München-Prozess

10. März 2010 10:55; Akt: 10.03.2010 12:46 Print

Richter will vom Prügel-Trio ein GeständnisRichter will vom Prügel-Trio ein Geständnis

Zurzeit vernimmt das Münchner Landgericht das Hauptopfer der München-Prügler, den schwer geschädigten 47-jährigen Versicherungskaufmann. Der Richter soll an die Angeklagten appelliert haben, ein Geständnis abzulegen. Für heute Mittag werden mehr Informationen erwartet.

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Eine Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht tritt am Montag, 29. Juni 2009, eine Klassenreise nach München an. Die Reise findet zum Abschluss des 10. Schuljahres statt. Zu den Schülern der Klasse gehören Mike B., Ivan Z. und Benji D. - alle drei vorbestraft. So mischte sich Mike B. 2008 nachts in der S-Bahn in einen Konflikt um einen rauchenden Jugendlichen ein. Er schlug dem Mann, der sich beklagte, unvermittelt die Faust ins Gesicht und brach ihm die Nase. Mike prahlte auch damit, schon im Ausgang in Zürich Leute verprügelt zu haben. Zudem mobbte er in der Sekundarschule gern schwächere Mitschüler. Er wurde zum Haupttäter der Prügelattacken in München erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch Benji D. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er schlich sich 2008 in eine Supermarktfiliale und liess sich dort einschliessen. Dann stahlen er und seine Kollegen Tabakwaren und Alkoholika. Benji D. wurde während vom Münchner Gericht zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Ivan Z. forderte 2008 einen Jugendlichen auf, seinen IPod auszuhändigen. Als dieser sich weigerte trat er ihn mehrmals. Dabei brach er ihm das Jochbein und der Jugendliche erlitt eine Hirnerschütterung. Ivan Z. erhielt die kürzeste Freiheitsstrafe vom Münchner Gericht. Er sollte zwei Jahre und zehn Monate absitzen. Die deutschen Behörden schoben ihn allerdings nach etwas mehr als 20 Monaten am 21. März 2011 ab. Seither ist er wieder in Stäfa ZH und auf freiem Fuss. Zurück in München: Am zweiten Abend essen Schüler und Lehrer zusammen in der Münchner Innenstadt. Danach dürfen die Jugendlichen alleine losziehen - bis halb eins Uhr nachts, weil der Vorabend so geordnet verlaufen war. Sechs bis sieben Jugendliche begeben sich zum Hauptbahnhof und decken sich dort mit Vodka, Tequila, Jägermeister und Red Bull ein. Laut Staatsanwaltschaft kaufen sie auch Marihuana. Kurze Zeit später treffen sich rund ein Dutzend Jugendliche im Nussbaumpark zum «Saufen». Sie sitzen friedlich und schwatzen, trinken und rauchen. Doch dann bemerkt Mike, dass sein Portemonaie fehlt. Aus «Verärgerung» und um «ein bisschen Spass zu haben», beschliessen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen». 23.15 Uhr: Ganz in der Nähe sitzen Mazedonier auf Baumstümpfen. Drei von ihnen werden die ersten Opfer von Mike, Ivan und Benji. Die drei schlagen und treten auf die Köpfe der Obdachlosen ein - zwei bleiben bewusstlos liegen. Die Schweizer Schüler rennen davon Richtung Unterkunft. Doch sie haben noch nicht genug «Spass» gehabt. Um 23.23 Uhr treffen sie beim Sendlinger Tor auf Wolfgang O. Der Versicherungskaufmann telefoniert gerade mit seiner Frau, als ihn Mikes Faustschlag von der Seite trifft. Der Mann geht zu Boden, ihm wird schwarz vor den Augen. Doch Mike und Benji treten weiter auf seinen Kopf ein. Sie zertrümmern ihm das Jochbein, Augen- und Kieferhöhlen. Wolfgang O. bleibt ohnmächtig zurück, aus seinem Ohr fliesst Blut. Laut Ärzten war sein gesamtes Mittelgesicht verschoben und musste rekonstruiert werden. Der Mann ging knapp am Tod vorbei. Die drei Jugendlichen rennen derweil weiter in Richtung Unterkunft. In der Sonnenstarasse, auf der Höhe der Hausnummer 24, begegnet ihnen um 23.25 Uhr ein 27-jähriger bulgarischer Student. Mike schlägt ihm unvermittelt den Ellbogen ins Gesicht. Ivan und Benji doppeln mit den Fäusten nach. Der Student hat danach Blutergüsse im Gesicht- und Halsbereich. Gegen 23.30 Uhr kommen die drei ins Jugendgästehaus des CVJM zurück. Sie wechseln ihre blutverschmierten T-Shirts und schauen gelassen einen Film, bis die Polizei beim Abspann hereinstürmt und die drei verhaftet. Die 10. Klasse aus Küsnacht bricht nach der Bluttat der Schüler die Klassenreise ab und reist zurück in die Schweiz. Die drei Täter bleiben zurück und sitzen seither in Bayern in U-Haft.

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Jetzt sind die Opfer an der Reihe im Münchner Prügel-Prozess: Gestern Abend wurden die drei Mazedonier vernommen, welche die Jugendlichen im Nussbaumpark mit Fäusten und Tritten traktierten. Heute Vormittag befinden sich das Hauptopfer, der 47-jährige Versicherungskaufmann, sowie der bulgarische Student in der Einvernahme.

Obwohl der Prozess hinter verschlossenen Türen stattfindet und das Landgericht zumindest an der gestrigen Pressekonferenz nicht viel bekannt gab, sickern immer wieder Informationen durch.

Reinhard Keck, Gerichtsreporter der Münchner Abendzeitung, sagt gegenüber 20 Minuten Online, dass es das Hauptopfer aus dem Nussbaumpark, einen teilweise gelähmten Mazedonier, übel erwischt habe. «Er hat Angstzustände und Panikattacken, er kann nicht mehr schlafen und ist noch immer in psychiatrischer Behandlung», sagt Keck. Die physischen Wunden seien aber geheilt.

Gesichtspflege im Gerichtssaal

Auch im Falle des Versicherungskaufmanns sei durchgesickert, dass er bleibende Schäden davongetragen habe - das sehe man sogar im Gerichtssaal. «Anscheinend streicht er sich während der Verhandlungen immer wieder eine Creme aufs Gesicht», sagt Keck.

Eberhard Unfried von der Münchner TZ weiss, dass der Richter sich gestern Abend zur verschwiegenen Verteidigungsstrategie der Angeklagten geäussert habe. «Der Richter appellierte an die Angeklagten, dass sie jetzt nochmals die Gelegenheit hätten, ein Geständnis abzulegen»,sagt Unfried. Er habe ihnen versichert, dass sich dies strafmildernd auswirke. «Der Richter bezeichnete die bisherige Verteidigungsstrategie als destruktiv», so Unfried.

Heute Mittag um 13 Uhr wird das Landgericht über den Stand der Verhandlungen informieren.

(job)