Katastrophe in Pakistan

20. August 2010 22:55; Akt: 20.08.2010 23:00 Print

«Jeder hilft, nicht nur Islamisten»«Jeder hilft, nicht nur Islamisten»

von Nadeem Sarwar/Can Merey, dpa - Die Regierung versagt, Hilfsorganisationen sind überfordert, nur die Islamisten leisten effektive Fluthilfe - das ist der verbreitete Eindruck im Westen. Moderate Pakistaner kritisieren ihn als falsch. Tausende von ihnen helfen selber - ohne jeden Hintergedanken.

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Das Dorf Sarjani im Distrikt Thatta (28. August 2010). Dämme brechen bei der südpakistanischen Stadt Thatta . Bei Thatta (26. August 2010). Flüchtlinge stehen bei einer weggespülten Anlegestelle einer Fähre bei Thatta (26. August 2010). 2,3 Millionen Menschen flüchten allein in dieser Region vor dem Wasser (26. August 2010). Weite Gebiete in der Region sind überschwemmt (26. August 2010). Flüchtlinge bei Thatta (26. August 2010). Flüchtlinge bei Thatta (26. August 2010). 25. August: Die UNO meldet, dass 800 000 Menschen für Hilfslieferungen nur über den Luftweg erreicht werden können. Mindestens 40 Schwerlasthubschrauber seien nötig, «um die grosse Zahl zunehmend verzweifelter Menschen mit lebensrettenden Hilfsgütern zu versorgen». Bei Thul in der Provinz Sindh warten die Menschen auf Hilfe aus der Luft. Auch die afghanische Armee unterstützt die Hilfsaktionen mit Helikoptern und Personal. Aus einem afghanischen Helikopter werden Nahrungspakete über Thul abgeworfen. Ein Helikopter landet im Quba Saed Khan nahe Shadad Kot in der Provinz Sindh. Dutzende Bewohner wurden von der pakistanischen Armee auf dem Luftweg aus der isolierten Gegend evakuiert. 23. August: Flüchtlinge sitzen zwischen den Autostrassen in Peshawar. Schwimmend mit Hab und Gut durch Sukkur. Poulet, mit Fliegen überzogen: Schwieriges Essen im Flüchtlingslager in Nowshera. 19. August: Das Elektrizitätswerk in Muzaffargarh unter Wasser. Staatschef Zardari zeigt sich mit Überlebenden der Flutkatastrophe. Eine Farm wird zur Insel: Hochwasser in der Sindh-Provinz. 16. August: Eine pakistanische Familie in Shekarpur schützt sich vor dem Monsun-Regen. Sauberes Wasser ist ein knappes Gut in den zerstörten Gebieten, wie hier in Nowshera in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa. (16. August 2010) Wasserausgabe in Shikarpur: Die UNO warnte, dass 3,5 Millionen Kinder von Krankheiten bedroht sind, die durch verunreinigtes Wasser übertragen werden. In Sukkur und anderen Orten haben wütende Flutopfer Strassen blockiert, um gegen die zögerliche Hilfe der Regierung zu protestieren. Nach UNO-Angaben haben viele der betroffenen Menschen noch keinerlei Unterstützung erhalten. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln stellt die Helfer aus dem In- und Ausland immer noch vor grosse Probleme. Die UNO erklärte, wegen der Hochwasserkatastrophe drohe vielen Menschen Unterernährung. Wird Essen ausgegeben, kommt es regelmässig zu Verteilkämpfen, wie hier in Shekarpur. Hunger und Verzweiflung lässt die Menschen handgreiflich werden. Nahe der Stadt Dera Alayar werden Lebensmittel und Wasserflaschen über gestrandeten Flutopfern abgeworfen. Viele Überlebende können nur durch die Luft versorgt werden. Von der Überschwemmungskatastrophe in Pakistan sind 20 Millionen Menschen direkt oder indirekt betroffen. Hunderttausende leben unter prekären Bedingungen in Flüchtlingslagern wie hier in Pathan Wala. Flüchtlinge in einer Schule in Sukkar. Traurige Heimkehr: Flutopfer kommen in ihre zerstörten Häuser im Nowshera District in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa zurück. Ein zerstörter Schienenweg in In Sultankot, in der Provinz Sindh. Die Zerstörung der Infrastruktur Pakistans ist gewaltig. Die UNO rechnet damit, dass die Schäden in die Milliarden