Münchner Schläger

14. Oktober 2010 12:39; Akt: 14.10.2010 16:12 Print

«Ich wollte mich schon immer entschuldigen»«Ich wollte mich schon immer entschuldigen»

Benji D. hat vor Gericht ein Geständnis abgelegt. Laut Gerichtssprecherin wirkte er dabei glaubhaft reuig. Ob seine Kollegen mitziehen, ist noch unklar.

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Eine Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht tritt am Montag, 29. Juni 2009, eine Klassenreise nach München an. Die Reise findet zum Abschluss des 10. Schuljahres statt. Zu den Schülern der Klasse gehören Mike B., Ivan Z. und Benji D. - alle drei vorbestraft. So mischte sich Mike B. 2008 nachts in der S-Bahn in einen Konflikt um einen rauchenden Jugendlichen ein. Er schlug dem Mann, der sich beklagte, unvermittelt die Faust ins Gesicht und brach ihm die Nase. Mike prahlte auch damit, schon im Ausgang in Zürich Leute verprügelt zu haben. Zudem mobbte er in der Sekundarschule gern schwächere Mitschüler. Er wurde zum Haupttäter der Prügelattacken in München erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch Benji D. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er schlich sich 2008 in eine Supermarktfiliale und liess sich dort einschliessen. Dann stahlen er und seine Kollegen Tabakwaren und Alkoholika. Benji D. wurde während vom Münchner Gericht zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Ivan Z. forderte 2008 einen Jugendlichen auf, seinen IPod auszuhändigen. Als dieser sich weigerte trat er ihn mehrmals. Dabei brach er ihm das Jochbein und der Jugendliche erlitt eine Hirnerschütterung. Ivan Z. erhielt die kürzeste Freiheitsstrafe vom Münchner Gericht. Er sollte zwei Jahre und zehn Monate absitzen. Die deutschen Behörden schoben ihn allerdings nach etwas mehr als 20 Monaten am 21. März 2011 ab. Seither ist er wieder in Stäfa ZH und auf freiem Fuss. Zurück in München: Am zweiten Abend essen Schüler und Lehrer zusammen in der Münchner Innenstadt. Danach dürfen die Jugendlichen alleine losziehen - bis halb eins Uhr nachts, weil der Vorabend so geordnet verlaufen war. Sechs bis sieben Jugendliche begeben sich zum Hauptbahnhof und decken sich dort mit Vodka, Tequila, Jägermeister und Red Bull ein. Laut Staatsanwaltschaft kaufen sie auch Marihuana. Kurze Zeit später treffen sich rund ein Dutzend Jugendliche im Nussbaumpark zum «Saufen». Sie sitzen friedlich und schwatzen, trinken und rauchen. Doch dann bemerkt Mike, dass sein Portemonaie fehlt. Aus «Verärgerung» und um «ein bisschen Spass zu haben», beschliessen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen». 23.15 Uhr: Ganz in der Nähe sitzen Mazedonier auf Baumstümpfen. Drei von ihnen werden die ersten Opfer von Mike, Ivan und Benji. Die drei schlagen und treten auf die Köpfe der Obdachlosen ein - zwei bleiben bewusstlos liegen. Die Schweizer Schüler rennen davon Richtung Unterkunft. Doch sie haben noch nicht genug «Spass» gehabt. Um 23.23 Uhr treffen sie beim Sendlinger Tor auf Wolfgang O. Der Versicherungskaufmann telefoniert gerade mit seiner Frau, als ihn Mikes Faustschlag von der Seite trifft. Der Mann geht zu Boden, ihm wird schwarz vor den Augen. Doch Mike und Benji treten weiter auf seinen Kopf ein. Sie zertrümmern ihm das Jochbein, Augen- und Kieferhöhlen. Wolfgang O. bleibt ohnmächtig zurück, aus seinem Ohr fliesst Blut. Laut Ärzten war sein gesamtes Mittelgesicht verschoben und musste rekonstruiert werden. Der Mann ging knapp am Tod vorbei. Die drei Jugendlichen rennen derweil weiter in Richtung Unterkunft. In der Sonnenstarasse, auf der Höhe der Hausnummer 24, begegnet ihnen um 23.25 Uhr ein 27-jähriger bulgarischer Student. Mike schlägt ihm unvermittelt den Ellbogen ins Gesicht. Ivan und Benji doppeln mit den Fäusten nach. Der Student hat danach Blutergüsse im Gesicht- und Halsbereich. Gegen 23.30 Uhr kommen die drei ins Jugendgästehaus des CVJM zurück. Sie wechseln ihre blutverschmierten T-Shirts und schauen gelassen einen Film, bis die Polizei beim Abspann hereinstürmt und die drei verhaftet. Die 10. Klasse aus Küsnacht bricht nach der Bluttat der Schüler die Klassenreise ab und reist zurück in die Schweiz. Die drei Täter bleiben zurück und sitzen seither in Bayern in U-Haft.

