München-Prügler

09. März 2010 14:02; Akt: 09.03.2010 16:49 Print

«Wie auf der Schulbank»«Wie auf der Schulbank»

von Annette Hirschberg, München - Die Zürcher Jugendlichen Ivan Z., Benji D. und Mike B. sitzen offenbar lammfromm vor dem Münchner Richter. Sie wirken weder ent- noch angespannt. Ganz im Gegensatz zu ihren Eltern.

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Eine Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht tritt am Montag, 29. Juni 2009, eine Klassenreise nach München an. Die Reise findet zum Abschluss des 10. Schuljahres statt. Zu den Schülern der Klasse gehören Mike B., Ivan Z. und Benji D. - alle drei vorbestraft. So mischte sich Mike B. 2008 nachts in der S-Bahn in einen Konflikt um einen rauchenden Jugendlichen ein. Er schlug dem Mann, der sich beklagte, unvermittelt die Faust ins Gesicht und brach ihm die Nase. Mike prahlte auch damit, schon im Ausgang in Zürich Leute verprügelt zu haben. Zudem mobbte er in der Sekundarschule gern schwächere Mitschüler. Er wurde zum Haupttäter der Prügelattacken in München erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch Benji D. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er schlich sich 2008 in eine Supermarktfiliale und liess sich dort einschliessen. Dann stahlen er und seine Kollegen Tabakwaren und Alkoholika. Benji D. wurde während vom Münchner Gericht zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Ivan Z. forderte 2008 einen Jugendlichen auf, seinen IPod auszuhändigen. Als dieser sich weigerte trat er ihn mehrmals. Dabei brach er ihm das Jochbein und der Jugendliche erlitt eine Hirnerschütterung. Ivan Z. erhielt die kürzeste Freiheitsstrafe vom Münchner Gericht. Er sollte zwei Jahre und zehn Monate absitzen. Die deutschen Behörden schoben ihn allerdings nach etwas mehr als 20 Monaten am 21. März 2011 ab. Seither ist er wieder in Stäfa ZH und auf freiem Fuss. Zurück in München: Am zweiten Abend essen Schüler und Lehrer zusammen in der Münchner Innenstadt. Danach dürfen die Jugendlichen alleine losziehen - bis halb eins Uhr nachts, weil der Vorabend so geordnet verlaufen war. Sechs bis sieben Jugendliche begeben sich zum Hauptbahnhof und decken sich dort mit Vodka, Tequila, Jägermeister und Red Bull ein. Laut Staatsanwaltschaft kaufen sie auch Marihuana. Kurze Zeit später treffen sich rund ein Dutzend Jugendliche im Nussbaumpark zum «Saufen». Sie sitzen friedlich und schwatzen, trinken und rauchen. Doch dann bemerkt Mike, dass sein Portemonaie fehlt. Aus «Verärgerung» und um «ein bisschen Spass zu haben», beschliessen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen». 23.15 Uhr: Ganz in der Nähe sitzen Mazedonier auf Baumstümpfen. Drei von ihnen werden die ersten Opfer von Mike, Ivan und Benji. Die drei schlagen und treten auf die Köpfe der Obdachlosen ein - zwei bleiben bewusstlos liegen. Die Schweizer Schüler rennen davon Richtung Unterkunft. Doch sie haben noch nicht genug «Spass» gehabt. Um 23.23 Uhr treffen sie beim Sendlinger Tor auf Wolfgang O. Der Versicherungskaufmann telefoniert gerade mit seiner Frau, als ihn Mikes Faustschlag von der Seite trifft. Der Mann geht zu Boden, ihm wird schwarz vor den Augen. Doch Mike und Benji treten weiter auf seinen Kopf ein. Sie zertrümmern ihm das Jochbein, Augen- und Kieferhöhlen. Wolfgang O. bleibt ohnmächtig zurück, aus seinem Ohr fliesst Blut. Laut Ärzten war sein gesamtes Mittelgesicht verschoben und musste rekonstruiert werden. Der Mann ging knapp am Tod vorbei. Die drei Jugendlichen rennen derweil weiter in Richtung Unterkunft. In der Sonnenstarasse, auf der Höhe der Hausnummer 24, begegnet ihnen um 23.25 Uhr ein 27-jähriger bulgarischer Student. Mike schlägt ihm unvermittelt den Ellbogen ins Gesicht. Ivan und Benji doppeln mit den Fäusten nach. Der Student hat danach Blutergüsse im Gesicht- und Halsbereich. Gegen 23.30 Uhr kommen die drei ins Jugendgästehaus des CVJM zurück. Sie wechseln ihre blutverschmierten T-Shirts und schauen gelassen einen Film, bis die Polizei beim Abspann hereinstürmt und die drei verhaftet. Die 10. Klasse aus Küsnacht bricht nach der Bluttat der Schüler die Klassenreise ab und reist zurück in die Schweiz. Die drei Täter bleiben zurück und sitzen seither in Bayern in U-Haft.