gehen. Ein Pakistani nutzt die defekten Schienen als Brücke in Sultan Kot Eine Familie im Muzaffargarh-Distrikt im Punjab ist mit ihren Habseligkeiten auf dem Weg in ein trockenes Gebiet. Überlebende im Muzaffargarh-Distrikt, Punjab. Flüchtlingscamp in Razzakabad. Eine Frau in Khangarh, nahe Multan, nutzt eine grosse Pfanne, um sich in Sicherheit zu bringen. Gemäss zahlen der UNO wurden Hektar Ernte vernichtet. Hier ein Bild des Überschwemmungsgebiet im Punjab nahe der Millionenstadt Multan. Und die pakistanischen Behörden befürchten weitere Überflutungen durch den Fluss Indus. In der Nähe von Multan sind ganze Dörfer verschwunden. Ein Helilandeplatz ist im Khyber-Pakhtunkhwa Gebiet unter Wasser. Binnenflüchtlinge in Sukkur erhalten rudimentäre medizinische Hilfe. 14. August 2010: Ein pakistanischer Soldat hält einen Sack mit Hilfsgütern im Helikopterflug über Jacobabad. Abwurf von Hilfspaketen über Jacobabad. Das Elend ist gross. Ein Mann mit seinen Habseligkeiten in Sukkar. 13. August 2010: Ein Mann sitzt auf den Trümmern seines Hauses in Aza Kheil in der Nähe von Peshawar. Exodus aus Muzaffargarh in der Nähe von Multan (13. August 2010). Nach Angaben der Regierung sollen 20 Millionen Menschen ihr Zuhause verloren haben. Die Jahrhundertflut hat in Pakistan grosse Not ausgelöst. Flüchtlingslager in Risalpur. Die USA haben Kriegsschiffe und Helikopter entsandt, um Hilfe ins Land zu bringen. Kreative Selbsthilfe in Shah Jamal. Zahlreiche Dörfer sind seit Tagen von ihrer Umwelt abgeschnitten. Die Bewohner können nur noch aus der Luft evakuiert werden. Die Zerstörung ist immens. Viele Pakistaner haben alles verloren. Jeder versucht zu retten, was er kann. Eine Nähmaschine... ...einen Fernseher... ... oder eine Kuh, wie Bauer Rasool Bux. Schätzungen der UNO zufolge sind mindestens 14 Millionen Menschen von den durch heftige Regenfälle ausgelösten Überschwemmungen betroffen. Es fehlt an allem, die Überlebenden sind auf fremde Hilfe angewiesen. 1800 Tote haben die verheerenden Überschwemmungen bereits gefordert. Essen und Trinken werden verteilt. Von Helikoptern aus aufgenommene Bilder des pakistanischen Fernsehens zeigten Menschen, die in ihren Dörfern auf den Dächern beschädigter Häuser Schutz vor den reissenden Fluten suchten. Luftaufnahmen zeigten, dass die Fluten ganze Dörfer weggespült hatten. Mit Militärhubschraubern und mehr als 100 Booten versuchten Rettungskräfte, zu rund 27 300 noch immer von Wasser eingeschlossenen Einwohnern der Provinz vorzudringen. Menschen, die sich mit ihren Habseligkeiten auf dem Rücken zu Fuss einen Weg durch die Wassermassen bahnten. Nach Angaben des UNO-Büros für humanitäre Hilfe in Pakistan konnten sich die Rettungskräfte noch immer kein klares Bild vom kompletten Ausmass der Flutkatastrophe machen. Viele Kommunikationswege sind zusammengebrochen. Die Behörden würden in Schulen Notunterkünfte errichten, um die Menschen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten zu versorgen. Doch aufgrund schlechter hygienischer Verhältnisse steigt in den Massenunterkünften die Gefahr von Seuchen. Ärzte berichteten bereits aus Notlagern von Ausschlägen und Durchfallerkrankungen. Zudem gebe es Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln. Aus dem Distrikt Swat wurden mehrere Cholera-Fälle bekannt, wie der Informationsminister der Provinz, Mian Iftikhar Hussain, erklärte. Hussain sprach von der «schlimmsten Flut in Khyber Pakhtunkhwa in der Geschichte des Landes». Die Provinz Khyber Pakhtunkhwa grenzt im Nordwesten des Landes an Afghanistan. Viele Menschen dort wohnen in abgelegenen Bergdörfern. Mehr als 27000 Menschen waren am Sonntag noch immer von den Fluten im Nordwesten des Landes eingeschlossen, ... ... wo nach heftigem Monsunregen zahlreiche Flüsse über die Ufer traten.

