Halbstundentakt gefordert

15. Oktober 2010 09:30; Akt: 15.10.2010 11:32 Print

So rast die Neat in die Zukunft

von Adrian Müller - Nach dem Gotthard-Durchschlag geht die Arbeit für die Bahntechniker erst richtig los. Sie müssen sich sputen: Die ersten Testfahrten beginnen bereits 2013.

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Bei der Nothaltestelle Sedrun führt ein 800 Meter hoher Lift an die Oberfläche. Die Idee, aus dem Nothalt mit der «Porta Alpina» einen richtigen Bahnhof zu bauen, wurde mittlerweile wieder fallen gelassen. Für den längsten Eisenbahntunnel der Welt brachen die Mineure inklusive Zugangsstollen ein 152 Kilometer langes Tunnelsystem aus. Die Bauarbeiten dauern seit 1993 an. Der Gotthard-Basistunnel misst 57 Kilometer - neuer Weltrekord. Bisheriger Rekordhalter war der Seikan-Tunnel in Japan mit 53,9 Kilometern. Der Neat-Vater: Der damalige Verkehrsminister Adolf Ogi löste beim Spatenstich am 22. September 1993 in Faido die erste Sprengung am Gotthard-Basistunnel aus. Für den Tunnelbau wurden über 13 Millionen Kubikmeter Gestein ausgebrochen - fünfmal mehr als das Volumen der gewaltigen Cheops Pyramiden oder ein Güterzug von Zürich nach New York. Das ausgebrochene Gestein wurde mehrheitlich zu Beton verarbeitet. Ein Teil des Neat-Aushubes landete aber im Urnersee. Kleine Inseln zeugen dort vom Jahrhundert-Bauwerk. Ursprünglich waren für den längsten Tunnel der Welt Baukosten von 7,72 Milliarden Franken veranschlagt. Über zehn Jahre später werden die Endkosten für den 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel auf 9,83 Milliarden Franken geschätzt. Die Reisezeit verkürzt sich mit der Eröffnung um eine Stunde. Die Fahrt von Zürich nach Mailand wird so noch 2 Stunden und 40 Minuten dauern. Bei den Bauarbeiten starben bislang acht Mineure. Sie kämpften sich durch zahlreiche Störzonen. Insbesondere einbrechendes Wasser stellte die Ingenieure vor grosse Herausforderungen. Auf einigen Abschnitten wurde der Tunnel mit Plastikfolien ausgekleidet, um Wassereinbrüche zu unterbinden. Die Bohrmaschinen sind über 140 Meter lang und haben einen Durchmesser von 9,5 Meter. Das Bild zeigt den Durchschlag zwischen Amsteg und Erstfeld am 16. Juni 2009. Im Abstand von 325 Metern werden die zwei Röhren des Gotthard-Basistunnels durch insgesamt 178 Querschläge miteinander verbunden. Mit dem Hauptdurchschlag am 15. Oktober 2010 übernehmen die Bahntechniker das Zepter: Bis zur Eröffnung des Basistunnels 2017 müssen 308 Kilometer Schienen verlegt werden. Schon fast legendär ist die Piora-Mulde: Einige Geologen befürchteten in den 1990er-Jahren, ein Tunnel sei dort nicht machbar. Sie vermuteten in der Mulde einen zuckerförmigen Dolomit, der unter hohem Wasserdruck stand. Dies wurde rasch zum Politikum. Beim Durchschlag 2008 gab es jedoch keine grösseren Probleme. Bei Sedrun und Faido wurden zwei Notbahnhöfe in den Berg gebohrt. Bei einem Zwischenfall im Tunnel können die Zugpassagiere über Fluchtstollen an die Oberfläche gebracht werden. Die Züge können an diesen Nothaltestellen kreuzen. Mit der Eröffnung des Gotthard-Tunnels beginnt ein neues Zeitalter der Eisenbahn-Geschichte: Pro Stunde werden zwei Personen- und sechs Güterzüge mit 200 respektive 120 Km/h durch den Tunnel rasen. Pro Tag werden 300 Züge durch das Loch fahren.

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Die Schlussarbeiten im Gotthard-Basistunnel haben bereits vor dem grossen Durchschlags-Knall am 15. Oktober begonnen: Seit Mai dieses Jahres bauen die Arbeiter Schienen und Stromleitungen in die Betonröhren des 57 Kilometer langen Weltrekord-Tunnels auf dem Bauabschnitt zwischen Bodio und Faido ein.

Erste Testfahren ab 2013

Vier Millionen Arbeitsstunden benötigen die Installateure, um die 308 Kilometer Schienen und 131 000 Kubikmeter Beton mit Hilfe eines 450 Meter langen Bauzugs zu verlegen. Bereits im Jahr 2013 sollen erste Testzüge mit bis zu 230 Stundenkilometern zwischen Bodio und Faido durch den Tunnel rasen. Dann geht es Schlag auf Schlag mit der Fertigstellung des längsten Bahntunnels der Welt. «Ich halte eine Eröffnung des Gotthard-Basistunnels bereits auf Ende 2016 für machbar», sagte Alptransit-Chef Renzo Simoni kürzlich in einem Interview.

