Täglicher Wahnsinn

04. Oktober 2010 13:43; Akt: 04.10.2010 15:04 Print

Tod an der MauerTod an der Mauer

von Ben Hubbard, AP - Um seine Familie zu ernähren, schlich sich der Palästinenser Issedine Kawasbeh täglich vom Westjordanland nach Israel. Jetzt ist er tot, erschossen. Die Hintergründe.

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Der Tod von Issedine Kawasbeh von Sair im Westjordanland.

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«Er wollte nur Geld verdienen, um seine Familie zu ernähren», sagt Seinedin Kawasbeh über seinen Bruder Issedine. «Alles andere war unwichtig.» Issedine Kawasbeh war 35 Jahre alt und Vater von fünf Kindern, das sechste ist unterwegs. Am Sonntag wurde der Bauarbeiter aus dem Westjordanland von einem israelischen Polizisten erschossen, als er sich zum Tagewerk nach Jerusalem schleichen wollte (siehe Info-Box). Sein Tod wirft ein Schlaglicht auf das Risiko, das tausende Palästinenser auf sich nehmen, die verzweifelt Arbeit suchen und keine Einreiseerlaubnis nach Israel erhalten.

Wie Kawasbeh klettern sie im Schutz der Dunkelheit über die meterhohe Mauer, mit der sich Israel seit 2002 gegen mögliche Selbstmordattentäter abschottet. Manche von ihnen schuften ausgerechnet auf Baustellen jüdischer Siedlungen auf ebendem Land, das einmal zu einem palästinensischen Staat gehören soll.


15 000 Illegale

Die Arbeiter sagen, sie hätten zu viel damit zu tun, ihre Familien durchzubringen, als das sie sich über die Gefahren oder die Art ihres Jobs Gedanken machen könnten. Im Westjordanland gibt es kaum Arbeit, und man verdient nur halb so viel wie auf einer israelischen Baustelle. Zwar ist seit einiger Zeit ein bescheidener Wirtschaftsaufschwung erkennbar. Doch in Orten wie Kawasbehs Heimatdorf Sair ist das Leben noch immer hart. Hunderte Männer machen sich jede Woche auf zur Arbeit nach Israel.

Um Israel und die Siedlungen zu betreten, brauchen die Einwohner des Westjordanlands eine Genehmigung. Israel argumentiert, die palästinensischen Arbeiter müssten genauestens überprüft werden, um mögliche Terroristen herauszufiltern. Rund 20 000 Palästinenser haben eine Arbeitserlaubnis für Israel und ebenfalls 20 000 für Siedlungen im Westjordanland, wie Salwa Alenat von der israelischen Hilfsorganisation Kav Laoved sagt. Dazu kämen bis zu 15 000 ohne Papiere heimlich über die Grenze.


«Ich dachte nicht, dass sie schiessen würden»

Issedine Kawasbehs letzter Weg zur Arbeit begann wie immer, seitdem er mit 15 Jahren in Israel zu arbeiten begonnen hatte - so schildert es sein Cousin Radad Kawasbeh, der mit ihm unterwegs war. Noch vor dem Morgengrauen kamen er und zwei Dutzend weitere Arbeiter aus dem Dorf zu einer bestimmten Stelle an der Mauer. Hunderte weitere Männer aus anderen Orten warteten in der Nähe ebenfalls auf eine günstige Gelegenheit. Als kein Militärfahrzeug in Sicht war, rannten sie auf ein fast fünf Meter hohes Teilstück des Walls zu und kletterten mit Hilfe eines auf der Mauerkrone befestigten Seils hinüber.

Auf der anderen Seite landeten sie auf einer Brache voll Unkraut und Stacheldraht vor einem breiten Strassenabschnitt. Als die Luft rein schien, sprinteten sie hinüber. In dem Moment tauchte ein Polizeifahrzeug auf. Die meisten Männer liefen einen Hügel hinauf und versteckten sich im Gesträuch, wie Radad berichtet. Issedine, älter und schwerer als die anderen, konnte nicht schnell genug rennen und wurde von einem Polizisten verfolgt. Als sein Cousin bergauf lief, hörte Radad einen Schuss. «Ich dachte, der ging in die Luft», sagt er. «Ich dachte nicht, dass sie auf meinen Cousin schiessen würden.»


Polizist spricht von zufällig gelöstem Schuss

Die israelische Polizei erklärte, die Palästinenser hätten die Aufforderung missachtet, stehen zu bleiben, und seien geflohen. Ein Polizist habe Kawasbeh eingeholt. Der habe nach der Waffe des Beamten zu greifen versucht, sagte Polizeisprecher Micky Rosenfeld. Bei einem Ortstermin sagte der betreffende Polizist den Ermittlern, der Schuss habe sich während des Gerangels zufällig gelöst. Radad widerspricht: Der Polizist habe aus mindestens zehn Metern Entfernung geschossen.

Zur Beerdigung von Issedine Kawasbeh kamen am Sonntagnachmittag in Sair Hunderte Leute aus dem Ort zusammen. Selbst Arbeiter, die es vor dem tödlichen Schuss sicher nach Israel geschafft hatten, kehrten zurück, um ihm die letze Ehre zu erweisen. Viele sind tief erschüttert. «Wir gehen immer so rüber», sagt sein Bruder Hassan. «Manchmal schnappen sie einen und bringen ihn zum Übergang zurück, aber sie haben noch nie auf jemanden geschossen.»


Nächsten Samstag wieder

In Israel verdienten sie umgerechnet rund 40 Euro am Tag, berichten die Arbeiter auf der Beerdigung, etwa doppelt so viel wie im Westjordanland. Um möglichst nicht erwischt zu werden, bleiben die meisten die Woche über da und übernachten auf der Baustelle im Freien. Ältere, verheiratete Männer gelten in Israel weniger als Sicherheitsrisiko und erhalten eher mal eine Arbeitserlaubnis - doch Kawasbeh bekam nie eine, wie Angehörige sagen. Vor sechs Monaten sass er 16 Tage in einem israelischen Gefängnis, weil er ohne Erlaubnis erwischt worden war.

Issedine Kawasbeh wurde in seinem Dorf wie ein Märtyrer beigesetzt. Nach der Beerdigung sagt einer der Trauergäste, er habe trotzdem vor, wieder nach Israel auf Arbeit zu gehen. Und wann? «Nächsten Samstag.»