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Ölpest
22. Juni 2010 11:28; Akt: 22.06.2010 11:39 Print
Der Weg des BP-Öls nach Europa
Im Golf von Mexiko sprudeln täglich Millionen Liter Öl ins Meer. Wissenschaftler befürchten, dass die klebrige Masse bis nach Europa gelangen könnte.
Das Öl breitet sich aus: Bereits jetzt ist es in der Floridastrasse, der Meeresenge zwischen dem US-Bundesstaat und Kuba abgelangt. Anhand von Strömungsmodellen hat der Wissenschaftler Martin Visbeck vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel zusammen mit US-Kollegen errechnet, dass die schmierige Substanz mit rascher Geschwindigkeit in den Atlantik bis auf die Höhe von North Carolina gelangen könnte.
Bildstrecken Die Opfer der ÖlkatastropheDie schlimmsten Ölkatastrophen Infografik Kampf gegen die ÖlkatastropheUmwelt-Katastrophen «Diese Sperre ist willkürlich»Der Eigentümer der im Golf von Mexiko explodierten Ölplattform «Deepwater Horizon» hat das Verbot von Tiefseebohrungen in der Region kritisiert. Der Chef der Firma Transocean, Steven Newman, bezeichnete am Dienstag am Rande einer Ölkonferenz in London das sechsmonatige Verbot als willkürlich. Die Regierung von US-Präsident Barack Obama könne heute Massnahmen umsetzen, mit denen die Industrie ihre Arbeit rasch wiederaufnehmen könne, erklärte Newman. Transocean gehörte die Plattform, die von dem Ölkonzern BP betrieben wurde. Bei der Explosion am 20. April wurden 11 Arbeiter getötet. Seitdem strömten Millionen Liter Öl aus dem beschädigten Bohrloch ins Meer. (sda)
Die Strömung könnte die Partikel seinen Berechnungen zufolge am Tag 150 Kilometer weit tragen. So kann das Öl in den Golfstrom gelangen, wo die Geschwindigkeit mit 15 Kilometern am Tag allerdings deutlich abnehmen dürfte.
Braune Strände an Nordsee unwahrscheinlich
Der Golfstrom ist eine Art Warmwasserheizung für Europa, das Wasser kommt aus der Karibik über den Atlantik. Die Strömung könnte das Öl theoretisch bis an europäische Strände spülen. «Niemand kann das ausschliessen», sagt die Ozeanographin Antje Boetius vom Alfred- Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.
Ein Horror-Szenario für Europa mit verklebten Stränden und verschmutzen Vögeln halten Wissenschaftler jedoch für unwahrscheinlich. «Die Chancen, dass grosse Mengen bis nach Irland, England oder sogar Deutschland weitertransportiert werden, sind äusserst gering», sagt Nuno Serra, physischer Ozeanograph an der Universität Hamburg.
Wissenschaftler schätzen, dass das Öl jedoch stark verdünnt in ein bis drei Jahren nach Europa gelangen könnte – abhängig von Wind, Wellen und Strömung. Nordeuropa wäre nach Einschätzung von Serra kaum gefährdet – am ehesten könnte es Portugal, Spanien und Marokko treffen. «Noch ist die Chance höher, dass Ölverschmutzungen durch Schiffs- oder Plattformunfälle entstehen, als dass grosse Mengen aus den USA rüberschwappen», ergänzt Boetius.
«Fischschwärme werden nicht aussterben»
Durch chemische Zersetzungsprozesse verliert das Öl den Wissenschaftlern zufolge über solche Zeiträume einen Teil seiner Giftigkeit. «Für das europäische Ökosystem kann ich komplette Entwarnung geben», sagt Visbeck. Im Nordatlantik könnten ein oder zwei Fischarten betroffen sein. «Ganze Schwärme werden aber auch dort nicht aussterben.»
Dass die Öko-Katastrophe in Europa wohl ausbleiben wird, hängt mit der Art der Umweltverschmutzung zusammen. Das Öl läuft nicht aus einem leckgeschlagenen Schiff aus, sondern sprudelt in 1600 Metern ins Meer. Ein Teil des Öls bleibt in der Tiefe und kommt nicht an die Oberfläche.
Was die Amerikaner beunruhigt, ist für Europäer eine Entlastung. Die Zersetzung geschieht dort langsamer, was die Aussichten für die US-Küste verschlechtert. Für Europäer sind das jedoch in dem Sinne gute Nachrichten, als dass sich Wasser in der Tiefe deutlich langsamer bewegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Öl zum Grossteil im Golf von Mexiko bleibt, ist grösser.
Wissenschaftler mit Prognosen vorsichtig
Viele Wissenschaftler sind mit Prognosen äusserst vorsichtig. Einige sagen ganz offen: «Vieles wissen wir einfach nicht.» Etwa, wie viel Öl in der Tiefsee bleibt. Der Meeresforscherin Boetius zufolge darf in einem Umkreis von fünf Meilen um die Unglücksstelle im Golf aus Sicherheitsgründen nicht geforscht werden. Daher arbeiten die Wissenschaftler nur mit groben Schätzungen. «Keiner weiss wirklich, wie viel Öl im Meer ist», sagt Boetius.
(sda)



