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Der Prozess gegen Ivan Z., Benji D. und den mutmasslichen Haupttäter Mike B. ist heute Morgen wieder aufgenommen worden. Informationen dringen kaum mehr zu den Medienschaffenden durch, nachdem es gestern Abend zum Eklat gekommen war. Der Anwalt von Mike B. hatte seinen Mandanten zum Schweigen geraten, weil zu viele Details des nicht-öffentlichen Prozesses an die Presse gelangten.

Nur Gerichtssprecherin Margarete Nötzel informierte heute planmässig über den Prozessverlauf. Ein Prozess, den die Angeklagten offenbar mit einer gewissen Demut verfolgen. Sie wirken, sagte Nötzel, «wie auf der Schulbank». Weder machten sie einen besonders lässigen noch einen besonders angespannten Eindruck. Heftiger ist die Verhandlung für die anwesenden Eltern der Zürcher Prügler. «Die Eltern stehen unter erheblichem Druck.» Nötzel wollte dies nicht weiter präzisieren. Doch der Prozess ist für die betroffenen Eltern nicht einfach. Sie müssen mit ansehen, wie ihre Kinder jeweils mit Handschellen in den Gerichtssaal geführt werden. Erst dort nimmt man ihnen die Fessel ab. Ein Polizeibeamter bleibt zudem während der gesamten Verhandlung im Saal präsent.

Schweizer Polizist sagte aus

Am heutigen Morgen wurden acht Polizisten, die als Zeugen auftreten, befragt. Darunter auch ein Kantonspolizist aus der Schweiz. Er musste über das Verhalten der Angeklagten Auskunft geben. Dies auf Grund ihrer Vorstrafen und ihrem Verhalten in der Schule. «Nichts hat auf eine solch schwere Tat hingewiesen», sagte der Kantonspolizist gemäss Gerichtssprecherin Nötzel. Ivan Z., Benji D. und Mike B. verweigerten weiterhin jede Aussage.

Am Donnerstag werden zudem acht Schweizer Schüler vor Gericht erwartet. Zuvor wird aber Opfer Wolfgang O., der von den Jugendlichen am heftigsten zugerichtet wurde, am Mittwoch vor Gericht aussagen. Er verfolgt als Nebenkläger seit Prozessbeginn die Verhandlung. Heute Dienstagnachmittag werden die drei Opfer aus dem Nussbaumpark vor dem Richter ihre Sicht des Tatablaufs darlegen. Auch Rettungssanitäter und Krankenpfleger sowie Eltern und Lehrer der Angeklagten werden im Verlaufe des mindestens sieben Tage dauernden Prozesses noch befragt.

Die Richter sind mit dem Prozessverlauf mittlerweile im Rückstand. Mit diversen Anträgen haben die Verteidiger der Schläger den Prozess verzögert. Der Prozess findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Trotzdem sind gestern Details zum Fall in die Presse gelangt. Die Münchner Zeitungen «TZ», «Abendzeitung» und «Münchner Merkur» sowie die Münchner Ausgabe der Boulevardzeitung «Bild» berichteten am Dienstag gross und an prominenter Stelle über den Fall der jungen Zürcher Schläger.