«Runder Tisch»

23. Januar 2010 16:17; Akt: 23.01.2010 17:46 Print

Steine gegen MoscheenSteine gegen Moscheen

Vertreterinnen und Vertreter der muslimischen Bevölkerung in der Schweiz sind sich einig: Das Klima für Muslime ist nach dem Minarett-Verbot rauher und unfreundlicher geworden. Jetzt soll gehandelt werden.

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Gläubige Muslime beten in der Moschee der Bosnisch-Islamischen Gemeinschaft in St. Gallen. (Bild: Keystone)

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In Bern haben sich am Samstag rund 25 Schweizer Muslime mit der Eidg. Kommission für Migrationsfragen (EKM) getroffen. Die Runde sei eine Reaktion auf das Minarettverbot, sagte EKM-Präsident Francis Matthey im Anschluss an das vierstündige Gespräch.

«Die Mehrheit der Muslime fühlte sich durch die noch am Abstimmungssonntag erhobene Forderung nach einer besseren Integration verletzt, denn sie ist längst in der Schweiz integriert», sagte Matthey.

Eingeladen zum Treffen waren Vertreter verschiedener Bevölkerungsgruppen, die meisten davon Muslime aus dem Balkan und aus der Türkei. Ziel sei gewesen, in einen Dialog mit muslimischen Bürgern zu treten und nicht in einen religiösen Dialog, fügte Matthey an.

Vertreter einiger religiöser Vereine, die nach der Abstimmung Ende November an die Öffentlichkeit getreten waren, waren nicht dabei, unter anderem der islamische Zentralrat. Dieser versteht sich als Schweizer Dachverband des traditionellen sunnitischen Islam.

Scharfmacher bleiben draussen

«Nur rund 10 Prozent der 400 000 Muslime in der Schweiz bezeichnen sich als religiös», sagte Matthey. «Auch viele davon fühlen sich durch lautstarke religiöse Anführer nicht vertreten.»

Dies bestätigte auch Mirsada Voser vom Bosnisch-islamischen Verein in Basel: «Ich bin bekennende Muslimin und urbane Europäerin», sagte sie. Mit Fanatikern jedwelcher Couleur habe sie nichts gemeinsam.

Die Stimmung in der Schweiz erinnere sie an ihre alte Heimat Sarajevo. Dort habe vor den Balkankriegen in den 1990er Jahren Religion oder Ethnie keine Rolle gespielt. Doch der Hass habe diese Gesellschaft zerstört. Brandstiftern auf beiden Seiten dürfe keine Chance gegeben werden, warnte sie.

Voser sieht auch die Schweizer Behörden und die Parteien in der Pflicht. «Die Schweiz suchte Arbeitskräfte und hat nicht gesagt, dass sie nur Christen will», betonte sie. Muslime hätten den Wohlstand mit aufgebaut.

«Weil die Regierung und die anderen Parteien der SVP das Terrain mit deren Angstkampagne überliessen, hat das Volk der Anti-Minarett- Initiative zugestimmt», sagte Voser.

Dachorganisation nötig

Doch auch die Muslime seien gefordert, wie auch Bashkim Iseni, Dozent an der Universität Lausanne und Betreiber der Website alban.ch, sagte. Das Abstimmungsergebnis sei auch darauf zurückzuführen, dass die Schweizer keine Kenntnis davon hätten, wie Muslime lebten. Letztere müssten nun in Dialog mit der Bevölkerung treten.

Dabei stehen sie aber selbst vor dem Problem, dass die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz sehr heterogen ist: Die Menschen stammen unter anderem aus dem Balkan, der Türkei, dem arabischen Raum, aus Nordafrika oder aus dem Iran.

Zwar bekennen sich alle zum Islam, doch sind ihre religiösen Wurzeln grundverschieden: Die meisten sind Sunniten, doch auch Schiiten leben hierzulande. Zudem spalten sich Sunniten und Schiiten in weitere Gemeinschaften auf, beispielsweise in Aleviten, Ismailiten, Sufis oder Wahabiten.

«Auch wir Muslime beginnen erst zu begreifen, wie andere Muslime denken», brachte Iseni es auf den Punkt. Und Voser forderte die Bildung eines echten muslimischen Dachverbandes. Dazu brauche es jedoch zunächst einen Konsens unter den Muslimen.

Angst vor Radikalisierung

An dem «Runden Tisch» seien auch Ängste der Betroffenen zu Tage getreten, sagte die Informationsbeauftragte der Kommission, Elsbeth Steiner, auf Anfrage. So sei geschildert worden, wie es beispielsweise nach der Abstimmung zunehmend schwieriger geworden sei, Räume zu mieten. Es sei auch von Steinwürfen gegen Gebäude von muslimischen Einrichtungen berichtet worden. Diese Radikalisierungstendenzen bereiteten den Menschen muslimischer Glaubensrichtung Angst. Sorgen bereitet den in Bern Versammelten auch die Reaktion der Jugend auf das Minarettverbot. Mehrere Teilnehmer hätten festgestellt, dass die zunehmende Marginalisierung der Muslime Jugendliche empfänglicher für radikale Ideen mache, sagte EKM-Sprecherin Elsbeth Steiner.

Die EKM will die Ergebnisse der Runde analysieren und sich dann erneut mit den Teilnehmern treffen, wie Steiner sagte. Der Zeitpunkt sei noch offen.

(sda/dapd)