Nahost-Konflikt

02. Januar 2012 20:33; Akt: 02.01.2012 20:37 Print

«Meine Zeit im Gefängnis war für Palästina»

von D. Nammari/D. Cheslow, AP - Seit Oktober sind über 1000 palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freigelassen worden. Für viele ist der Weg zurück ins Leben hart. Was ist aus ihnen geworden?

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Am Nachmittag vom Dienstag, 18. Oktober, kann Noam Schalit seinen Sohn Gilat wieder in die Arme schliessen. Über fünf Jahre war der Soldat von seiner Familie getrennt. Zuvor hatte Schalit den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu begrüsst - standesgemäss mit militärischem Gruss. «Willkommen in Israel, Gilad. Wie gut, dass du zurückgekommen bist», sagte er zu Gilad Schalit. Der Jubel in Israel war grenzenlos. Auch auf palästinensischer Seite war der Jubel über die Freilassung von 477 Palästinensern gross. Die Freigelassenen reisten in Bussen in den Gazastreifen. Kinder schwenkten palästinensische Fahnen im Flüchtlingslager Burj al-Barajneh in Beirut... ... während Israeli am Grenzübergang Kerem Shalom zum Gazastreifen Tauben stiegen liessen. In Mitzpeh Hila, der Heimatstadt Schalits, wurde ebenfalls gefeiert. Jubelnde Freigelassene in einem Bus. Bei einigen Angehörigen der israelischen Luftwaffe flossen die Tränen in Strömen. Andere staunten nur noch. Am Checkpoint Beitunia wehten Flaggen der Hamas. Das erste Mal seit fünf Jahren durfte Gilad Schalit am Mittag des 18. Oktobers mit seinen Eltern telefonieren. Schalit auf dem Weg in die Freiheit. Palästinensische Häftlinge werden bei ihrer Ankunft im Gazastreifen bejubelt. Gilad Schalit im Exklusiv-Interview im ägyptischen Staatsfernsehen, kurz nach seiner Freilassung. Mittlerweile ist der 25-Jährige in Israel eingetroffen. CNN strahlt die ersten Bilder Gilad Schalits in Freiheit aus. Die Aufnahmen stammen vom ägyptischen Staatsfernsehen, wie der israelische Fernsehsender Channel 2 meldet. Der entführte israelische Soldat Gilad Schalit (Archivbild) wurde am 18. Oktober 2011 kurz nach 9 Uhr offiziell freigelassen. Die Familie des Soldaten Gilad Schalit am 18. Oktober beim Verlassen ihres Hauses in Mitzpe Hila: Vater Noam (l.)und Mutter Aviva (r.) zusammen mit ihrem Sohn Yoel und dessen Freundin Hadas. Sie ist unterwegs nach Tel Aviv, wo sie ihren Sohn Gilad treffen werden. Der Vater von Gilad Schalit (mit Sonnenbrille). Ein Transporter mit palästinensischen Gefangenen ist am Morgen des 18. Oktobers in der Nähe des Militärlagers Ofer nahe dem Beituniya-Übergang zum Westjordanland eingetroffen. Journalisten und Kamerateams warten am Übergang Beituniya . Die palästinensischen Häftlinge werden in Kastenwagen in Richtung Grenze gefahren. Dort soll der Gefangenenaustausch gegen den 25-jährigen israelischen Soldaten Gilad Schalit stattfinden, der mit 19 Jahren von der Hamas verschleppt worden war. In einem Konvoi werden palästinensische Gefangene aus dem Gefängnis Keziot in der israelischen Negev-Wüste in Richtung Grenze gefahren. Der Grenzübergang Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten am 17. Oktober, dem Tag vor dem Gefangenenaustausch. Palästinensische Hamas-Kämpfer haben sich in der Nacht entlang der Hauptstrasse in Chan Yunis im Gazastreifen postiert. Am Vorabend sind in Gaza-Stadt die letzten Vorkehrungen getroffen worden, um die Freigelassenen mit Pomp zu empfangen. Es wurden eigens Tribünen aufgebaut.

