Natascha Kampusch

01. Dezember 2011 15:22; Akt: 01.12.2011 15:35 Print

Indizien wurden «aus Gefälligkeit» übersehen

Die Causa Kampusch wird zum Politikum: Jetzt gerät ein Kontaktmann mit Verbindungen zu einem Pädo-Netzwerk in den Fokus der Untersuchung. Pikant: Er hat Kontakte in höchste politische Kreise.

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Natascha Kampusch berichtete in der Doku «3096 Tage Gefangenschaft» ausführlich über ihre Zeit in den Fängen ihrers Entführers. Der Entführer Wolfgang Priklopil galt als einzelgängerisch und kontaktscheu. Natascha Kampuschs Mutter Brigitta Sirny sprach in der Dokumentation über die jahrelange Ungewissheit. Priklopils Freund Ernst Holzapfel, der auch im Visier der Ermittler stand, wiederholte in der Doku, dass er nichts von Natascha Kampuschs Entführung wusste. Im Keller dieses Hauses verbrachte Natascha Kampusch achteinhalb Jahre. Ein kleiner Tresor war der einzige Zugang zum Verlies. Im Bild: Ein Ermittler der Polizei zwängt sich durch die Öffnung. Der Kellerraum war klein und stickig. Mit jedem Tropfen Wasser stieg die Luftfeuchtigkeit. Schimmel wurde im Keller zu einem Problem. Die zur Lüftung eingesetzten Ventilatoren entwickelten sich mit ihren allgegenwärtigen Geräuschen zur «Folter» für das eingesperrte Mädchen. Insekten waren - auch im Bett des Mädchens -allgegenwärtig. Mit einer Zeitschaltuhr simulierte Priklopil Tag und Nacht im Keller. War der Strom aus, musste Natascha Kampusch in völliger Finsternis ausharren. Ihr Gefängnis durfte Natascha Kampusch nur ganz selten verlassen. Bei einem seltenen Ausflug in den Garten durfte Natascha Kampusch einmal einen Heckenzweig abbrechen und ihn mit in den Keller nehmen. Im Haushalt musste Kampusch wie eine Sklavin für Priklopil alles erledigen. Trotz sofort eingeleiteter Fahndung kam die Polizei Priklopil nicht auf die Spur. Schliesslich gelang Natascha Kampusch die Flucht, als Priklopil das Gartentor offenliess, während sie sein Auto waschen musste. Sie wurde in einem Garten in Strasshof entdeckt. Natascha Kampusch stellt am Ende der Doku noch einmal entschieden in Abrede, dass sie einem Kinderpornoring in die Hände gefallen war. Es habe nur Priklopil gegeben.

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Ungereimtheiten in den Ermittlungen, Hinweise, die ignoriert wurden - «der Fall Kampusch stinkt an allen Ecken und Enden», giftete der österreichische FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache vor zwei Tagen an einer Pressekonferenz in Wien und forderte gleichzeitig eine Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens.

Tatsächlich legen Politiker der rechtspopulistischen FPÖ, aber auch die Grünen, vertreten durch Sicherheitssprecher Peter Pilz, neue brisante Details in der Causa Kampusch auf den Tisch. Sie werfen der Staatsanwaltschaft vor, Indizien rund um den Entführer Wolfgang Priklopil «gezielt vertuscht» zu haben. Parteivorsitzende Strache geht sogar so weit, dass er die Staatsanwälte als «unfähige Dilettanten» bezeichnet, denen «Seilschaften» wichtiger als «Mut zur Aufklärung» seien.

Ernst Holzapfel ist dem Ausschuss ein Dorn im Auge

Im Gespräch mit 20 Minuten Online bestätigt die FPÖ-Abgeordnete Dagmar Belakowitsch-Jenewein die Absicht, den Fall auf politischer Ebene klären zu wollen. Die Politikerin lässt schnell erkennen, wohin die neuen Ermittlungen führen sollen: «Da gibt es den engen Freund von Wolfgang Priklopil, Ernst Holzapfel. Dieser wurde nur für kurze Zeit verdächtigt, im Fall involviert zu sein, doch dann wurden die Ermittlungen plötzlich eingestellt.»

Abgeordnete Belakowitsch-Jenewein spricht von Telefonaten, die Holzapfel regelmässig mit einer Sex-Shop-Besitzerin und einem Mann tätigte, den er auf seinem Handy unter dem mysteriösen Namen «Be Kind Slow» abgespeichert hatte. Die Staatsanwaltschaft identifizierte den Milizoffizier Peter B. hinter der Nummer. Gegen B., ein Mann mit besten Kontakten in höchste Kreise, war Ende 2008 wegen Verdachts auf Kinderpornografie ermittelt worden.

Wieso nahm man «Be Kind Slow» nie unter die Lupe?

Ernst Holzapfel sei jedoch von der Justiz nie wegen möglicher Mitwisserschaft vernommen worden. Bei polizeilichen Vernehmungen habe er sogar gelogen und sich in Widersprüche verwickelt. «Und trotzdem wurden die Ermittlungen im September 2009 eingestellt», beklagt sich Belakowitsch.

Ihrer Meinung nach könnte der Fall mit einem Kinderporno-Netzwerk zu tun haben. Aber weder die Polizei noch die Justiz ist der Sache bis zum Schluss nachgegangen. Genau das sieht sie als politisches Problem: «Da werden Gefälligkeiten ausgetauscht und zwar gegenseitig», ist sich Belakowitsch-Jenewein sicher.

(kle)