Flut in Pakistan

06. September 2010 10:00; Akt: 06.09.2010 12:13 Print

«Sie geben uns gar nichts»«Sie geben uns gar nichts»

von Ravi Nessman, dapd - Abdul Rehman und seine Familie sind konsterniert: Ihr Haus wurde von den Wassermassen zerstört. Hilfe hat er noch keine erhalten. Der Grund: Korruption und Überforderung der Regierung.

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Das Dorf Sarjani im Distrikt Thatta (28. August 2010). Dämme brechen bei der südpakistanischen Stadt Thatta . Bei Thatta (26. August 2010). Flüchtlinge stehen bei einer weggespülten Anlegestelle einer Fähre bei Thatta (26. August 2010). 2,3 Millionen Menschen flüchten allein in dieser Region vor dem Wasser (26. August 2010). Weite Gebiete in der Region sind überschwemmt (26. August 2010). Flüchtlinge bei Thatta (26. August 2010). Flüchtlinge bei Thatta (26. August 2010). 25. August: Die UNO meldet, dass 800 000 Menschen für Hilfslieferungen nur über den Luftweg erreicht werden können. Mindestens 40 Schwerlasthubschrauber seien nötig, «um die grosse Zahl zunehmend verzweifelter Menschen mit lebensrettenden Hilfsgütern zu versorgen». Bei Thul in der Provinz Sindh warten die Menschen auf Hilfe aus der Luft. Auch die afghanische Armee unterstützt die Hilfsaktionen mit Helikoptern und Personal. Aus einem afghanischen Helikopter werden Nahrungspakete über Thul abgeworfen. Ein Helikopter landet im Quba Saed Khan nahe Shadad Kot in der Provinz Sindh. Dutzende Bewohner wurden von der pakistanischen Armee auf dem Luftweg aus der isolierten Gegend evakuiert. 23. August: Flüchtlinge sitzen zwischen den Autostrassen in Peshawar. Schwimmend mit Hab und Gut durch Sukkur. Poulet, mit Fliegen überzogen: Schwieriges Essen im Flüchtlingslager in Nowshera. 19. August: Das Elektrizitätswerk in Muzaffargarh unter Wasser. Staatschef Zardari zeigt sich mit Überlebenden der Flutkatastrophe. Eine Farm wird zur Insel: Hochwasser in der Sindh-Provinz. 16. August: Eine pakistanische Familie in Shekarpur schützt sich vor dem Monsun-Regen. Sauberes Wasser ist ein knappes Gut in den zerstörten Gebieten, wie hier in Nowshera in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa. (16. August 2010) Wasserausgabe in Shikarpur: Die UNO warnte, dass 3,5 Millionen Kinder von Krankheiten bedroht sind, die durch verunreinigtes Wasser übertragen werden. In Sukkur und anderen Orten haben wütende Flutopfer Strassen blockiert, um gegen die zögerliche Hilfe der Regierung zu protestieren. Nach UNO-Angaben haben viele der betroffenen Menschen noch keinerlei Unterstützung erhalten. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln stellt die Helfer aus dem In- und Ausland immer noch vor grosse Probleme. Die UNO erklärte, wegen der Hochwasserkatastrophe drohe vielen Menschen Unterernährung. Wird Essen ausgegeben, kommt es regelmässig zu Verteilkämpfen, wie hier in Shekarpur. Hunger und Verzweiflung lässt die Menschen handgreiflich werden. Nahe der Stadt Dera Alayar werden Lebensmittel und Wasserflaschen über gestrandeten Flutopfern abgeworfen. Viele Überlebende können nur durch die Luft versorgt werden. Von der Überschwemmungskatastrophe in Pakistan sind 20 Millionen Menschen direkt oder indirekt betroffen. Hunderttausende leben unter prekären Bedingungen in Flüchtlingslagern wie hier in Pathan Wala. Flüchtlinge in einer Schule in Sukkar. Traurige Heimkehr: Flutopfer kommen in ihre zerstörten Häuser im Nowshera District in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa zurück. Ein zerstörter Schienenweg in In Sultankot, in der Provinz Sindh. Die Zerstörung der Infrastruktur Pakistans ist gewaltig. Die UNO rechnet damit, dass die Schäden in die Milliarden gehen. Ein Pakistani nutzt die defekten Schienen als