Ob 2016 oder wie ursprünglich geplant 2017, für Reisende ins Tessin und nach Italien verkürzt sich die Reisezeit massiv. Von Zürich nach Mailand beispielsweise dauert die Fahrt noch 2.40 statt 3.40 Stunden. Wie oft die Personenzüge aber verkehren werden, ist noch nicht ganz klar.

Denn die neue Gotthard-Linie ist in erster Linie eine Güterbahn, wo täglich über 300 Güterzüge verkehren werden, um so die Lastlagenlawinen von der Strasse auf die Bahn umzuleiten. Dies schränkt die Einsatzmöglichkeiten von Personenzügen ein – umso mehr, als viele Zufahrtsstrecken (etwa Arth-Goldau - Altdorf) zum Basistunnel wegen fehlenden finanziellen Mitteln zurückgestellt worden sind (siehe Infografik oben).

«Es sind pro Stunde und Richtung zwei Personenzüge und acht Güterzüge geplant», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig zu 20 Minuten Online. Die genaue Zahl sei aber noch nicht klar, dies hänge letztlich mit der bei der Eröffnung erwarteten Nachfrage ab. Im Personenverkehr wird damit auf der Gotthardachse neu der Halbstundentakt realisiert: Jede Stunde fährt ein internationaler Zug von der Deutschschweiz nach Mailand und ein nationaler ins Tessin. Zusätzlich verkehrt auch nach der Neat-Eröffnung jede Stunde ein Interregio über die Bergstrecke.

Halbstundentakt Zürich-Tessin gefordert

Ob über den Berg oder durch den Tunnel: Die SBB wollen bis 2030 15 000 Personen pro Tag auf der Gotthard-Achse transportieren – heute sind es noch gerade einmal 8000, die sich oftmals in völlig überfüllte Züge quetschen müssen. Zum Vergleich: Auf der meistbefahrenen Strecke Bern-Zürich befördern die SBB täglich 60 000 Passagiere.

«Die SBB sollten einen Halbstundentakt Zürich-Lugano einführen, um die Passagiermassen bewältigen zu können», fordert Edwin Dutler, Präsident der Passagiervereinigung Pro Bahn.

Der Gotthard müsse endlich wieder eine attraktive Strecke werden, sagt der Bahn-Experte. «Derzeit ist der Gotthard die jämmerlichste Bahnlinie der Schweiz. Der Fahrplan wurde ausgedünnt und die SBB fahren bei den Interregios mit dem ältesten Rollmaterial über die wichtigste Nord-Süd-Verbindung der Schweiz», so Dutler. Komme hinzu, dass bei den Verbindungen nach Italien mit dem ETR 470 Cisalpino «ein Haufen Schrott» im Einsatz sei.

Dutler kann wenigstens teilweise aufatmen: «Es ist das Ziel der SBB, mit Doppelstock-Zügen durch den Basistunnel zu fahren», sagt Ginsig weiter. Das Problem sei jedoch, dass Tunnels auf den Zufahrtsstrecken noch nicht für Doppelstock-Kompositionen ausgebaut seien.

Bergstrecke nicht in Gefahr

Die Bahn-Nostalgiker können übrigens aufatmen: Die Gotthard-Bergstrecke wird nicht verschwinden. Neben der stündlichen Interregio-Verbindung fahren die Züge weiterhin über Airolo und Göschenen, wenn der Basistunnel gesperrt werden muss.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • RABE am 15.10.2010 11:13 Report Diesen Beitrag melden

    brüssel

    der transitverkehr muss massiv verteuert werden!bitte einkassieren in brüssel!

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  • Roger am 15.10.2010 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Könnte es vielleicht

    daran liegen, dass wir in Genua einen der grössten Mittelmeerhäfen haben, welcher benutzt wird um einen grossen Teil der Waren zu löschen, welche durch den Suezkanal kommen????

  • Hape Stoffel am 15.10.2010 09:50 Report Diesen Beitrag melden

    Rasende Fahr in die Schuldenfalle

    Mit einer riesigen Show will man heute den Steuerzahler täuschen, der den Flopp des Jahrtausends schlussendlich bezahlen muss. Für den Güterverkehr gibt es weder im Norden noch im Süden die nötigen Anschlusswerke. Deutschland und Italien wollen nichts davon wissen, den da gibt es Hundertausende von Lastwagen, die ihr Geld mit Fahren auf der Autobahn verdienen und nicht beim Isebähnlifahren. Die 60 Tönner lassen grüssen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • mitch am 15.10.2010 15:33 Report Diesen Beitrag melden

    unbedeutend als autofahrer

    also ich warte immernoch auf die 2. gotthardröhre. für mich hat die zugröhre keine bedeutung. geschweige denn, weil sie ja eine offizielle höhe von 3,8 metern hat.

