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Das war 2008
15. Dezember 2008 16:35; Akt: 15.12.2008 17:43 Print
Tief im Keller lauert das Böse
von Karin Leuthold - Ein Sadist, ein Tyrann, ein Mörder - Josef Fritzl hielt seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang im Keller eingesperrt und liess eines der sieben Inzest-Kinder sterben, die er mit ihr zeugte. Ein Rückblick auf den bislang abartigsten Missbrauchsfall Österreichs.
In ihrer Monstrosität ist die Leidensgeschichte von Elisabeth Fritzl wohl kaum zu übertreffen. Es ist die Geschichte eines sexuellen Verhältnisses zwischen einem Vater und seiner Tochter - eines Verhältnisses, das womöglich schon vor dem Beginn der Gefangenschaft am 28. August 1984 im Kellerverliess des eigenen Hauses seinen Anfang nahm.
Ein Sexualtäter klassischen Zuschnitts
Josef Fritzl, ein inzwischen 73-jähriger Rentner aus der
Zusammen mit der heute 69-jährigen Rosemarie hat Josef Fritzl sieben Kinder. Die 18-jährige Elisabeth kann der strenge Vater aber nicht bändigen: Die Tochter raucht, trifft Freunde und reisst zweimal von zuhause aus. Am 28. August 1984 lockt er sie in den Keller. Hier betäubt er sie und legt sie in Fesseln. Einen Tag später meldet er sie als vermisst.
Ende September lässt Josef Fritzl seine gefangene Tochter einen Brief schreiben: Darin bittet sie ihre Familie, nicht nach ihr zu suchen, sie sei einer Sekte beigetreten. Den leichtgläubigen Behörden reicht das und sie suchen nicht mehr nach Elisabeth.
Babys werden vor die Tür gestellt – eins nach dem anderen
Im Mai 1993 wird vor der Haustür der Familie Fritzl ein neun Monate altes Baby gefunden. Wieder «schreibt» Elisabeth einen Begleitbrief und bittet ihre Eltern, sie sollen das Kind aufnehmen, weil sie sich nicht selber darum kümmern könne. Nach Behördenangaben wird das Schreiben graphologisch untersucht, die Handschrift ordnet man eindeutig Elisabeth Fritzl zu. Die Grosseltern beantragen die Adoption des Kindes, der Antrag wird bewilligt.
Im Dezember 1994 wird ein weiteres Kind, ein zehn Monate altes Mädchen, an der gleichen Stelle abgelegt. Wiederum gibt es einen Brief der Mutter mit einer vermeintlichen Bitte um Unterstützung.
Im Jahr 1996 bringt Elisabeth Fritzl im Keller Zwillinge zur Welt. Eines der Babys stirbt wenige Tage nach der Geburt, weil es nicht ordnungsgemäss versorgt wurde. Josef Fritzl räumt später im Polizeiverhör ein, die Leiche des Kindes im Heizofen verbrannt zu haben.
Das dritte Kind, das bei Josef Fritzl und seiner Frau aufwächst, wird im August 1997 gefunden. Es ist ein 15 Monate alter Junge. Auch in diesem Fall legen die Grosseltern ein Schreiben ihrer Tochter vor.
Elisabeth und drei Kinder müssen weiterhin im Kellerverlies ihr Leben fristen: Die heute 19-jährige Kerstin, ihr 18-jähriger Bruder und ein fünf Jahre alter Junge. Am 19. April 2008 muss die 19-Jährige mit mysteriösen Krankheitssymptomen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Medien veröffentlichen einen Aufruf der Behörden an die Mutter, sich zu melden. Elisabeth Fritzl bedrängt ihren Vater offenbar so lange, bis er am 26. April mit ihr ins Krankenhaus fährt.
