Kander-Prozess

20. Oktober 2009 18:14; Akt: 16.11.2009 08:58 Print

«Ich finde keine Worte mehr»«Ich finde keine Worte mehr»

von Adrian Müller, Thun - Der Kommandant Y.M. wurde am Nachmittag zum Kander-Unglück befragt. Auf die Frage nach seinen Fehlern antwortete er ausweichend. Andere Fragen lösten bei ihm Kopfschütteln aus. Dem Tod kam auch er nur knapp davon.

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«Ich habe viel gefordert, aber auch viel gegeben», beschrieb der Angeklagte Y.M. am Morgen vor dem Militärgericht in Thun seinen Führungsstil. Am Nachmittag wollte der Gerichtspräsident dann wissen, welche Vorwürfe sich Y.M. selber mache. Doch auf die Frage antwortete er nur ausweichend. «Ich hatte nie einen grösseren Unfall im Militär», sagte er. Sein Ruf sei jetzt aber beschädigt. «Ich kann mir das nicht erklären, es entspricht nicht mir selber», so Y.M. weiter. Dann stoppte er seine Aussagen plötzlich, fügte nach kurzer Pause an: «Ich finde keine Worte mehr.»

Private River-Rafting-Touren

Dann setzte er zu seiner Verteidigung an. Er habe im privaten Rahmen bereits in der Lütschinen und im Inn River-Rafting ausgeübt. Er sei dabei Teilnehmer geführter Touren gewesen. Er sei davon ausgegangen, dass die anderen Armeeangehörigen auch eine Ausbildung hätten, sagte er. Die Frage nach einer solchen Ausbildung habe er aber nicht gestellt, gab der Angeklagte zu.

Y.M. beachtete auch militärische Reglemente nicht. In einem solchen ist klar ersichtlich, dass bei Übungen im Wasser zu Hindernissen ein Abstand von 200 Meter eingehalten werden muss. Die Regeln professioneller River-Rafting-Anbieter besagen zudem, dass bei einer Wassertemperatur unter 15 Grad ein Neoprenanzug zwingend notwendig ist. Als die Unglückscrew in der Kander einwasserte, betrug die Wassertemperatur gerade mal 8 Grad. Bekleidet waren die Soldaten mit dem Tarnanzug und Stahlhelm.

Wie die Uttiger-Schwelle in der Aare

Ungläubiges Kopfschütteln löste Y.M. im Gerichtssaal aus, als es um die Gefahren der Wasserwalzen ging, die einen tödlichen Sog ausüben. «Ich habe noch nie davon gehört», sagte er und fügte an: Für ihn sei das wie die Uttiger-Schwelle in der Aare. Die Wasserstufe hat zwar kräftige Wellen und Verwirbelungen, ist aber schon äusserlich von einer Wasserwalze in der Kander zu unterscheiden.

Auch Y.M. überlebte das Kander-Drama nur mit viel Glück. Nachdem er ins Wasser fiel, habe er innerlich mit seinem Leben abgeschlossen. «Das überlebst du nicht», habe er gedacht. Den Kander-Kadi schwemmte es über zwei Schwellen. Dabei sei er sich vorgekommen wie auf einer Wasserrutschbahn. Es habe ihm den Kiefer «verjagt», er sei zudem halb ohnmächtig geworden. Er habe kaltes Wasser geschluckt, um wach zu bleiben und konnte sich schliesslich an Land retten.