Eltern von Schläger

20. Dezember 2010 17:44; Akt: 21.12.2010 15:42 Print

«Mike hat niemandem ins Gesicht getreten»«Mike hat niemandem ins Gesicht getreten»

Mike B.s Eltern haben ihr Schweigen gebrochen: Die Attacke ihres Sohnes beschreiben sie als «unglückliches Zusammenspiel verschiedener Ereignisse». Mike sei kein Monster.

Bildstrecke im Grossformat »
Eine Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht tritt am Montag, 29. Juni 2009, eine Klassenreise nach München an. Die Reise findet zum Abschluss des 10. Schuljahres statt. Zu den Schülern der Klasse gehören Mike B., Ivan Z. und Benji D. - alle drei vorbestraft. So mischte sich Mike B. 2008 nachts in der S-Bahn in einen Konflikt um einen rauchenden Jugendlichen ein. Er schlug dem Mann, der sich beklagte, unvermittelt die Faust ins Gesicht und brach ihm die Nase. Mike prahlte auch damit, schon im Ausgang in Zürich Leute verprügelt zu haben. Zudem mobbte er in der Sekundarschule gern schwächere Mitschüler. Er wurde zum Haupttäter der Prügelattacken in München erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch Benji D. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er schlich sich 2008 in eine Supermarktfiliale und liess sich dort einschliessen. Dann stahlen er und seine Kollegen Tabakwaren und Alkoholika. Benji D. wurde während vom Münchner Gericht zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Ivan Z. forderte 2008 einen Jugendlichen auf, seinen IPod auszuhändigen. Als dieser sich weigerte trat er ihn mehrmals. Dabei brach er ihm das Jochbein und der Jugendliche erlitt eine Hirnerschütterung. Ivan Z. erhielt die kürzeste Freiheitsstrafe vom Münchner Gericht. Er sollte zwei Jahre und zehn Monate absitzen. Die deutschen Behörden schoben ihn allerdings nach etwas mehr als 20 Monaten am 21. März 2011 ab. Seither ist er wieder in Stäfa ZH und auf freiem Fuss. Zurück in München: Am zweiten Abend essen Schüler und Lehrer zusammen in der Münchner Innenstadt. Danach dürfen die Jugendlichen alleine losziehen - bis halb eins Uhr nachts, weil der Vorabend so geordnet verlaufen war. Sechs bis sieben Jugendliche begeben sich zum Hauptbahnhof und decken sich dort mit Vodka, Tequila, Jägermeister und Red Bull ein. Laut Staatsanwaltschaft kaufen sie auch Marihuana. Kurze Zeit später treffen sich rund ein Dutzend Jugendliche im Nussbaumpark zum «Saufen». Sie sitzen friedlich und schwatzen, trinken und rauchen. Doch dann bemerkt Mike, dass sein Portemonaie fehlt. Aus «Verärgerung» und um «ein bisschen Spass zu haben», beschliessen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen». 23.15 Uhr: Ganz in der Nähe sitzen Mazedonier auf Baumstümpfen. Drei von ihnen werden die ersten Opfer von Mike, Ivan und Benji. Die drei schlagen und treten auf die Köpfe der Obdachlosen ein - zwei bleiben bewusstlos liegen. Die Schweizer Schüler rennen davon Richtung Unterkunft. Doch sie haben noch nicht genug «Spass» gehabt. Um 23.23 Uhr treffen sie beim Sendlinger Tor auf Wolfgang O. Der Versicherungskaufmann telefoniert gerade mit seiner Frau, als ihn Mikes Faustschlag von der Seite trifft. Der Mann geht zu Boden, ihm wird schwarz vor den Augen. Doch Mike und Benji treten weiter auf seinen Kopf ein. Sie zertrümmern ihm das Jochbein, Augen- und Kieferhöhlen. Wolfgang O. bleibt ohnmächtig zurück, aus seinem Ohr fliesst Blut. Laut Ärzten war sein gesamtes Mittelgesicht verschoben und musste rekonstruiert werden. Der Mann ging knapp am Tod vorbei. Die drei Jugendlichen rennen derweil weiter in Richtung Unterkunft. In der Sonnenstarasse, auf der Höhe der Hausnummer 24, begegnet ihnen um 23.25 Uhr ein 27-jähriger bulgarischer Student. Mike schlägt ihm unvermittelt den Ellbogen ins Gesicht. Ivan und Benji doppeln mit den Fäusten nach. Der Student hat danach Blutergüsse im Gesicht- und Halsbereich. Gegen 23.30 Uhr kommen die drei ins Jugendgästehaus des CVJM zurück. Sie wechseln ihre blutverschmierten T-Shirts und schauen gelassen einen Film, bis die Polizei beim Abspann hereinstürmt und die drei verhaftet. Die 10. Klasse aus Küsnacht bricht nach der Bluttat der Schüler die Klassenreise ab und reist zurück in die Schweiz. Die drei Täter bleiben zurück und sitzen seither in Bayern in U-Haft.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Lange haben Jolanda und Antonio B. geschwiegen. Sie wollten sich nicht mit Journalisten über ihren Sohn – den Schläger von München - äussern. Nun haben sie zum ersten Mal seit über einem Jahr die Öffentlichkeit gesucht und den Alltag von Mike B. im Knast beschrieben. «Uns ist wichtig», begründet die Mutter im Interview mit der «Schweizer Illustrierten», «dass unsere Freunde und Verwandte glauben können: Mike hat nicht einem Menschen ins Gesicht getreten». Sie sind überzeugt, dass Mike B. nicht den fatalen Tritt gegen das Gesicht von Versicherungskaufmann Wolfgang O. gemacht hat.