Die Ärzte sehen zum ersten Mal die «blasse und fahle» Frau. Sie wirkt «verstört». Die Mediziner schöpfen Verdacht und melden den Fall der Polizei. Am 27. April fängt die Polizei Vater Fritzl mit seiner Tochter Elisabeth auf dem Weg ins Spital ab. Endlich sei sie gekommen, die Rabenmutter, gibt der angeblich besorgte Grossvater an. Elisabeth schweigt zunächst. Als ihr versichert wird, dass sie ihren Vater nie mehr sehen müsste, beginnt Elisabeth zu reden und erzählt über ihr Martyrium. Josef Fritzl wird auf der Stelle festgenommen.
Spekulationen über Spekulationen
Nachdem der 73-Jährige anfänglich eisern schweigt, gesteht er nach zweitägigem Verhör, seine Tochter missbraucht und in dieser Zeit mit ihr sieben Kinder gezeugt zu haben. Er gibt auch zu, die Leiche des verstorbenen Neugeborenen im Heizofen seines Wohnhauses verbrannt zu haben.
Die Medien spekulieren inzwischen, ob Rosemarie Fritzl tatsächlich nichts über die Geschehnisse an der Ybbsstrasse 40 wusste. Jemand musste ja die kleine Familie im Keller versorgt haben, während sich der Vater eine Erholung in Thailand gönnte. Doch Elisabeths Aussagen entlasten schliesslich die Mutter.
Amstetten wird tagelang belagert
Weltweit schlägt der Fall hohe Wellen. Für das erste Bild von Elisabeth Fritzl wird eine Million Euro geboten. Fotografen klettern auf die höchsten Bäume, um ein Blick ins Haus zu ergattern, Reporter robben wie Elitesoldaten in Tarnjacken durch das Gestrüpp vor der Klinik, in der Elisabeth mit ihren sechs Kindern eingeliefert wurde.
Der «Fall Fritzl» lenkt auch die Aufmerksamkeit von «Katastrophentouristen» auf Amstetten: Leute aus der Umgebung, aber auch aus Deutschland, reisen an, um Erinnerungsfotos vom Fritzl-Anwesen zu machen.
In Foren und Blogs wird Josef Fritzl in einem virtuellen Gerichtsverfahren bereits verurteilt: Er soll das gleiche Schicksal erfahren, wie er seiner Tochter und Kinder erleben liess. Die Webgemeinde schreit nach Gerechtigkeit: Das Inzest-Monster solle «eine lange und schreckliche Agonie leiden», der Vergewaltiger solle ebenfalls «unendlich viele Male und von unendlich vielen Vergewaltigern vergewaltigt werden.»
Voll schuldfähig
Der 73-Jährige gibt in seinen monatelangen Verhören kaltblütig zu Protokoll, seine Tochter «zwei- bis dreimal wöchentlich» vergewaltigt zu haben. Er erzählt den Gutachtern, wie er seine eigene Mutter in einem Zimmer «wie eine Gefangene» eingesperrt und das Fenster ihres Raumes zugemauert habe. Er gesteht, die Lösung für all seine Perversionen im Keller seines Hauses gefunden zu haben: «Unten im Keller konnte ich meine böse Seite ausleben.» Seiner Tochter Elisabeth habe er bei den sexuellen Übergriffen nie in die Augen geschaut. Nur so, indem er die Realität ausgeblendet habe, sei er «fähig gewesen, ein Doppelleben zu führen».
Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigt dem Inzest-Vater im Oktober 2008 volle Zurechnungsfähigkeit. Eine geistige Erkrankung könne genauso ausgeschlossen werden wie ein permanenter Rauschzustand, entscheiden die Experten. Somit muss sich Josef Fritzl in vollem Umfang für die ihm angelasteten Taten verantworten.
Am 13. November wird Anklage erhoben: Josef Fritzl wird des Mordes angeklagt. Darüber hinaus wird ihm Sklavenhandel, Vergewaltigung, Freiheitsentzug, schwere Nötigung und Blutschande vorgeworfen. Er sitzt immer noch in U-Haft, in einer schmierigen Zelle, in der das Fenster auf 2.10 Meter Höhe liegt. Dort bleibt er bis zum Prozessbeginn im Frühling 2009.


























