Neue Untersuchung

29. November 2011 11:37; Akt: 29.11.2011 13:15 Print

Gebar Kampusch ein Kind im Keller?

Nachdem die Justiz im Fall Kampusch völlig versagt hat, reisst das österreichische Parlament die Ermittlungen an sich. Es will auch untersuchen, ob es ein zweites Opfer gab: Natascha Kampuschs Kind.

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Natascha Kampusch berichtete in der Doku «3096 Tage Gefangenschaft» ausführlich über ihre Zeit in den Fängen ihrers Entführers. Der Entführer Wolfgang Priklopil galt als einzelgängerisch und kontaktscheu. Natascha Kampuschs Mutter Brigitta Sirny sprach in der Dokumentation über die jahrelange Ungewissheit. Priklopils Freund Ernst Holzapfel, der auch im Visier der Ermittler stand, wiederholte in der Doku, dass er nichts von Natascha Kampuschs Entführung wusste. Im Keller dieses Hauses verbrachte Natascha Kampusch achteinhalb Jahre. Ein kleiner Tresor war der einzige Zugang zum Verlies. Im Bild: Ein Ermittler der Polizei zwängt sich durch die Öffnung. Der Kellerraum war klein und stickig. Mit jedem Tropfen Wasser stieg die Luftfeuchtigkeit. Schimmel wurde im Keller zu einem Problem. Die zur Lüftung eingesetzten Ventilatoren entwickelten sich mit ihren allgegenwärtigen Geräuschen zur «Folter» für das eingesperrte Mädchen. Insekten waren - auch im Bett des Mädchens -allgegenwärtig. Mit einer Zeitschaltuhr simulierte Priklopil Tag und Nacht im Keller. War der Strom aus, musste Natascha Kampusch in völliger Finsternis ausharren. Ihr Gefängnis durfte Natascha Kampusch nur ganz selten verlassen. Bei einem seltenen Ausflug in den Garten durfte Natascha Kampusch einmal einen Heckenzweig abbrechen und ihn mit in den Keller nehmen. Im Haushalt musste Kampusch wie eine Sklavin für Priklopil alles erledigen. Trotz sofort eingeleiteter Fahndung kam die Polizei Priklopil nicht auf die Spur. Schliesslich gelang Natascha Kampusch die Flucht, als Priklopil das Gartentor offenliess, während sie sein Auto waschen musste. Sie wurde in einem Garten in Strasshof entdeckt. Natascha Kampusch stellt am Ende der Doku noch einmal entschieden in Abrede, dass sie einem Kinderpornoring in die Hände gefallen war. Es habe nur Priklopil gegeben.

Zum Thema
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Der Fall Kampusch kommt nicht zur Ruhe: Nachdem die österreichische Polizei und die Staatsanwaltschaft jahrelang ermittelten, will sich nun das Parlament mit dem Thema befassen. Abgeordnete der ÖVP, SPÖ, Grüne und BZÖ forderten einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, um die vielen dunklen Winkel des Entführungsfalles auszuleuchten. Damit reisst die Politik den Fall an sich, nachdem die Justiz auf allen Ebenen versagt hat.

Erst vor vier Tagen war das Verfahren gegen die fünf Kampusch-Staatsanwälte eingestellt worden, denen vorgeworfen worden war, konsequent polizeiliche Erkenntnisse im Entführungsfall vernachlässigt zu haben. Nun soll ein streng geheimer parlamentarischer Ausschuss unter Vorsitz des ÖVP-Abgeordneten Werner Amon den Fall neu aufrollen.

Viele brisante offene Fragen

Amon begrüsste die Ankündigung von Justizministerin Beatrix Karl, dem Untersuchungsausschuss «die gesamten Unterlagen und Akten in der Causa Kampusch zukommen zu lassen». Darin wären auch intime Kampusch-Protokolle enthalten, die nicht einmal der Polizei ausgehändigt wurden.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache sagte gegenüber dem Nachrichtenportal oe24.at, man hoffe, neue Erkenntnisse zu den vielen noch offenen Fragen zu gewinnen. Konkret gehe es um Ungereimtheiten bezüglich der Bankkonten von Entführer Wolfgang Priklopil. In den ersten Ermittlungen wurde behauptet, dass der Kampusch-Entführer das Konto seiner Mutter benutzt habe. «Es könnte ein Scheinkonto gewesen sein», vermutet nun Ausschuss-Mitglied Dagmar Belakowitsch-Jenewein von der FPÖ.

Ein weiterer Punkt, der unter die Lupe genommen werden soll, sind die Aussagen der Ermittler, die als Erste das Haus an der Heinerstrasse 60 in Wien betraten. Sie gaben damals an, es habe «Chaos im Haus geherrscht». Dabei galt Priklopil als «Ordnungsfanatiker». Ausserdem seien drei der sechs Zimmer nicht richtig untersucht worden. Neben Priklopils Schlafzimmer gab es «drei Zimmer mit Einzelbetten. Eines war benutzt und im Papierkorb fand man Taschentücher. Warum wurden keine DNA-Proben genommen?», fragt sich nun der Ausschuss.

Die Frage nach dem Kind

Unter den vielen ungeklärten Aspekten des Falles gibt es neuerdings einen besonders skurrilen: Der Ausschuss will endgültig «einen sich erhärtenden Verdacht» geklärt haben, ob «es ein Kind» aus der Beziehung zwischen Kampusch und Priklopil gab. Es gebe «starke Indizien» dafür, sagte die FPÖ-Abgeordnete Dagmar Belakowitsch-Jenewein am Dienstagmorgen an einer Pressekonferenz in Wien.

Im Verlies des Hauses des Entführers Priklopil in Strasshof seien eine Haarlocke und auch ein Buch über Säuglingspflege gefunden worden. «Was ist mit diesem Kind? Wenn es lebt, dann stellt sich die Frage: bei wem?», fragte sich Belakowitsch-Jenewein. Zudem sollen im Garten Priklopils auch Leichenhunde angeschlagen haben. Es habe zunächst geheissen, es sei «angeblich wegen modrigem Holz. Doch das ist gar nicht möglich. Diese Hunde können sogar Tier- von Menschenleichen unterscheiden», behauptete die FPÖ-Frau am Schluss.

(kle)