Ölpest

22. Juni 2010 11:28; Akt: 22.06.2010 11:39 Print

Der Weg des BP-Öls nach EuropaDer Weg des BP-Öls nach Europa

Im Golf von Mexiko sprudeln täglich Millionen Liter Öl ins Meer. Wissenschaftler befürchten, dass die klebrige Masse bis nach Europa gelangen könnte.

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John Wright, Chef von Boots und Coots, der Firma, die die Entlastungsbohrung am Ort des Untergangs der «»Deepwater Horizon durchführt (Juni 2010). Behandlung einer Meeresschildkröte, die durch Kontakt mit Ölrückständen krank wurde. Audubon Nature Institute in New Orleans, 17. August 2010. Dieser Vogel kämpft im Golf von Mexiko gegen den Tod. Es ist ein Kampf, den er nicht gewinnen kann. Das Öl aus dem defekten BP-Bohrloch begräbt die Vögel buchstäblich bei lebendigem Leibe. Dieser Pelikan wird nie mehr fliegen. So sehr er sich auch bemüht, sein Tod ist nur noch eine Frage von Stunden. Die täglich 1,9 bis 3,8 Millionen Liter Öl, die aus der defekten Quelle ins Meer gelangen, haben deutliche Spuren in der Tierwelt hinterlassen. Bis Anfang Juli sollen seit dem Untergang der Bohrinsel «Deepwater Horizon» am 20. April insgesamt schon 80 Millionen bis 174 Millionen Liter Öl ausgelaufen sein. Lange Zeit war das Ausmass der Katastrophe unterschätzt worden, weil der Ölkonzern BP eine viel geringere Menge angegeben hatte. Die Tiere im Golf von Mexiko zahlen den Preis für die Informationspolitik des Erdölmultis. Die US-Umweltbehörde NOAA teilte am 29. Mai mit, dass inzwischen für etwa ein Viertel des Golfs von Mexiko ein Fischereiverbot besteht. Die Behörde gab die Fläche mit 60'683 Quadratmeilen an, was in etwa 157'000 Quadratkilometern entspricht und damit einer Fläche, die fast viermal so gross ist wie die Schweiz. Für die Fischerei in den drei Bundesstaaten Louisiana, Mississippi und Alabama war vier Tage zuvor der Notstand ausgerufen worden. Die US-Naturschutzbehörde «Fish and Wildlife Service» teilte mit, seit Beginn der Ölkatastrophe am 20. April 2010 ... ... seien mehr als 300 Seevögel, ... fast 200 Meeresschildkröten und 19 Delfine ... ... tot an die Küste gespült worden. Braunpelikane und zahlreiche andere Vögel nisten in den bereits ökologisch fragilen Küstengebieten von Louisiana. Retter bemühen sich verzweifelt darum, ölverschmierte Vögel einzufangen und zu reinigen. Doch für die meisten kommt jede Hilfe zu spät. BP setzt weiterhin eine umstrittene Chemikalie ein, die das Öl unter Wasser binden soll. Die US-Umweltbehörde hatte gefordert, das Mittel Corexit 9500 durch etwas anderes zu ersetzen - der Stoff sei zu giftig, die Folgen für die Umwelt seien nicht abschätzbar. BP bleibt dennoch vorerst bei der Chemiekeule. «Wir sterben einen langsamen Tod, jedes Mal, wenn das Öl sich einen Teil des Marschlandes nimmt, dann ist ein Teil Louisianas für immer verloren», klagen die Fischer. Auch der Tourismus leidet bereits unter der Ölpest.

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Das Öl breitet sich aus: Bereits jetzt ist es in der Floridastrasse, der Meeresenge zwischen dem US-Bundesstaat und Kuba abgelangt. Anhand von Strömungsmodellen hat der Wissenschaftler Martin Visbeck vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel zusammen mit US-Kollegen errechnet, dass die schmierige Substanz mit rascher Geschwindigkeit in den Atlantik bis auf die Höhe von North Carolina gelangen könnte.

Die Strömung könnte die Partikel seinen Berechnungen zufolge am Tag 150 Kilometer weit tragen. So kann das Öl in den Golfstrom gelangen, wo die Geschwindigkeit mit 15 Kilometern am Tag allerdings deutlich abnehmen dürfte.

Braune Strände an Nordsee unwahrscheinlich

Der Golfstrom ist eine Art Warmwasserheizung für Europa, das Wasser kommt aus der Karibik über den Atlantik. Die Strömung könnte das Öl theoretisch bis an europäische Strände spülen. «Niemand kann das ausschliessen», sagt die Ozeanographin Antje Boetius vom Alfred- Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.

Ein Horror-Szenario für Europa mit verklebten Stränden und verschmutzen Vögeln halten Wissenschaftler jedoch für unwahrscheinlich. «Die Chancen, dass grosse Mengen bis nach Irland, England oder sogar Deutschland weitertransportiert werden, sind äusserst gering», sagt Nuno Serra, physischer Ozeanograph an der Universität Hamburg.

Wissenschaftler schätzen, dass das Öl jedoch stark verdünnt in ein bis drei Jahren nach Europa gelangen könnte – abhängig von Wind, Wellen und Strömung. Nordeuropa wäre nach Einschätzung von Serra kaum gefährdet – am ehesten könnte es Portugal, Spanien und Marokko treffen. «Noch ist die Chance höher, dass Ölverschmutzungen durch Schiffs- oder Plattformunfälle entstehen, als dass grosse Mengen aus den USA rüberschwappen», ergänzt Boetius.

«Fischschwärme werden nicht aussterben»

Durch chemische Zersetzungsprozesse verliert das Öl den Wissenschaftlern zufolge über solche Zeiträume einen Teil seiner Giftigkeit. «Für das europäische Ökosystem kann ich komplette Entwarnung geben», sagt Visbeck. Im Nordatlantik könnten ein oder zwei Fischarten betroffen sein. «Ganze Schwärme werden aber auch dort nicht aussterben.»

Dass die Öko-Katastrophe in Europa wohl ausbleiben wird, hängt mit der Art der Umweltverschmutzung zusammen. Das Öl läuft nicht aus einem leckgeschlagenen Schiff aus, sondern sprudelt in 1600 Metern ins Meer. Ein Teil des Öls bleibt in der Tiefe und kommt nicht an die Oberfläche.

Was die Amerikaner beunruhigt, ist für Europäer eine Entlastung. Die Zersetzung geschieht dort langsamer, was die Aussichten für die US-Küste verschlechtert. Für Europäer sind das jedoch in dem Sinne gute Nachrichten, als dass sich Wasser in der Tiefe deutlich langsamer bewegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Öl zum Grossteil im Golf von Mexiko bleibt, ist grösser.

Wissenschaftler mit Prognosen vorsichtig

Viele Wissenschaftler sind mit Prognosen äusserst vorsichtig. Einige sagen ganz offen: «Vieles wissen wir einfach nicht.» Etwa, wie viel Öl in der Tiefsee bleibt. Der Meeresforscherin Boetius zufolge darf in einem Umkreis von fünf Meilen um die Unglücksstelle im Golf aus Sicherheitsgründen nicht geforscht werden. Daher arbeiten die Wissenschaftler nur mit groben Schätzungen. «Keiner weiss wirklich, wie viel Öl im Meer ist», sagt Boetius.

(sda)