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Die Studentin Saira Bano verfolgt weder politische noch religiöse Ziele, sie will nur helfen. Gemeinsam mit Mitstudenten an der Universität für moderne Sprachen in Islamabad hat die 24-Jährige genug Spenden gesammelt, um mehrere Lastwagen mit Hilfsgütern ins pakistanische Katastrophengebiet zu schicken.

Der Eindruck, vor allem Islamisten würden die Notleidenden unterstützen und so für ihre Sache werben, sei falsch, sagt Bano. «Jeder hilft ihnen, nicht nur die Islamisten und Extremisten.»

Radikal-islamische Gruppen sind zwar in die Lücke gesprungen, die überforderte Hilfsorganisationen und Behörden in Pakistan bei der Flut liessen, und punkten damit bei Flutopfern.

Heer von Freiwilligen

Doch die Extremisten sind längst nicht die einzigen Freiwilligen, die helfen. Immer mehr moderate, gebildete Muslime engagieren sich neben ihrer eigentlichen Arbeit, um das Leid ihrer Landsleute zu lindern.

«Wir fingen an, Spenden an der Universität zu sammeln», sagt Bano. «Wir baten Studenten, uns das zu geben, was sie entbehren können - ihr ganzes Taschengeld oder nur eine Rupie (2 Rappen), ein Glas, eine Tüte Weizenmehl oder eine Flasche Wasser. Wir bekamen viel mehr zusammen als wir erwartet hatten.» Studenten an allen Universitäten der Hauptstadt würden den Notleidenden inzwischen helfen.

Nicht nur Studenten engagieren sich. Ärzte und Krankenschwestern reisen von Dorf zu Dorf, um Flutopfer kostenlos zu behandeln. Agrarwissenschaftler beraten Bauern, wie sie überspültes Ackerland wieder nutzbar machen können. Zwei prominente Fernsehmoderatoren haben sich zusammengetan und Millionen Rupien gesammelt.

Popstar mobilisiert seine Fans

Auch Künstler stehen den Freiwilligen in Sachen Hilfsbereitschaft in Nichts nach. Popstar Abrar-ul-Haq wird für freizügige Lieder wie «Parveen, du bist so salzig» von Islamisten gehasst. Für seine Hilfsorganisation Sahara for Life hat er nun hunderte Fans und Freiwillige mobilisiert, die Hilfsgüter in die Flutgebiete bringen.

Der Sänger selber ist gerade in Grossbritannien. Bei einem Fundraising-Bankett vor allem für Pakistaner in Manchester will er bei rund 1000 Gästen an diesem Sonntag umgerechnet etwa 200 000 Franken Spenden einsammeln.

Schon jetzt habe Al-Haqs Hilfsorganisation zwei Zeltdörfer im Katastrophengebiet errichtet, sagt ein Sprecher des Künstlers. 2000 Familien bekämen dort zwei Mahlzeiten am Tag, sauberes Wasser und medizinische Behandlung.

Westen wird bei seiner Meinung bleiben

Der Eindruck, extremistische Gruppen würden den Flutopfern am meisten helfen, sei falsch, sagt auch der Analyst Rasool Bux Raees von der Universität für Management-Wissenschaften in Lahore.

Internationale Medien hätten die Islamisten beim Hochwasser erst zum Thema gemacht. «Wie wenig sie auch unternehmen, es wird wegen der Einstellung der westlichen Medien hervorgehoben. Und die gute Arbeit der restlichen Gesellschaft und Organisationen wird nicht anerkannt.»