Brücke in Sultan Kot Eine Familie im Muzaffargarh-Distrikt im Punjab ist mit ihren Habseligkeiten auf dem Weg in ein trockenes Gebiet. Überlebende im Muzaffargarh-Distrikt, Punjab. Flüchtlingscamp in Razzakabad. Eine Frau in Khangarh, nahe Multan, nutzt eine grosse Pfanne, um sich in Sicherheit zu bringen. Gemäss zahlen der UNO wurden Hektar Ernte vernichtet. Hier ein Bild des Überschwemmungsgebiet im Punjab nahe der Millionenstadt Multan. Und die pakistanischen Behörden befürchten weitere Überflutungen durch den Fluss Indus. In der Nähe von Multan sind ganze Dörfer verschwunden. Ein Helilandeplatz ist im Khyber-Pakhtunkhwa Gebiet unter Wasser. Binnenflüchtlinge in Sukkur erhalten rudimentäre medizinische Hilfe. 14. August 2010: Ein pakistanischer Soldat hält einen Sack mit Hilfsgütern im Helikopterflug über Jacobabad. Abwurf von Hilfspaketen über Jacobabad. Das Elend ist gross. Ein Mann mit seinen Habseligkeiten in Sukkar. 13. August 2010: Ein Mann sitzt auf den Trümmern seines Hauses in Aza Kheil in der Nähe von Peshawar. Exodus aus Muzaffargarh in der Nähe von Multan (13. August 2010). Nach Angaben der Regierung sollen 20 Millionen Menschen ihr Zuhause verloren haben. Die Jahrhundertflut hat in Pakistan grosse Not ausgelöst. Flüchtlingslager in Risalpur. Die USA haben Kriegsschiffe und Helikopter entsandt, um Hilfe ins Land zu bringen. Kreative Selbsthilfe in Shah Jamal. Zahlreiche Dörfer sind seit Tagen von ihrer Umwelt abgeschnitten. Die Bewohner können nur noch aus der Luft evakuiert werden. Die Zerstörung ist immens. Viele Pakistaner haben alles verloren. Jeder versucht zu retten, was er kann. Eine Nähmaschine... ...einen Fernseher... ... oder eine Kuh, wie Bauer Rasool Bux. Schätzungen der UNO zufolge sind mindestens 14 Millionen Menschen von den durch heftige Regenfälle ausgelösten Überschwemmungen betroffen. Es fehlt an allem, die Überlebenden sind auf fremde Hilfe angewiesen. 1800 Tote haben die verheerenden Überschwemmungen bereits gefordert. Essen und Trinken werden verteilt. Von Helikoptern aus aufgenommene Bilder des pakistanischen Fernsehens zeigten Menschen, die in ihren Dörfern auf den Dächern beschädigter Häuser Schutz vor den reissenden Fluten suchten. Luftaufnahmen zeigten, dass die Fluten ganze Dörfer weggespült hatten. Mit Militärhubschraubern und mehr als 100 Booten versuchten Rettungskräfte, zu rund 27 300 noch immer von Wasser eingeschlossenen Einwohnern der Provinz vorzudringen. Menschen, die sich mit ihren Habseligkeiten auf dem Rücken zu Fuss einen Weg durch die Wassermassen bahnten. Nach Angaben des UNO-Büros für humanitäre Hilfe in Pakistan konnten sich die Rettungskräfte noch immer kein klares Bild vom kompletten Ausmass der Flutkatastrophe machen. Viele Kommunikationswege sind zusammengebrochen. Die Behörden würden in Schulen Notunterkünfte errichten, um die Menschen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten zu versorgen. Doch aufgrund schlechter hygienischer Verhältnisse steigt in den Massenunterkünften die Gefahr von Seuchen. Ärzte berichteten bereits aus Notlagern von Ausschlägen und Durchfallerkrankungen. Zudem gebe es Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln. Aus dem Distrikt Swat wurden mehrere Cholera-Fälle bekannt, wie der Informationsminister der Provinz, Mian Iftikhar Hussain, erklärte. Hussain sprach von der «schlimmsten Flut in Khyber Pakhtunkhwa in der Geschichte des Landes». Die Provinz Khyber Pakhtunkhwa grenzt im Nordwesten des Landes an Afghanistan. Viele Menschen dort wohnen in abgelegenen Bergdörfern. Mehr als 27000 Menschen waren am Sonntag noch immer von den Fluten im Nordwesten des Landes eingeschlossen, ... ... wo nach heftigem Monsunregen zahlreiche Flüsse über die Ufer traten.

