Palästina-Trilogie Teil I

25. Mai 2011 13:31; Akt: 31.07.2013 08:26 Print

Einmal Flüchtling, immer Flüchtling

von Kian Ramezani - Die härteste Knacknuss im Nahostkonflikt sind die palästinensischen Flüchtlinge. Israel verweigert ihnen die Rückkehr. Auch ihre arabischen Brüder reissen sich nicht um sie.

In den libanesischen Flüchtlingslagern wie Schatila in Beirut fristen die Palästinenser ein tristes Dasein. (Video: Deutsche Welle)
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Unter den vielen Problemen, die den Nahen Osten seit Jahrzehnten belasten, ist das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge vermutlich das kniffligste. Ihr sogenanntes Rückkehrrecht ist ein derart heisses Eisen, dass es bei den Friedensverhandlungen zwischen Israel und der Palästinenserbehörde meist ausgeklammert bleibt. Konkret geht es um knapp fünf Millionen Personen, die niemand haben will.

1948 kam es nach der Unabhängigkeitserklärung Israels zum ersten Nahostkrieg und zur Nakba (arabisch Katastrophe), der die Palästinenser jedes Jahr gedenken: Rund 700 000 Palästinenser verliessen ihre Heimat im heutigen Israel – einige freiwillig, andere aus Angst, wieder andere wurden vertrieben. Aber alle glaubten, es sei nur vorübergehend.

Sobald die arabischen Koalitionstruppen die israelische Armee besiegt hätten, würden sie in ihre Häuser in Haifa, Jaffa und Akko zurückkehren, glaubten sie. Doch dazu kam es nicht, Israel behielt die Oberhand. Knapp 20 Jahre später unterlagen die arabischen Armeen im Sechstagekrieg 1967 erneut, worauf weitere 300 000 Palästinenser aus der Westbank, dem Gazastreifen und den Golanhöhen flohen, die Israel neu besetzt hatte.

Apartheid im Libanon

1973 versuchten es – und scheiterten – die arabischen Armeen ein letztes Mal. Und weil eine Friedenslösung zwischen Palästinensern und Israelis seither aussteht, warten die Überlebenden und Nachkommen der beiden Flüchtlingswellen noch immer in Lagern im Libanon, in Jordanien, Syrien sowie in der Westbank und im Gazastreifen. Diese werden vom UNO-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) finanziert und humanitär versorgt.

In Jordanien machen palästinensische Flüchtlinge mit knapp zwei Millionen fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus. Die meisten von ihnen haben die jordanische Staatsbürgerschaft erhalten und sind gesellschaftlich weitgehend integriert und akzeptiert. In Syrien sind sie hingegen staatenlos und besitzen kein Wahlrecht, können aber frei arbeiten und ein Haus erwerben. Am schlechtesten sind die Flüchtlinge in den libanesischen Lagern gestellt. Auch sie sind staatenlos und dürfen darüber hinaus gewisse Berufe wie Anwalt, Arzt und Ingenieur nicht ausüben. Arbeits- und Perspektivenlosigkeit sind weitverbreitet.

Israelis und Araber fürchten sich vor den Flüchtlingen

Dass Länder wie Syrien und Libanon den Palästinensern keine Staatsbürgerschaft gewähren, hat verschiedene Gründe. Offiziell wollen sie die Vertreibung durch Israel nicht nachträglich legitimieren und zementieren. Inoffiziell fürchten sie auch, diese könnten als vollwertige Bürger augrund ihrer grossen Zahl das innenpolitische Gleichgewicht in den Gastländern verschieben. Solche Ängste sind vor allem im Libanon ausgeprägt, wo ihr Zustrom das ohnehin delikate Gleichgewicht zwischen Christen, Sunniten und Schiiten durcheinanderbrachte und mit ein Grund für den Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 war.

Aus demselben Grund lehnt Israel ein Rückkehrrecht ab. Fünf Millionen zusätzliche Palästinenser würden das Ende seines jüdischen Charakters bedeuten. Laut den sogenannten «Palestine Papers», einer Sammlung diplomatischer Geheimdokumente aus zehn Jahren Friedensverhandlungen, soll Israel eine symbolische Zahl von 10 000 Flüchtlingen vorgeschlagen haben, die über zehn Jahre verteilt zurückkehren dürften. Die anderen sollen «grosszügig entschädigt» werden, wie der ehemalige israelische Premierminister Ehud Olmert in seinen Memoiren schreibt. Sein damaliger palästinensischer Verhandlungspartner Mahmud Abbas soll die israelische Position grundsätzlich akzeptiert haben.

Gleichzeitig geht aus den Akten hervor, dass die palästinensische Autonomiebehörde selbst keine Möglichkeit sieht, sämtliche Flüchtlinge in einem künftigen unabhängigen Palästina aufzunehmen. Bleiben also noch die anderen arabischen Staaten. Deren Haltung gegenüber den Flüchtlingen (mit der Ausnahme von Jordanien) verrät allerdings wenig Bereitschaft, diese dauerhaft aufzunehmen. Beobachtern ist nicht entgangen, dass Israel seine Diaspora damals mit wesentlich offeneren Armen empfing.

Heimatlos wie einst die Juden

Es ist eine tragische Ironie der Geschichte, dass die Staatsgründung Israels Millionen von jüdischen Flüchtlingen erstmals ein Leben in Würde und Freiheit sicherte und gleichzeitig ein anderes Volk, die Palästinenser, zu Flüchtlingen machte. Wie die Juden früher träumen sie von der Rückkehr in die Heimat ihrer Vorfahren, die sie noch nie mit eigenen Augen gesehen haben. Gemessen an den bisherigen Fortschritten im Friedensprozess ist es gut möglich, dass auch sie lange auf die Erfüllung ihres Traums werden warten müssen.