Rettungsaktion

01. Juli 2010 23:29; Akt: 01.07.2010 23:43 Print

Frisch geschlüpft «ins sichere Verderben»Frisch geschlüpft «ins sichere Verderben»

von Brian Skoloff, AP - Unzählige Schildkröteneier sollen aus ihren Nestern am Golf von Mexiko ausgegraben und umgesiedelt werden. Geschieht dies nicht, wird die Ölpest einen ganzen Jahrgang Jungtiere auslöschen.

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(Bild: Keystone)

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Das Vorhaben mit den Schildkröteneiern wird vom Fish and Wildlife Service, einer dem US-Innenministerium unterstellten Naturschutzbehörde, koordiniert. Geplant ist, aus rund 800 Gelegen an den Stränden Nordwestfloridas und Alabamas etwa 70 000 Eier einzusammeln und in Sicherheit zu bringen. Das ist in diesem Umfang noch nie gemacht worden. Doch nichts zu unternehmen, hätte nach Einschätzung von Experten ein noch nie dagewesenes Schildkrötensterben zur Folge. Sie befürchten, dass die frisch geschlüpften Tiere, wenn sie ins Meer hinaus schwimmen, vom Öl verklebt und vergiftet werden.

«Das ist ein aussergewöhnliches Unterfangen unter aussergewöhnlichen Umständen», sagt Chuck Underwood vom Fish and Wildlife Service. «Aber wenn wir einige der Schlüpflinge retten, dann ist es die Sache wert.» Wenn die Tiere ins Wasser gelangten und ins Öl gerieten, wäre das für die meisten, wenn nicht für alle, das Ende. «Es besteht die Möglichkeit, dass wir eine ganze Generation verlieren.»

Mühsame Buddelei

Dutzende Helfer sind an der Küste ausgeschwärmt und markieren Gelege, die meisten von der gefährdeten Unechten Karettschildkröte. In einigen Tagen beginnt die mühsame Kleinarbeit, die Eier auszubuddeln. Das geschieht hauptsächlich per Hand, ganz langsam und vorsichtig: Die Schale darf nicht zerbrechen, und das Ei darf auch nicht umgedreht werden, damit der Embryo darin keinen Schaden nimmt.

Dann werden die Eier sorgfältig mit feuchtem Sand in spezielle Styroporbehälter verpackt und 800 Kilometer weit in ein klimatisiertes Lagerhaus im Kennedy-Raumfahrtzentrum in Florida gebracht. Dort bleiben sie, bis die Jungtiere schlüpfen. Die werden dann nacheinander an der Ostküste Floridas ausgesetzt, wo sie gefahrlos ins Meer hinaus paddeln können, ohne ins Öl zu geraten.

Unechte Karettschildkröten legen in der Regel etwa 125 Eier pro Nest, die Brutzeit dauert etwa 60 Tage. Da schwer festzustellen ist, wie viel Exemplare es im Golf gibt, wird die Grösse der Population nach Anzahl der Nester geschätzt. Weil die Nester im Lauf der Jahre immer weniger wurden, hat die Naturschutzbehörde bereits angeregt, die Unechte Karettschildkröte nicht mehr nur als gefährdete, sondern als vom Aussterben bedrohte Art einzustufen.

«Aussichten nicht rosig»

Auch ohne Ölpest kommt die grosse Mehrheit der Schlüpflinge nicht durch. «Ich glaube, das ist der Grund dafür, dass diese spezielle Art so viele Eier legt», vermutet Underwood. «Die Aussichten sind von vorneherein nicht rosig.» Das Schlüpfen wird bald beginnen und sich über Monate hinziehen. «Es gibt eine Menge Unbekannte bei dem, was wir tun», räumt Underwood ein. Durch den Umzugsstress könnten viele der Schlüpflinge dennoch eingehen.

Die Schildkröten im Golf von Mexiko haben durch die Fischerei und den Verlust an Lebensräumen ohnehin schon gelitten. Seit aus dem Leck der im April explodierten Bohrplattform «Deepwater Horizon» unaufhörlich Öl ins Meer sprudelt, wurden schon Dutzende gefährdete Bastardschildkröten tot angeschwemmt. Einige waren verklebt mit Öl, andere zeigten äusserlich keine Spuren davon, so dass ihre Todesursache nicht festgestellt werden muss.

Verölte Kadaver

Die Bastardschildkröten legen ihre Eier zwar im Westen des Golfs in Mexiko und Texas ab, wohin das Öl bislang nicht vorgedrungen ist. Doch es wird befürchtet, dass auch ihre Schlüpflinge irgendwann im Ölteppich enden. Auch Unechte Karettschildkröten wurden schon ölverschmiert verendet aufgefunden. Ebenso traf es Lederschildkröten, mit bis zu 2,50 Meter Länge und 700 Kilogramm Gewicht die grösste lebenden Schildkröte überhaupt, und Suppenschildkröten.

Das Eier-Konzept der Regierungsbehörde findet auch den Beifall von Naturschützern, die normalerweise dagegen sind, Gelege umzusiedeln. David Godfrey, Geschäftsführer einer Organisation zum Schutz von Meeresschildkröten, hält es für die einzige Art und Weise, möglichst viele Tiere zu retten. Sich selbst überlassen, würden die Schlüpflinge bald ihre Nester verlassen, sich ins Meer stürzen und in den Haufen ölverseuchten Tangs zu fressen beginnen. «Hier geht es darum, ob wir zulassen, dass ein ganzer Jahrgang Schlüpflinge aus dem Nest kriecht und ins sichere Verderben schwimmt. Sollen wir einfach zusehen und das geschehen lassen?», fragt er. «Das können wir einfach nicht.»