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Solarstadt Dezhou
31. August 2010 15:00; Akt: 11.09.2010 19:41 Print
Der grüne Traum von Chinas «Sonnenkönig»
China wird im Westen oft als «Klimasünder» gebrandmarkt. Nicht zu Unrecht, doch es geht auch ganz anders, wie das Beispiel der Provinzstadt Dezhou zeigt.
Vor langer Zeit wurde die Erde turnusmässig von zehn Sonnen bestrahlt. Ihrer Routine überdrüssig entschieden die zehn Sonnen eines Tages, ihre Arbeit gleichzeitig zu verrichten. Auf der Erde wurde es brütend heiss. Die Gewässer trockneten aus, die Felder verdorrten. Menschen und Tiere starben in Massen. Auf Bitte des chinesischen Kaisers nach göttlicher Hilfe wurde Hou Yi, der Gott der Bogenschützen, auf die Erde entsandt. Mit seinem Bogen holte er eine Sonne nach der anderen vom Himmel, bis nur noch eine übrig blieb und die unerträgliche Hitze ein Ende hatte. Soweit die Legende vom Sonnentöter Hou Yi, die in China ähnlich verbreitet ist, wie in der Schweiz die Sage vom Meisterschützen Tell.
Huang Ming, der «Sonnenkönig» von Dezhou.
Besonders lebendig ist die Legende im nordostchinesischen Dezhou in der Provinz Shandong. Die Provinzstadt, zwei Schnellzugstunden südlich von Peking, nimmt für sich sogar in Anspruch, der Ort zu sein, wo der legendäre Sonnentöter die Menschheit einst vor dem Hitzetod bewahrte. Die Zeit, als die Dezhouer die Sonne noch bekämpften, gehört jedoch der Vergangenheit an. Inzwischen betrachtet die Stadtregierung die Nutzung der Sonnenenergie als «heilige Mission zur Rettung unserer Erde».
Ihr ehrgeiziges Ziel: aus Dezhou das Zentrum der globalen Solarindustrie zu machen. Wie die Computerindustrie einst vom kalifornischen Silicon Valley aus ihren Siegeszug um den Globus antrat, sollen die umweltfreundlichen Solaranlagen aus Dezhou dereinst den Weltmarkt beherrschen. Ein erstes Ausrufezeichen will die Stadt im September dieses Jahres mit der Austragung des 4. Weltsolarkongresses setzen.
Revolution auf dem Dach
Obwohl die Stadt nicht in einem Trockengebiet liegt, ist die Solartechnologie allgegenwärtig: über 30 Kilometer des städtischen Strassennetzes sind mittlerweile mit solarbetriebenen Lampen ausgerüstet. Dasselbe gilt für die meisten Parkanlagen. Als eigentliche Revolution bezeichnet werden darf die Entwicklung auf den Dächern Dezhous. Solarwasserbereiter, welche die Bewohner mit heissem Wasser zum Duschen, Kochen und Waschen versorgen, sind in China keine Seltenheit. In Dezhou gehören sie fast zur Regel.
Auf den meisten Wohnhäusern glitzern die charakteristischen Wassertanks mit ihren dunklen Glasröhren in der Sonne. Nach offiziellen Angaben sind gegen 80 Prozent aller städtischen Wohnhäuser mit diesen nachhaltigen Geräten ausgestattet. Bis die Deckungsrate 100 Prozent erreicht, wird es wohl nicht mehr allzu lange dauern. Denn die Regierung hat die Installation von Solarwasserbereitern bei Neubauten verfügt. Ohne die Integration dieser umweltfreundlichen Anlagen gibt es seit kurzem keine Baugenehmigung mehr.
Vom Erdölingenieur zum Öko-Millionär
Die Solarindustrie von Dezhou entstand in den 1990er Jahren. Mit inzwischen über 100 Unternehmen ist sie mit Abstand der grösste Arbeitgeber der Stadt. Ihr Flaggschiff ist die 1995 gegründete Himin-Gruppe. Ihre Solaranlagen sorgen auf der ganzen Welt für warmes Wasser. Selbst auf dem Dach der chinesischen Forschungsstation am Südpol leuchtet das grüne Firmenlogo. Der kometenhafte Aufstieg blieb auch im Westen nicht unentdeckt. Ende 2008 investierte die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs 100 Millionen US-Dollar in die Solarfirma aus Dezhou. Der Gang an die Börse soll bald erfolgen.
