München-Prozess

10. März 2010 14:38; Akt: 20.03.2010 20:56 Print

«Selbst die Angeklagten waren ergriffen»«Selbst die Angeklagten waren ergriffen»

Das Neuste aus München: Das Hauptopfer der München-Prügler hat heute Vormittag unter Schmerzen vor Gericht ausgesagt. Der bulgarische Student hat Mike B. als den Haupttäter erkannt. Die Gerichtssprecherin kritisiert das Schweigen der Angeklagten scharf.

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Eine Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht tritt am Montag, 29. Juni 2009, eine Klassenreise nach München an. Die Reise findet zum Abschluss des 10. Schuljahres statt. Zu den Schülern der Klasse gehören Mike B., Ivan Z. und Benji D. - alle drei vorbestraft. So mischte sich Mike B. 2008 nachts in der S-Bahn in einen Konflikt um einen rauchenden Jugendlichen ein. Er schlug dem Mann, der sich beklagte, unvermittelt die Faust ins Gesicht und brach ihm die Nase. Mike prahlte auch damit, schon im Ausgang in Zürich Leute verprügelt zu haben. Zudem mobbte er in der Sekundarschule gern schwächere Mitschüler. Er wurde zum Haupttäter der Prügelattacken in München erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch Benji D. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er schlich sich 2008 in eine Supermarktfiliale und liess sich dort einschliessen. Dann stahlen er und seine Kollegen Tabakwaren und Alkoholika. Benji D. wurde während vom Münchner Gericht zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Ivan Z. forderte 2008 einen Jugendlichen auf, seinen IPod auszuhändigen. Als dieser sich weigerte trat er ihn mehrmals. Dabei brach er ihm das Jochbein und der Jugendliche erlitt eine Hirnerschütterung. Ivan Z. erhielt die kürzeste Freiheitsstrafe vom Münchner Gericht. Er sollte zwei Jahre und zehn Monate absitzen. Die deutschen Behörden schoben ihn allerdings nach etwas mehr als 20 Monaten am 21. März 2011 ab. Seither ist er wieder in Stäfa ZH und auf freiem Fuss. Zurück in München: Am zweiten Abend essen Schüler und Lehrer zusammen in der Münchner Innenstadt. Danach dürfen die Jugendlichen alleine losziehen - bis halb eins Uhr nachts, weil der Vorabend so geordnet verlaufen war. Sechs bis sieben Jugendliche begeben sich zum Hauptbahnhof und decken sich dort mit Vodka, Tequila, Jägermeister und Red Bull ein. Laut Staatsanwaltschaft kaufen sie auch Marihuana. Kurze Zeit später treffen sich rund ein Dutzend Jugendliche im Nussbaumpark zum «Saufen». Sie sitzen friedlich und schwatzen, trinken und rauchen. Doch dann bemerkt Mike, dass sein Portemonaie fehlt. Aus «Verärgerung» und um «ein bisschen Spass zu haben», beschliessen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen». 23.15 Uhr: Ganz in der Nähe sitzen Mazedonier auf Baumstümpfen. Drei von ihnen werden die ersten Opfer von Mike, Ivan und Benji. Die drei schlagen und treten auf die Köpfe der Obdachlosen ein - zwei bleiben bewusstlos liegen. Die Schweizer Schüler rennen davon Richtung Unterkunft. Doch sie haben noch nicht genug «Spass» gehabt. Um 23.23 Uhr treffen sie beim Sendlinger Tor auf Wolfgang O. Der Versicherungskaufmann telefoniert gerade mit seiner Frau, als ihn Mikes Faustschlag von der Seite trifft. Der Mann geht zu Boden, ihm wird schwarz vor den Augen. Doch Mike und Benji treten weiter auf seinen Kopf ein. Sie zertrümmern ihm das Jochbein, Augen- und Kieferhöhlen. Wolfgang O. bleibt ohnmächtig zurück, aus seinem Ohr fliesst Blut. Laut Ärzten war sein gesamtes Mittelgesicht verschoben und musste rekonstruiert werden. Der Mann ging knapp am Tod vorbei. Die drei Jugendlichen rennen derweil weiter in Richtung Unterkunft. In der Sonnenstarasse, auf der Höhe der Hausnummer 24, begegnet ihnen um 23.25 Uhr ein 27-jähriger bulgarischer Student. Mike schlägt ihm unvermittelt den Ellbogen ins Gesicht. Ivan und Benji doppeln mit den Fäusten nach. Der Student hat danach Blutergüsse im Gesicht- und Halsbereich. Gegen 23.30 Uhr kommen die drei ins Jugendgästehaus des CVJM zurück. Sie wechseln ihre blutverschmierten T-Shirts und schauen gelassen einen Film, bis die Polizei beim Abspann hereinstürmt und die drei verhaftet. Die 10. Klasse aus Küsnacht bricht nach der Bluttat der Schüler die Klassenreise ab und reist zurück in die Schweiz. Die drei Täter bleiben zurück und sitzen seither in Bayern in U-Haft.