    • Rolf Tobler am 15.10.2010 18:11 Report Diesen Beitrag melden

      Nichts verstanden !

      Du solltest Dich besser informieren: Der neue Gotthard hat 4m Höhe, nur noch nicht alle Zufahrsstrecken, aber das wird sich in den nächsten Jahren geben. Und wozu denn ne 2. Autoröhre ? Damit die paar wenige Male Stau im Jahr bei Überlastung weg sind ? Ich wüsste nicht, wie man diesen finanziellen Aufwand überhaupt rechtfertigen sollte. Zudem bei Deinen Aussagen bemerkt man, dass Du nicht in Uri oder sonst wo an einer Autobahn wohnst !

    • Roger am 15.10.2010 19:11 Report Diesen Beitrag melden

      So ein Quatsch....

      nicht der neue NEAT Tunnel ist zu klein, sondern diejenigen, welche auf dem Weg dorthin durchquert werden müssen. Und auf die 2. Gotthard-Röhre kannst Du warten so lange Du willst.

    • Sandro am 16.10.2010 13:00 Report Diesen Beitrag melden

      gebe dir Recht

      Ich gebe dir völlig Recht. Wer jeden Tag durch den Gotthard fährt, der weiss das nicht nur EIN PAAR male im Jahr Stau herrscht. Vor dem Gotthard herrscht praktisch immer Stau. Und wo bitte schön ist der Unterschied zwischen neben dem Autobahn Wohnen oder irgendwo neben einer Zugstrecke ?? abgesehen davon sind solche Wohnungen sowieso günstiger, irgendjemand muss ja davon profitieren.

    • mitch am 16.10.2010 15:51 Report Diesen Beitrag melden

      nun ja..

      Kann ja sein, dass die Höhe diese 20 cm doch noch hat.. Mir eigentlich egal. Ich habe auch einen schönen Blick auf mehrere Strassen wie auch einen Autobahnkreuz und bin auch stolz darauf (die anderen grünen verstecken sich lieber in den 1familienhäuser am zürisee um alle Probleme zu umgehen). Die Schweiz gilt ja schon immer als gute ausgebautes Transitland, nur werden leider mehrfahr die Staus vor dem Gotthard mehrfach ignoriert und von Jahr zu Jahr wachst der Verkehr aber ich denke das gehört halt dazu ganz einfach! Auch der Astra sind ja die Hände gebunden

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  • Roger am 15.10.2010 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Könnte es vielleicht

    daran liegen, dass wir in Genua einen der grössten Mittelmeerhäfen haben, welcher benutzt wird um einen grossen Teil der Waren zu löschen, welche durch den Suezkanal kommen????

  • Dan am 15.10.2010 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt fehlt nur noch Vignette für Bahnen

    Wann kommt die Bahn-Vignette für 5000 Franken ? Rechts oben hätte ja die Vignette bestens Platz für eine Bahnwindschutzscheibe !

  • Pascal am 15.10.2010 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    Berner

    Dieser Tunnel ist ein Flop. Man hätte den Lötschbergbasistunnel und Simplon voll ausgebaut. Was bringt die Neat, wenn Italien und Deutschland nicht ausbaut...??

    • Erstrecht am 16.10.2010 08:56 Report Diesen Beitrag melden

      Ausbau

      Ich bin überzeugt, dass bis spätestens 2020 beide Neat-Linien von der Nordgrenze bis zur Südgrenze voll ausgebuat sind. D.h. 4m Eckhöhen durchgehend, Lätschberg durchg. 2-spurig uws. Sollten dann D und I noch nicht soweit sein, hat die Schweiz viel grössere Möglichkeiten, Druck aufzusetzen. Aber die beien werden sich noch gewaltig ins Zeug legen, um sich nicht lächerlich zu machen. Wetten????

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  • Tony Berger am 15.10.2010 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    Wirtschaft in Italien

    Wozu eine solche Verbindung nach Italien ? Was hat Italien wirtschaftlich zu bieten ? Ausser schlechten Schuhen und schlechten Autos wohl leider gar nichts. Die Kaufkraft der Italiener ist auch mieserabel, also stellt sich die Frage, mit was die Züge überhaupt gefüllt werden.

    • Anton am 16.10.2010 09:00 Report Diesen Beitrag melden

      Allgemeinwissen

      Dein Wissen scheint sehr beschränkt. Was durch den Gotthard gekarr wird, ist zum grösseren Teil nicht alleine für Italien bestimmt, sondern geht über Genua und den Suez in den Osten. Gilt auch für den umgekehrten Weg.

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