Die treibende Kraft hinter dem «Solarwunder» von Dezhou heisst Huang Ming. Der 52-jährige Gründer und Chef von Himin hat mit dem Verkauf von Solarwasserbereitern innerhalb von 15 Jahren ein Vermögen gemacht. Laut dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes gehört der «Sonnenkönig», wie Huang Ming in China ehrfürchtig genannt wird, zu den 400 reichsten Chinesen. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsmann kämpft Huang im Nationalen Volkskongress für ein grüneres China. Sein Traum: «Solarwasserbereiter für die ganze Welt, damit auch die nächsten Generationen noch in einen blauen Himmel blicken können.»
Paradoxerweise begann der Öko-Millionär seine berufliche Laufbahn als Ingenieur in der Erdölindustrie. Den Ausschlag für seinen Berufswechsel gab letztendlich die Geburt seiner Tochter. Um ihr eine intakte Umwelt zu hinterlassen, begann Huang Ming nebenbei mit der Entwicklung eines Solarwasserbereiters. 1995 schliesslich gründete er die Firma Himin. So zumindest lautet die offizielle Version seiner Biographie.
Am Hof des «Sonnenkönigs»
«Ein Foto? Ja klar, kein Problem», sagt Huang Ming in einwandfreiem Englisch. Der «Sonnenkönig» gibt sich volksnah. Sein sportliches Outfit und sein leicht wirres Haar lassen ihn bodenständig erscheinen. Von seinen «Untertanen» hört man denn auch nur Positives. Ein «Symbol» sei er, sagt ein Teenager auf Nachfrage wie aus der Pistole geschossen. Andere Einheimische bezeichnen ihn schlicht als «tai lihai – einfach brillant».
Deutlich weniger pompös, aber nicht minder eindrücklich als das Versailles von Louis XIV. ist die Residenz des «Sonnenkönigs» von Dezhou. Der Firmenhauptsitz von Himin in Form einer riesigen Sonnenuhr gilt als grösste Solararchitektur der Welt. Neben Büros, Ausstellungs- und Konferenzräumen ist darin auch ein Luxushotel mit 180 Zimmern untergebracht. Dank modernster Umwelttechnologien kann das Gebäude fast ausschliesslich mit erneuerbaren Energien versorgt werden.
Die Stadt der Zukunft – das «Solar Valley»
Der Hauptsitz von Himin ist das Herzstück des «Solar Valley», einer über 300 Hektar grossen Anlage, die von der Dezhouer Regierung im Jahr 2004 in Auftrag gegeben wurde und von Himin gebaut wird. Nach seiner Fertigstellung wird das «Solar Valley» mehrere Produktionsstätten für Solaranlagen mitsamt Forschungslabors beheimaten. Hinzu kommen ein riesiges Tagungszentrum, eine Universität, Wohnsiedlungen, Parks und andere Freizeiteinrichtungen.
Die Energieversorgung wird hauptsächlich durch das Licht der Sonne geregelt. Eine mit Solarstrom betriebene Monorail soll das ganze Areal dereinst umkreisen. Weitere «Sonnentäler» in anderen chinesischen Grossstädten sind in Planung. Noch ist die Kohle in China der mit Abstand wichtigste Energieträger. Huang Ming will dies ändern. Besucher, die sein «Solar Valley» gesehen haben, sollen wie er auf die Sonnenenergie setzen.
Der sagenhafte Sonnentöter Hou Yi wurde vom chinesischen Kaiser für die Beendigung der Dürre gelobt. Die Götter jedoch waren zornig auf ihn, hatte er die neun Sonnen doch glatt erschossen, anstatt ihnen nur eine Lektion zu erteilen. Zur Strafe verlor Hou Yi seine Unsterblichkeit. Der 52-jährige Huang Ming ist auf dem besten Weg zur Unsterblichkeit. Ein Stadion in Dezhou trägt bereits seinen Namen. Sollte sich der grüne Traum des «Sonnenkönigs» erfüllen, dann dürfte auch er in China eine Statue erhalten, wie einst die «Rote Sonne» – Mao Zedong.
(sg)



