«Mike ist kein Monster»

«Unabhängige Aussagen von erwachsenen Zeugen belegen, dass Mike diese Tat nicht begangen hat», sagt Jolanda B. Daher sei das Urteil ungerecht und «die sieben Jahre Haft zu viel», wie die Eltern finden. Der Entscheid, gegen das Urteil in Berufung zu gehen, ist längst gefallen. Sie werfen in ihrem Interview vielmehr Benji D. vor, Mike ungerechtfertigterweise zu belasten: «Er [der Richter] stützt sein Urteil auf Benjis Aussage kurz vor Prozessende und die Aussage eines guten Freundes von Benji», kritisiert der Vater das Urteil. Alle Jugendlichen seien aber zum Tatzeitpunkt schwer betrunken gewesen und hätten Erinnerungslücken. «Mike zum Beispiel hatte zwischen 1,9 und 2,4 Promille!»

Für sie ist klar: «Mike ist kein Monster. Er sitzt für etwas, was er nicht getan hat.» Ihr Sohn habe am ersten Verhandlungstag aussagen wollen, doch der Verteidiger von Wolfgang O. habe zuerst geplaudert und dann habe der Anwalt von Mike entschieden, man schweige. Wieso, bleibt im Interview unklar. Die Eltern sagen bloss: «Mike hoffte, der Prozess werde schnell eindeutig zeigen, dass er unbeteiligt war.» Sie erklären sich die Tat mit einem «unglücklichen Zusammenspiel verschiedener Ereignisse», wie der Vater sagt.

«Schlimm, unverständlich, unverzeihbar»

«Mike hat sein Portemonnaie mit seinem Ausweis, Geldkarten und 190 Euro verloren. Er verdächtigte die Obdachlosen, es genommen zu haben. Dann hatte er kurz zuvor mit einem Mädchen geschmust und gedacht – jetzt sind wir ein Paar. Bloss hat das gleiche Mädchen sofort mit einem anderen weitergeknutscht. Alle sind betrunken, ein paar falsche Worte, dunkler Park, fremde Stadt, Ausland», erklärt der Vater den Tatabend und schiebt hinterher, «das entschuldigt nichts.» Was Mike getan habe, sei «schlimm, unverständlich, unverzeihbar».

Die Tat ihres Sohnes ist eine Zerreissprobe für die Familie: Abend für Abend lesen sie Gutachten, Zeugenaussagen und Polizeirapporte, wie es im Artikel der «SI» heisst. Der Prozess habe die Ersparnisse aufgebracht. «Bis jetzt kostet uns das Verfahren mit Anwalts- und Reisekosten, Täter-Opfer-Ausgleich und Arbeitsausfall um die 100 000 Franken.» Viel schwerer wiegt die Tat aber offensichtlich im Alltag, wie die Mutter sagt: «Wenn ich durchs Dorf laufe, denke ich, die Leute starren mich an. […] Man steigert sich in etwas hinein und sieht überall kritische Blicke.» Auch für die beiden Schwestern ist es offenbar schwer ohne den Bruder: «Laila wurde anfangs in der Schule fertiggemacht. Samira geht abends in Mikes Zimmer, nimmt sein Foto aus dem Regal und gibt ihm Gutenachtküsse», so der Vater.

Im Eishockey fehlte ihm der Biss

Ihren Sohn beschreiben sie als «sanften, ruhigen Typ», das hätten auch die Gutachter bestätigt. Im Eishockey habe es Mike nicht geschafft, weil er zu wenig aggressiv gewesen sei, weil ihm der Biss fehlte. «Mike liebte es im Alltag zurückgezogen. Er hat in seinem Zimmer am Computer gespielt. Ab und zu Schach mit mir», so Vater Antonio. Im Gefängnis habe er sich wenig verändert. «Mike hat eine Einzelzelle mit Klo. Er ist eitel, teilt nicht gerne die Toilette und hat strikte Ordnung in seinen Hygieneprodukten», so Jolanda B. Er sei auch zu Hause sehr ordentlich gewesen.

Trotz der Distanz und der Haft fühlen sich die Eltern dem «Sohn so nahe wie noch nie», wie die Mutter sagt: «Wir haben ihm fast hundert Briefe geschrieben.» Persönlicher Kontakt ist nur alle zwei Wochen für eine Stunde möglich, ansonsten hält eine Sozialarbeiterin den Kontakt zwischen Mike B. und Familie aufrecht. «Einmal in der Woche rufe ich diese Frau an. Sie erzählt mir dann von Mike und erzählt ihm aus unserem Leben. Bei ihr weiss ich ihn in guten Händen», so die Mutter, die sich tagsüber manchmal auf das leere Bett des Sohnes setzt. «Wir fragen uns», so die Mutter weiter, «was wir falsch gemacht haben. Wir waren eine normale Familie.»

(amc)