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Sie haben einiges nachzuholen, und sie verlieren keine Zeit. Viele der palästinensischen Häftlinge, die seit Oktober im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei kamen, sind im Begriff zu heiraten, bauen sich ein Haus oder schreiben sich an der Hochschule ein. Dabei halten die israelischen Sicherheitsdienste ein wachsames Auge auf sie, damit auch ja keiner rückfällig wird.

477 Palästinenser wurden im Oktober gegen den israelischen Soldaten Gilad Schalit ausgetauscht, der fünf Jahre lang von der radikalislamischen Hamas gefangen gehalten worden war. Mitte Dezember folgte ein zweiter Schub von 550 Personen.

Die meisten aus der ersten Gruppe hatten wegen blutiger Anschläge auf Israelis, wegen Morden und Entführungen lange Jahre hinter Gittern verbracht und damit gerechnet, im Gefängnis zu sterben. Jetzt müssen sie sich in einer neuen politischen Wirklichkeit zurechtfinden: Im Gazastreifen regiert die Hamas, die noch im Untergrund agierte, als die meisten von ihnen inhaftiert wurden. Und im Westjordanland ist das politische Klima moderater als in ihrer Erinnerung; viele dort finden inzwischen, dass Gewalt den palästinensischen Interessen nur schadet.

«Unsere Aufgaben sind andere als früher»

Dennoch zeigen die Ex-Gefangenen selten Reue, häufig gelten sie ihn ihrem Umfeld als Helden. Zur Begrüssung bekamen sie von der Autonomiebehörde von Präsident Mahmud Abbas im Westjordanland und der Hamas-Regierung in Gaza Eingliederungshilfen bis zu umgerechnet 7700 Euro, auch von Stipendien und Wohnungen wird berichtet. Doch ganz werden sie ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen können. Wer ins Westjordanland und nach Ostjerusalem zurückkehrte, steht unter genauer Beobachtung des israelischen Inlandsgeheimdiensts Schin Bet und wird zur Gefährderansprache einbestellt.

Eine erfolgreiche Wiedereingliederung ins Zivilleben verringere die Rückfallgefahr, glaubt der israelische Terrorabwehrexperte Joni Fighel: «Wenn sie Arbeit haben, ein Einkommen, einen Anreiz, eine Familie zu gründen und sich zu etablieren, dann verliert der Terrorismus an Anziehungskraft.» So eifrig wie viele Ex-Häftlinge Fuss zu fassen versuchen, wollen sie wohl nicht riskieren, die neu gewonnene Freiheit wieder zu verlieren.

Muajad Abdel Samed ist 50, hat die Hälfte seines Lebens hinter Gittern verbracht und sagt, er glaube an die Unabhängigkeit Palästinas mit friedlichen Mitteln. «Nach diesen langen Jahren im Gefängnis, und in meinem Alter, und bei den politischen Veränderungen, die sich bei unserer palästinensischen Sache ergeben haben, sind unsere Aufgaben andere als früher», sagt Abdel Samed und mauert weiter an seinem Haus, für das er rund 6000 Euro Zuschuss bekommen hat. Er hofft, eine Frau zu finden, und hat sich für ein Stipendium der Palästinensischen Autonomiebehörde beworben. Die gab es noch lange nicht, als er 1987 ins Gefängnis ging: Damals war noch die israelische Militärverwaltung für alles von der Geburtsurkunde bis zum Krankenhaus zuständig.

Besser Gaza als Gefängnis

Jehije al Sinwar, zu Lebenslang verurteilter Mitbegründer des militärischen Flügels der Hamas, kam 1988 in Haft. Als der 49-Jährige nach Gaza heimkehrte, drängte ihn seine Familie, auf Brautschau zu gehen. «Ich sagte, ich will mich erst einmal orientieren und Versäumtes nachholen», berichtet er. Doch bei der Rückkehr von einer Wallfahrt nach Saudi-Arabien hatten seine Schwestern schon eine Frau für ihn gefunden, eine 31-Jährige mit Abschluss in Religionswissenschaften. Über seine politischen Pläne, vielleicht eine Führungsrolle bei der Hamas, möchte al Sinwar nicht sprechen.

