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Kampusch-Doku
25. Januar 2010 23:47; Akt: 07.04.2011 12:27 Print
«Ich bin für mein Leben geächtet»
Achteinhalb Jahre wurde Natascha Kampusch von ihrem Entführer in einem fensterlosen Verlies festgehalten. Jetzt hat sie in einem Dokumentarfilm erstmals die Umstände ihrer Gefangenschaft beschrieben - und die Zeit danach.
Im deutschen Dokumentarfilm «Natascha Kampusch - 3096 Tage Gefangenschaft» gewährte das Entführungsopfer am Montagabend den Zuschauerinnen und Zuschauern beklemmende Einblicke in ihr Leben während der achteinhalbjährigen Gefangenschaft. Der Film zeigte exklusive Bilder aus dem Haus des Täters Wolfgang Priklopil im Wiener Vorort Strasshof und dem engen Kellerverlies, das Natascha Kampuschs unfreiwilliges Zuhause war.
Die Dokumentation beginnt mit dem Tag der Entführung: Nataschas Mutter, Brigitta Sirny, schildert wie der Morgen des 2. März 1998 ganz normal begann. Dann beschreibt Natascha Kampusch, wie sie auf dem Weg zur Schule von einem wildfremden Mann in einen Lieferwagen gezerrt wurde. «Ich versuchte zu schreien, aber es kam einfach kein Laut aus mir heraus», erinnert sie sich. Als der Entführer mit ihr im Kastenwagen wegfuhr, habe sie an den Bäumen und Dächern erkennen wollen, wohin er sie brachte. In ihrer Verzweiflung habe sie sogar die Sekunden gezählt, um zu wissen, wie lange sie alleine war.
Der erste Tag
Am ersten Tag habe der Entführer ihr eine Matratze gebracht, erinnert sich Kampusch. Dieses Schaumstoffstück sei so dünn gewesen, dass sie darauf kaum schlafen konnte. Ihre Schuhe habe er verbrannt, die Schultasche nahm er ihr weg. Kampusch selber wollte in den ersten Stunden ihr Kleid nicht ausziehen: «Ich wollte nichts von mir preisgeben», erzählt sie weiter.
Sie habe anfänglich keine Möglichkeit gehabt, mit ihrem Entführer in Verbindung zu treten. Priklopil habe jeden Tag nach ihr gesehen. Doch Kampusch wusste bald nicht mehr, wann Tag oder Nacht war: «Meine innere Uhr war komplett aus dem Gleichgewicht.» Erst später habe Priklopil eine Gegensprechanlage und eine Schaltuhr eingebaut: «Ähnlich wie im Gefängnis, hat die dann meinen Tagesablauf bestimmt», berichtet Kampusch.
Ihre Mutter schildert eindrücklich die Zeit der Ungewissheit. Sie habe das Bild der damals Zehnjährigen ans Herz gedrückt und immer wieder «Halt durch» gesagt. In den ersten Jahren nach der Entführung habe sie an Nataschas Geburtstag immer einen Kuchen gebacken. «Für mich hat die Natascha immer gelebt, die ganzen achteinhalb Jahre», berichtet Sirny stockend unter Tränen.
Das Leben mit dem Entführer
Im Film erläutert Ernst Holzapfel, der beste Freund des Täters, in groben Umrissen die Persönlichkeit Wolfgang Priklopils. Er habe ihn Anfang der 1980er Jahre kennen gelernt. Dabei sei er ihm immer korrekt und zuverlässig vorgekommen. Holzapfel erzählt auch von einer Begegnung mit Natascha Kampusch während ihrer Gefangenschaft, und dass er damals keinerlei Verdacht gehegt habe.
In ihrem trostlosen Kellerverlies, gerade einmal 4,78 Quadratmeter gross, hatte Kampusch ständig Angst vor ihrem Peiniger, der sie auch «gequält» und «gewürgt» hat: «Ich hatte ein Unbehagen, so ein mulmiges Gefühl, wenn er das Verlies aufschloss. » Doch dann empfand sie auch teilweise «Mitleid» für den Mann: «Ich habe einfach brav funktioniert», erklärt sie.
Sie sei für ihren Entführer nur ein «Arbeitstier» gewesen, das seinen «Putzfimmel» befriedigen musste. Kampusch kam sich als eine Art Ersatztochter vor, für diesen «psychisch so labilen, einsamen Mann.»
Die Regeln im Verlies
Kampusch gibt kurze Einblicke in die strengen Regeln, die Wolfgang Priklopil ihr gesetzt hatte. So durfte Natascha keine Fingerabdrücke im Haus hinterlassen. Fasste sie mit ihren Fingern etwas an, packte er ihre Hand und wischte die Spuren ab. Ähnlich war es mit den Tränen: Weinen war verboten. Jedes Mal, wenn Natascha weinte, rieb er ihr die Tränen mit seinem Handrücken in ihre Wangen ein oder drückte ihr den Kopf ins Wasser.
Für den Kopf hatte Priklopil ihr eine Art Haube aus Plastik und Klammern gebastelt. Das Material verhedderte sich in ihren Haaren und bohrte sich in ihre Kopfhaut. Eines Tages habe Kampusch ihre Haare kürzer geschnitten. Der Entführer meinte darauf, wieso sie nicht gerade alles weggeschnitten habe und verpasste ihr eine Glatze.
Die Flucht
Mit den Jahren habe der Entführer Natascha Kampusch mehr Freiheit im Haus gewährt. Dazu gehörten gelegentliche Spaziergänge im Garten. Auf einem Spaziergang erlaubte ihr Priklopil, einen Zweig der Hecke abzureissen. So hatte das Mädchen wenigstens ein kleines Stück der Aussenwelt, dass sie mit in ihr unterirdisches Verlies nehmen konnte.
Dann kam der 23. August 2006: Priklopil habe ihr befohlen, sein Auto auszusaugen. Weil der Staubsauger Lärm machte, entfernte er sich einige Meter von ihr. Da das Gartentor offenstand, nutzte sie die Gelegenheit und ergriff die Flucht: «Ich rannte so schnell wie meine Füssen mich trugen.»
Frühere Fuchtversuche habe es nicht gegeben. Er habe es so eingerichtet, dass er immer in der Nähe war und sie «irgendwie immer unter Druck gesetzt» hielt.
Kein Kinderpornoring, keine Sado-Masochisten
Spekulationen über eine Sado-Maso-Gemeinschaft oder einen Kinderpornoring wischt Kampusch kategorisch vom Tisch. «Ich hatte immer nur Kontakt zu dem Täter.» Andere Personen seien nicht einbezogen gewesen.
Mehr sagt sie zu diesem Thema nicht. Am Schluss des Filmes bleiben die intimen Fragen offen. Kampusch nimmt sich bewusst das Recht, darüber zu schweigen. Sie kritisiert dagegen die österreichischen Medien wegen ihrer Sensationsgier. «Ich bin für mein Leben geächtet», sagt sie fast emotionslos. Schliesslich wünscht sie sich, nicht nur als Verbrechensopfer, sondern als normaler Mensch und Überlebende wahrgenommen zu werden.
(kle)



