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Abdul Rehman und seine Familie leben unter einem Baum ganz in der Nähe des Schutthaufens, der einmal ihr Haus war. Seit vor einem Monat das Hochwasser sein Dorf überschwemmte, habe er keinerlei Hilfe erhalten, weder von der pakistanischen Regierung noch von anderen Hilfsorganisationen, berichtet der 30-Jährige. Aus Frust und Verzweiflung hat er gemeinsam mit anderen Dorfbewohnen aus Protest eine Strasse blockiert. Doch alles, was es ihm eingebracht habe, sei eine Anzeige, sagt er - keine Hilfe für seine sechsköpfige Familie.

Laut Angaben der Vereinten Nationen warten über drei Millionen Flutopfer noch auf dringend benötigte Lebensmittelhilfe und fast eine Million Menschen haben nach Angaben der pakistanischen Regierung noch überhaupt keine Hilfe erhalten. Das schiere Ausmass der Katastrophe ist das grösste Problem. Ende Juli haben die Wassermassen ihr langsames, aber zerstörerisches Werk begonnen und ein Fünftel des Landes überflutet. Etwa acht Millionen Menschen sind auf Hilfe von aussen angewiesen, schätzt die UN. «Sie brauchen alles», sagt Ahmad Kamal, Sprecher des zuständigen Ministeriums.

Das Ausbleiben der Hilfe hat den Zorn gegen die Regierung geschürt. Dafür, dass keine Hilfe bei ihnen ankommt, machen viele die Korruption verantwortlich. Von den 32 Familien, die in dem Dorf Daira Dinpanah leben, haben nur sieben mit Beziehungen zu Lokalpolitikern überhaupt Hilfe erhalten, sagt Khalid Iqbal. Der 35-Jährige steht am Rand einer Strasse und wartet darauf, dass ein Fahrzeug einer Hilfsorganisation vorbeikommt - in seiner Hand eine Liste mit den Namen der Dorfbewohner, die dringend Hilfe benötigen.

Existenzen im Wasser versunken

Einen Monat nach der Flut steht das Wasser noch immer auf den Feldern, und viele Strassen des Dorfs versinken im Schlamm. Rehmans Kiosk am Strassenrand ist in den Fluten untergegangen und mit ihm sein Kontobuch, in dem er sich notierte, wenn einer seiner Kunden anschreiben liess. «Wir haben nichts mehr ausser unseren zerstörten Häusern», sagt der 30-Jährige. «Wir mussten nachts um 02.00 Uhr raus, mit nichts als unseren Sachen am Leib. Das ist alles, was wir noch besitzen.» Rehman fordert: «Die Regierung soll uns eine Unterkunft geben und Geld, damit wir unsere Häuser wieder aufbauen und Essen kaufen können. Wenn sie dazu nicht in der Lage ist, sollte sie wenigstens Zelte bereitstellen, damit unsere Kinder in anständigen Verhältnissen leben können.»

Seine Mitarbeiter hätten die Hilfe auf den Weg gebracht, sagt Kamal vom Katastrophenschutzministerium. Allerdings hätten sie keine Möglichkeit zu kontrollieren, wie sie verteilt werde. Der örtliche Oppositionspolitiker Javed Akhter ist überzeugt, die Korruption ist schuld daran, dass die Hilfe die Bedürftigen nicht erreicht. Der grösste Teil werde von der Verwaltung an ihre eigenen Leute umgeleitet, sagt er. «Das stimmt nicht», widerspricht Malik Ahmed Hunajara, ein Abgeordneter des Provinzparlaments. Bei der riesigen Zahl an Betroffenen sei die Regierung einfach nicht in der Lage, jedem zu helfen.

Radikale Islamisten punkten mit Nothilfe. Internationale und regionale Hilfsorganisationen sowie die Streitkräfte versuchen, die Lücken zu füllen. In einigen Regionen springen auch islamische Gruppen den Flutopfern bei. So versorgt die Falah-e-Insaniat das Tibba-Jamal-Wala-Auffanglager mit Nahrung. Die Gruppe soll der Lashkar-e-Taiba nahestehen, der die Anschläge in Mumbai zugeschrieben werden. Die Regierung habe ihnen vor drei Wochen die Zelte zur Verfügung gestellt und sie dann sich selbst überlassen, sagen die Lagerbewohner. Aus Protest gegen ihre Behandlung haben die Flüchtlinge am Mittwoch eine Strasse blockiert. Tags darauf kamen Vertreter der Regierung vorbei, schauten sich um und brachten wieder keine Hilfe, erzählt Aijaz Hussein. «Ich weiss nicht, was die sich denken. Sie geben uns gar nichts», sagt der 27-Jährige. «Zukünftig werden wir die Regierung nicht mehr unterstützen. Wir unterstützen die, die uns helfen.»