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Benji D. hat getan, was sein Anwalt gestern Abend voraussagte: Er legte vor der Jugendkammer des Landgerichts München ein umfassendes Geständnis ab. Laut Gerichtssprecherin Margarete Nötzel gab es auch eine Entschuldigung dafür, dass das Geständnis erst so spät kam. «Ich wollte mich schon immer entschuldigen. Mein früherer Anwalt riet mir jedoch davon ab», habe Benji D. gesagt, erzählt Nötzel der Nachrichtenagentur DAPD. Der ehemalige Zürcher Schüler übergab einem Opfer zudem einen im vergangenen März abgefassten Brief, in dem er sich entschuldigte.

Benji D. wiederholte vor Gericht im Wesentlichen das Geständnis, das er am 1. Juli 2009 - dem Tag nach der Tat - bei der Polizei gemacht hatte. «Ich hatte nicht den Eindruck, dass er das Ganze als Auftritt benutzte», sagt Nötzel. Er habe «glaubhaft und reuig» gewirkt. Der 18-Jährige sei während seiner Aussage sehr konzentriert und ruhig gewesen. Der Prozess findet weiterhin unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, weil die Angeklagten zum Tatzeitpunkt minderjährig waren.

Ob die anderen beiden Angeklagten, Ivan Z. und Mike B., ebenfalls ein Geständnis ablegen werden, ist noch offen. Laut Steffen Ufer, dem neuen Anwalt von Benji D., beraten die anderen beiden Anwälte derzeit darüber. Gerichtssprecherin Nötzel zufolge wirkt sich ein Geständnis «im Falle einer Verurteilung in jedem Fall strafmildernd aus».

Mitangeklagte unter Druck

Laut dem deutschen Rechtsexperten Andreas Homuth stehen die beiden Mitangeklagten nach dem Geständnis von Benji D. unter Druck. Nicht unter Druck, aber durcheinander brachte das überraschende Geständnis das Prozessprogramm. Eigentlich hätten heute die Plädoyers gehalten werden sollen. Gerichtssprecherin Nötzel teilte am Nachmittag mit, dass der Prozess am Dienstag in einer Woche weitergehen soll. Die Verteidiger der beiden anderen Angeklagten wollten dem Gericht noch vor dem nächsten Verhandlungstag sagen, ob es weitere Geständnisse geben werde. Das Gericht rechnet damit, am 11. November die Beweisaufnahme abzuschliessen. Am gleichen Tag sollen dann auch die Plädoyers gehalten werden.

Über Monate geschwiegen

Die drei ehemaligen Berufsschüler aus Küsnacht im Kanton Zürich sind des gemeinschaftlich versuchten Mordes und der schweren Körperverletzung angeklagt. Während der Klassen-Abschlussreise nach München Ende Juni 2009 sollen sie fünf Passanten grundlos brutal zusammengeschlagen haben. Zwei Opfer wurden dabei lebensgefährlich verletzt. Seit der Tatnacht sind die drei Angeklagten in Haft. Bei einem Schuldspruch drohen ihnen bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug. Auf Anraten ihrer Anwälte hatten sie seit Prozessbeginn im März im Gerichtssaal geschwiegen. Benji D. hat erst kürzlich seinen Anwalt gewechselt.

Gestern kündigte dieser an, Benji D. werde heute die Teilnahme an einer Körperverletzung gestehen. Sein Mandant habe sich nicht vorstellen können, dass jemand zu Tode käme und hatte keine Tötungsabsichten. Ufer sagte, er habe mit dem Rechtsvertreter des einen lebensgefährlich verletzten Opfers über einen Täter-Opfer-Ausgleich und Schmerzensgeld gesprochen. Einen Betrag nannte er jedoch nicht.

«Wie einen Mafioso verteidigt»

Vorwürfe erhob Ufer gegen seinen Berufskollegen, der den 18-Jährigen bis vor kurzem vertreten hatte: Er habe einen jungen Menschen, der bei der Polizei schon alles gestanden habe, «wie einen Mafioso» verteidigt.

(sda/rn)

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  • Hans Berger am 15.10.2010 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    Entschuldigung?

    Eine Entschuldigung sollte keinen Einfluss auf das Strafmass haben. Schliesslich hat er grundlos auf Menschen eingeprügelt. Ob er sich entschuldigt oder nicht, er hat es getan.

  • justice am 15.10.2010 04:33 Report Diesen Beitrag melden

    pech gehabt

    eine fadenscheinige entschuldigung ändert doch gar nix, die taten sind begangen und das im vollen bewusstsein, da gibts nur eins - die höchststrafe!!

  • Susanne Reich am 15.10.2010 00:23 Report Diesen Beitrag melden

    Entschuldigung?

    Ich habe immer ein bisschen Mühe, wenn solche Täter sich entschuldigen. Erwarten diese Menschen tatsächlich, dass sie damit wirklich etwas gutmachen können? Ich kann mir vorstellen, dass in gewissen Fällen eine Entschuldigung noch zusätzlich verletzt. Ob Entschuldigung oder nicht, bestraft werden sie auf jeden Fall. Die Täter sind nach ein paar Jahren wieder frei, Ihre Opfer leiden wahrscheinlich ein Leben lang.