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Die Einvernahme des Hauptopfers der München-Prügler ist heute Vormittag zu Ende gegangen. Wolfgang O., ein 47-jähriger Versicherungskaufmann, telefonierte gerade mit seiner Frau am Sendlinger Tor, als ihn die erste Faust der Prügler traf. Noch heute, so war an der Pressekonferenz des Landgerichts München zu erfahren, ist das Opfer gezeichnet vom brutalen Angriff.

Rainhard Keck von der Münchner «Abendzeitung» war an der Pressekonferenz anwesend. Er erzählt: «Die Einvernahme von Wolfgang O. ist beendet. Er sei noch stark vom Unfall gezeichnet, habe vor Gericht aber äusserst sachlich vorgetragen – trotzdem seien alle von seinen Schilderungen ergriffen gewesen, sogar die Angeklagten!» Man hätte eine Stecknadel fallen hören, habe die Gerichtssprecherin gesagt. Wolfgang O. habe keinerlei Aggressionen gegen seine Peiniger gezeigt.

Die Angeklagten, sagt Eberhard Unfried, Gerichtsreporter der Münchner «TZ», hätten aber weiterhin geschwiegen: «Weder von ihnen noch von ihren Anwälten kam nur ein Wort der Entschuldigung über die Lippen.»

Hauptopfer geht bald in die Reha

Wolfgang O. sei der Angriff des Prügeltrios vorgekommen wie ein «rauschender Blitz», sagt Rainhard Keck, danach sei er in Ohnmacht gefallen. «Nach dem Angriff war fast jeder Gesichtsteil zertrümmert», weiss Keck. Der Versicherungskaufmann habe einen Leidensweg an Operationen hinter sich, mehrere stünden ihm noch bevor. Bald gehe er zudem in die Reha. Auch im Gerichtssaal habe man bemerkt, wie fest ihn der Angriff bis heute mitgenommen habe: «Er tupfte mit einem Tuch ständig an sein Auge, das eine Flüssigkeit absondert», sagt Rainhard Keck.

Eberhard Unfried sagt, das Sprechen bereite dem Versicherungskaufmann noch immer Mühe, er höre und sehe schlechter und habe kognitive Schäden. Unfried: «Er müsse um seinen Arbeitsplatz kämpfen, es sei nicht klar ob er weiterarbeiten könne.»

Auch die Einvernahme des bulgarischen Studenten, den das Schläger-Trio kurz vor der Heimkehr in die Jugendherberge mit einigen Faustschlägen leichtverletzt hatte, ist abgeschlossen. «Er konnte den Täter erkennen, der ihm als Erster ins Gesicht schlug: Es war Mike B., der Haupttäter.»

Schweigen macht keinen Sinn

Bei der Pressekonferenz, so Unfried, habe die Gerichtssprecherin das beharrliche Schweigen der Angeklagten und ihrer Anwälte offen kritisiert. «Mittlerweile hätten fast alle Opfer ausgesagt, damit seien auch die Chancen vorbei, mit einem Geständnis eine deutliche Strafmilderung zu bewirken.» Laut Gerichtssprecherin könne ein Geständnis jetzt immer noch erfolgen, falle aber nicht mehr stark ins Gewicht.

«Die Gerichtssprecherin kritisierte weiter, dass die Schweigestrategie nicht das gewöhnliche Vorgehen im Jugendrecht sei, sie sehe den Sinn dahinter nicht», berichtet Eberhard Unfried weiter.

Psychiatrische Behandlung

Gestern Abend waren die drei Mazedonier, welche sich das Prügel-Trio im Nussbaumpark vorgeknöpft hatte, vernommen worden. Reinhard Keck sagte heute Vormittag gegenüber 20 Minuten Online, dass es das Hauptopfer aus dem Nussbaumpark, einen teilweise gelähmten Mazedonier, übel erwischt habe. «Er hat Angstzustände und Panikattacken, er kann nicht mehr schlafen und ist noch immer in psychiatrischer Behandlung», sagt Keck. Die physischen Wunden seien aber geheilt.

Eberhard Unfried von der Münchner TZ weiss, dass der Richter sich gestern Abend zur verschwiegenen Verteidigungsstrategie der Angeklagten geäussert habe. «Der Richter appellierte an die Angeklagten, dass sie jetzt nochmals die Gelegenheit hätten, ein Geständnis abzulegen»,sagt Unfried. Er habe ihnen versichert, dass sich dies strafmildernd auswirke. «Der Richter bezeichnete die bisherige Verteidigungsstrategie als destruktiv», so Unfried.

(job)