Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Kander-Prozess
21. Oktober 2009 10:56; Akt: 16.11.2009 08:57 Print
Keine Kenntnisse, kein Bedauern
von Adrian Müller, Thun - Nach dem ersten Tag im Kander-Prozess ist die Beweislage gegen den Hauptmann Y.M. erdrückend. Er selbst kann sich das Unglück noch immer nicht erklären – und bringt keine Entschuldigung über die Lippen.
-
Kander-Prozess: «Machen wir die Kander, dort gibts mehr Action»
-
Todesfahrt: Der Kander-Kadi steht vor dem Richter
-
Armeeunfälle: Kander-Kadi der fahrlässigen Tötung angeklagt
-
Kander-Unglück: Major des Kanderkadis bleibt straffrei
-
Ein Jahr nach Kander-Unfall: Ein Verunglückter bleibt vermisst
- Dossiers
-
Kander-Drama
Y.M. trägt eine schwere Last auf sich: Fünf seiner Kameraden ertranken qualvoll in der Kander. Vor Gericht versteckt er die Last hinter einem Vollbart.
Die Gerichtsverhandlung im Thuner Burgsaal verfolgen nicht nur zahlreiche Zuschauer, sondern auch etliche Angehörige der fünf getöteten Wehrmänner. Y.M. hat sich bei den Opferfamilien nie gemeldet – abgesehen von einer Ausnahme. Nicht mit einer Zeile hat er sein Bedauern ausgedrückt. Auch im Gerichtssaal, von Angesicht zu Angesicht, brachte er keine Entschuldigung über die Lippen. Stattdessen jammerte er über die Medien, die ihn belästigt haben sollen. «Alles, was je in meinem Leben gewesen ist, ist nicht mehr», so der Kander-Kadi, ein studierter Betriebsökonom mit Master in Verwaltungsrecht. «Wenn ich könnte, würde ich mein Leben gegen jenes der Opfer eintauschen» - mehr Gefühl konnte der Kadi nicht vermitteln.
Schlecht informiert
Y.M. hatte mehr Glück als Verstand: Laut Zeugenaussagen der Überlebenden des Dramas gab er vor der Rafting-Tour keinerlei Instruktionen ab, wie man sich in einem Notfall zu verhalten habe. Er schickte die Wehrmänner in Tarnanzug, Kampfstiefeln und Stahlhelm anstatt einem Neoprenanzug auf die acht Grad kalte Kander. Der Hauptmann hatte keine Ahnung von der Kraft, welche die Wasserwalzen unter den Schwellen haben. «Für mich sahen die aus wie die Uttigerschwelle in der Aare», erklärte er dem Gericht. So hat er die Bootstour trotz dieser tödlichen Fallen auf dem Kanderlauf angesetzt.
Der Kadi hat es laut eigenen Aussagen unterlassen, wie vorgeschrieben eine Karte der Route anzufertigen. Er hat einzig und allein eine Kanu-Webseite über die Befahrbarkeit der Kander konsultiert - und daraus die falschen Schlüsse gezogen.
Soldaten retten Y.M. - und sterben
Die unglaublichen Wasserkräfte erfuhr er am eigenen Leibe: «Im ersten Moment, wo wir unter der Schwelle festsassen, haben wir noch gelacht», schildert Y.M. den Beginn der Todesfahrt. Dann ist das Schlauchboot gekippt. Der Kadi trieb laut eigenen Aussagen mehrere hundert Meter im eiskalten Wasser, wurde über einige Schwellen geschleudert. «Das überlebst du nicht», habe er sich zu diesem Zeitpunkt gesagt. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihm.
«Er hatte schon blaue Lippen, als wir ihn zu viert ins Boot hievten», sagte ein Überlebender vor Gericht. Doch gerade wegen diesem Rettungsmanöver verloren die Wehrmänner die Kontrolle über ihr Boot und fuhren schräg über die nächste Schwelle, wo auch sie kenterten. Der Kander-Kadi konnte sich schliesslich mit einem gebrochenen Kiefer ans Ufer retten – während fünf seiner Kollegen ertranken.
Welche Vorwürfe er sich denn mache, wollte Gerichtspräsident Cyrill Kramer von Y.M. wissen. Der Kadi lobte sich als Antwort selbst: «Ich habe immer den Ruf gehabt, durchdachte und sichere Übungen zu machen. Ich kann mir das Ganze nicht erklären, es entspricht nicht meiner Natur.» Der Richter hakt nach. Doch Y.M. beteuert: «Mir fehlen die Worte».
Urteil im Verlauf des Tages
Dann ein kleines Eingeständnis: «Offenbar habe ich die Lage falsch eingeschätzt.» Dabei hätte ein kurzer Blick ins Armee-Reglement über Wasserfahrten genügt: Dieses besagt, dass 200 Meter vor und nach künstlichen Wasserbauten kein Boot verkehren darf. Doch dieses Reglement beachtete der Kander-Kadi nicht; er, der seinen Untergebenen laut Zeugenaussagen immer alles abverlangte.
Die Beweislage gegen Y.M. scheint erdrückend. Das Gericht fällt das Urteil im Laufe des heutigen Tages. 20 Minuten Online berichtet fortlaufend über das Geschehen.


























