Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Kander-Prozess
20. Oktober 2009 09:30; Akt: 16.11.2009 08:59 Print
«Machen wir die Kander, dort gibts mehr Action»
von Adrian Müller, Thun - Y.M. muss sich über ein Jahr nach dem Kander-Drama vor dem Militärgericht in Thun verantworten. Fünf Personen kamen ums Leben. Die Überlebenden überstanden den Todeskampf nur mit Glück. Doch eine Entschuldigung kam dem Kadi nicht über die Lippen.
Er sitzt mit Vollbart und blassem Gesicht vor dem Richter. Im Saal befinden sich Angehörige der Armeemitglieder, die unter dem Kommando von Y.M. auf der Kander ums Leben gekommen sind. Aber von Reue, einer Entschuldigung oder einem bisschen Bedauern ist bei Y.M. nichts zu hören. Er habe sich, so sagt er dem Richter, bis heute nicht im Stande gefühlt, einen Brief an die Angehörigen zu schreiben. «Was hätte ich denn sagen sollen?» Er denke auch immer wieder an den Unfall. Eine Entschuldigung kam ihm aber auch heute nicht über seine Lippen.
Y.M. überlegte sich Namensänderung
Stattdessen setzte Y.M. heute zur Medienschelte an. Die Presse sei nach dem Unfall unglaublich gewesen und dies habe in seinem Leben vieles verändert. «Alles, was je gewesen ist, ist nicht mehr in meinem Leben», sagte er. Er habe Morddrohungen erhalten, habe seine Freundin und seinen Job verloren. Er habe sich sogar überlegt, den Namen zu ändern. Schliesslich verreiste er für ein halbes Jahr ins Ausland.
Als Zeugen vor dem Militärgericht in Thun waren heute Morgen zwei Überlebende des Dramas geladen. Was sie von dem angeblichen «Plauschausflug» berichteten, ist die Schilderung eines Todeskampfs, dem sie nur mit viel Glück entkamen.
Ein Kampf um Leben und Tod
Ein Todeskampf, der mit einer Aussage von Y.M. seinen Lauf nahm. «Machen wir die Kander. In der Kander gibt es mehr Action.» Dies soll der Kommandant gemäss einem Überlebenden vor dem Bootsausflug gesagt haben. Die Variante, auf der Simme den Bootsausflug zu machen, wurde so begraben.
Die Armeeangehörigen machten sich darauf ans Einwassern auf der Kander. Einer der Mitglieder sah dabei eine der gefährlichen Schwellen und soll sich über Grösse und Gefährlichkeit bei Y.M. erkundigt haben. Schwellen dieser Grösse seien kein Problem. «Wenn sie grösser sind, müssen wir mal schauen», habe Y.M. geantwortet Es habe keine Anweisungen gegeben und keine Instruktionen für Notfälle. Niemand wusste, wie die Lage auf der Kander genau aussah. Die Zeugen sagten, sie hätten dem Kommandanten vertraut und die Situation nicht als gefährlich eingestuft.
Bewusstlos im Wasser
Doch schon kurz nach der Einwasserung wurde aus dem vermeintlichen Spass tödlicher Ernst. Ein Überlebender erinnerte sich: Bereits nach der ersten Schwelle blieb das Boot in der Wasserwalze hängen. Sie kamen nicht mehr weg. Dann verloren sie das Paddel. Die Situation wurde schwierig. Der Zeuge sprang darauf ins Wasser. Er wollte das Boot aus der Wasserwalze ziehen – mit fatalen Folgen. Er wurde sogleich von der Wasserwalze hinunter gezogen und den Fluss hinunter gespült. Er sei nicht mehr recht bei Sinnen gewesen. Es schwemmte ihn über zwei Schwellen, wo er jeweils nach Luft schnappen konnte. Dann sei er aufgewacht und habe sich an einem Baum festhalten können. So konnte er sich retten.
Auch der zweite Überlebende, der heute vor dem Militärgericht aussagte, hatte Glück. Er war in einem anderen Boot. Auch sie blieben bei einer Schwelle hängen. Der Gefahr seien sie sich da noch nicht bewusst gewesen. Erst, als der erste ins Wasser fiel, merkten sie, dass es um Leben und Tod ging. Auch der Zeuge fiel ins Wasser. Es zog ihn in die Walze, dann verlor er das Bewusstsein. Er hatte Glück: Ihn schwemmte es an Land.
Die tödlichen Befehle des Kander-Kadi
Mehrfache fahrlässige Tötung, mehrfache fahrlässige Körperverletzung sowie Verletzung von Dienstvorschriften: So lauten drei von insgesamt fünf Anklagepunkten gegen den Kommandanten Y.M. Auf dessen Befehl begaben sich am 12. Juni 2008 insgesamt 10 Männer auf schweren Armeebooten oberhalb von Bad-Heustrich in die Kander. Die Schlauchboote blieben in den Wasserwalzen der reissenden Kander stecken und kenterten. Dabei ertranken insgesamt fünf Wehrmänner, einer wird immer noch vermisst. In der Anklageschrift tauchen pikante, neue Details über die Todesfahrt auf: So fuhr das zweite Boot schräg über eine Schwelle und kenterte, weil die Insassen zuvor den Kander-Kadi, der aus dem ersten Boot gefallen war, aus dem Wasser fischen mussten. Bei diesem Manöver gerieten sie vom Kurs ab. Zwei der fünf Wehrmänner ertranken in der Wasserwalze. Y.M. aber konnte sich ans Ufer retten.
Die fatalen Irrtümer des Kadis
Laut der Anklageschrift unterliess es der Kander-Kadi zudem, den Flussabschnitt zuvor zu rekognoszieren und sich über die Befahrbarkeit des Flusses zu informieren. Weiter hatte keiner der Rafting-Teilnehmer eine zivile oder militärische Ausbildung auf diesem Gebiet. Entgegen den Vorschriften organisierte er darüber hinaus keinen Rettungsdienst und bestimmte auf keinem der beiden Boote Schiffsführer. Der Kander-Kadi erteilte dazu völlig verfehlte Befehle: «Jetzt ins Boot sitzen und aufhören zu rudern», sagte er zu seinen Untergebenen, kurz bevor sie eine Schwelle überquerten. Dies obwohl ein Boot nur gesteuert werden kann, wenn es Antrieb hat bzw. gerudert wird.




























