten sich mit ihren allgegenwärtigen Geräuschen zur «Folter» für das eingesperrte Mädchen. Insekten waren - auch im Bett des Mädchens -allgegenwärtig. Mit einer Zeitschaltuhr simulierte Priklopil Tag und Nacht im Keller. War der Strom aus, musste Natascha Kampusch in völliger Finsternis ausharren. Ihr Gefängnis durfte Natascha Kampusch nur ganz selten verlassen. Bei einem seltenen Ausflug in den Garten durfte Natascha Kampusch einmal einen Heckenzweig abbrechen und ihn mit in den Keller nehmen. Im Haushalt musste Kampusch wie eine Sklavin für Priklopil alles erledigen. Trotz sofort eingeleiteter Fahndung kam die Polizei Priklopil nicht auf die Spur. Schliesslich gelang Natascha Kampusch die Flucht, als Priklopil das Gartentor offenliess, während sie sein Auto waschen musste. Sie wurde in einem Garten in Strasshof entdeckt. Natascha Kampusch stellt am Ende der Doku noch einmal entschieden in Abrede, dass sie einem Kinderpornoring in die Hände gefallen war. Es habe nur Priklopil gegeben.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Liste von «Oe24» beruft sich auf voneinander unabhängige Untersuchungen österreichischer Oppositionspolitiker der Parteien FPÖ, Grüne und BZÖ. Diese fordern aufgrund diverser Pannen einen Untersuchungsausschuss – tatsächlich scheinen im Zusammenhang mit der Kampusch-Affäre grobe Fehler, mindestens aber Nachlässigkeiten begangen worden zu sein. Eine Zusammenstellung.

Offene Fragen zu mutmasslichem Mittäter

Eine Zeugin und ein Polizeihundeführer erwähnten bei Befragungen einen zweiten Täter. Diesen Hinweisen wurde nicht weiter nachgegangen.

Das Verlies, in welchem Natascha Kampusch danach Jahre verbrachte, war zum Zeitpunkt ihrer Entführung nicht abschliessbar. Deshalb geht die FPÖ davon aus, dass Haupttäter Wolfgang Priklopil einen Komplizen gehabt haben muss. Zahlungen von Priklopil an seinen Freund Ernst H. und ein Safe mit Belegen für ein Giro-Konto erhärten diesen Verdacht.

Des Weiteren soll ein Sex-Video existieren, das zwei Männer und ein Mädchen zeigt, bei dem es sich um Natascha Kampusch handeln könnte. Die Aufnahmen wurden beschlagnahmt und von der Justiz versiegelt. Ein BZÖ-Politiker wirft die Frage auf, weshalb das Opfer nie damit konfrontiert wurde.

Auch die Beziehung zwischen Ernst H. und einer Sexshop-Besitzerin und angebliche Telefonate zwischen Ernst H. und Natascha Kampusch bleiben ein Rätsel. Beamte liessen diesen gewähren, als er Dinge aus Priklopils Haus schaffte, als bereits die Spurensicherung vor Ort war.

Die Babyfrage

Im Verlies wurden eine Haarlocke sowie ein Buch über Säuglingspflege gefunden. Ausserdem ist die Staatsanwaltschaft im Besitz von Aussagen des Selbstanzeigers Arthur K., welche die Baby-Theorie untermauern. Hatte der Täter ein Kind mit Natascha Kampusch? Wo lebt es heute, wenn überhaupt noch?

Leichenspürhunde haben im Garten von Priklopil angeschlagen – angeblich wegen modrigem Holz. Dies könne nicht sein, moniert die Opposition: Hunde dieser Art können sogar den Leichengeruch von Tieren und Menschen unterscheiden.

Der tote Ermittler

Gegenüber einem Journalisten sprach SOKO-Ermittler Franz Kröll von einem Fall «mit Dimensionen wie Lucona». Die Lucona-Affäre hielt Österreich zwischen den späten 60er- und den frühen 90er Jahren in Atem. Es ging um sechsfachen Mord, Mordversuche und Versicherungsbetrug in Millionenhöhe.

Der Fall wurde durch die Beteiligung diverser Behörden zum grössten Politskandal Österreichs. SOKO-Ermittler Kröll sagte gegenüber dem Journalisten weiter, er sei kurz davor, den Fall Kampusch zu lösen. Wochen später war er tot – Selbstmord, so die offizielle Version.

Weitere Fragen folgen

Heute will der grüne Politiker Peter Pilz weitere Ungereimtheiten ans Licht bringen. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die Staatsanwaltschaft. Sie soll im Zentrum von Vertuschungen stehen.

(tog)