Die mit jeweils 33 Jahren am längsten einsitzenden Häftlinge, die Cousins Nael und Fachri Barghuti, bekamen umgerechnet je 7700 Euro von der Autonomiebehörde. Fachri teilte zeitweilig eine Zelle mit seinem Sohn Schadi, der wegen Mitgliedschaft in einer bewaffneten Vereinigung zu 27 Jahren verurteilt ist. Der Schin Bet habe ihn nach der Entlassung als Spitzel anzuwerben versucht und mit der Freilassung seines Sohnes gelockt, sagt er. Er habe abgelehnt. «Ich bin stolz auf mein Volk, auf meine Familie, auf meine Söhne und auf mich selbst», erklärt Barghuti. «Meine Zeit im Gefängnis war für Palästina.»

Obeida Bilal stammt aus dem Westjordanland und versucht nun in Gaza Fuss zu fassen. Der 33-Jährige war 2000 als Journalistikstudent verhaftet und wegen Mitgliedschaft in einer bewaffneten Zelle zu 25 Jahren verurteilt worden. Probleme mit den Augen habe er schon vorher gehabt, berichtet Bilal, aber in Haft sei er völlig blind geworden. Seiner Frau Nelly erlauben die Israelis nicht, vom Westjordanland zu ihm nach Gaza zu kommen. Trotz der Trennung von seiner Familie, sagt Bilal, sei Gaza besser als Gefängnis: «Ich bin vielleicht blind, aber als ich am Meer spazieren ging, konnte ich die Freiheit riechen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • bonn am 02.01.2012 21:04 Report Diesen Beitrag melden

    Wieso

    Wieso benutztman das Wort radikal nur bei den Muslimen?

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  • Joe am 02.01.2012 23:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wers glaubt wird selig...!

    "Und im Westjordanland ist das politische Klima moderater als in ihrer Erinnerung; viele dort finden inzwischen, dass Gewalt den palästinensischen Interessen nur schadet." Zitat aus dem Artikel!! So was können auch nur solche schreiben, die keine Ahnung der Fatah haben. Die verfolgen genau die gleichen Ziele wie die Hamas, und zwar auf die selbe Weise! Lest mal ihre Grundsätze, die sie haben. Zudem erinnere ich daran, dass Arafat bei der Fatah war und alles mit Waffengewalt lösen wollte!

  • Peter Silie am 02.01.2012 22:41 Report Diesen Beitrag melden

    Naja...

    1,000 für EINEN einzigen Israeli... Das zeigt wohl wie sehr die Palästinenser ihr eigenes Volk preisen. 1 Israeli ist gleichviel Wert wie 1,000 Palästinenser???

Die neusten Leser-Kommentare

  • Joe am 02.01.2012 23:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wers glaubt wird selig...!

    "Und im Westjordanland ist das politische Klima moderater als in ihrer Erinnerung; viele dort finden inzwischen, dass Gewalt den palästinensischen Interessen nur schadet." Zitat aus dem Artikel!! So was können auch nur solche schreiben, die keine Ahnung der Fatah haben. Die verfolgen genau die gleichen Ziele wie die Hamas, und zwar auf die selbe Weise! Lest mal ihre Grundsätze, die sie haben. Zudem erinnere ich daran, dass Arafat bei der Fatah war und alles mit Waffengewalt lösen wollte!

  • Peter Silie am 02.01.2012 22:41 Report Diesen Beitrag melden

    Naja...

    1,000 für EINEN einzigen Israeli... Das zeigt wohl wie sehr die Palästinenser ihr eigenes Volk preisen. 1 Israeli ist gleichviel Wert wie 1,000 Palästinenser???

  • bonn am 02.01.2012 21:04 Report Diesen Beitrag melden

    Wieso

    Wieso benutztman das Wort radikal nur bei den Muslimen?

    • Peter Silie am 03.01.2012 09:30 Report Diesen Beitrag melden

      Das Wort 'radikal'

      kommt insgesamt 2x vor - 1x im Artikel wo über die 'Radikalislamische Hamas' geschrieben wird und 1x von Ihnen im Kommentar... Also ich verstehe Sie richtig - Sie würden die Hamas als 'nicht'-radikalislamisch bezeichnen?

    • Hanfred am 03.01.2012 09:48 Report Diesen Beitrag melden

      Sein Buch lesen!

      Das hat mit den Erkenntnissen eines "Edward Bernays" zu tun...

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