Goldküsten-Schläger

11. September 2010 23:41; Akt: 12.09.2010 03:00 Print

Hoher IQ schützt vor Dummheit nichtHoher IQ schützt vor Dummheit nicht

Mike B. ist der mutmassliche Haupttäter einer sinnlosen Prügelattacke auf zufällige Opfer in München. Und dennoch: Der Küsnachter Schüler hat offenbar einen IQ von 118.

Bildstrecke im Grossformat »
Eine Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht tritt am Montag, 29. Juni 2009, eine Klassenreise nach München an. Die Reise findet zum Abschluss des 10. Schuljahres statt. Zu den Schülern der Klasse gehören Mike B., Ivan Z. und Benji D. - alle drei vorbestraft. So mischte sich Mike B. 2008 nachts in der S-Bahn in einen Konflikt um einen rauchenden Jugendlichen ein. Er schlug dem Mann, der sich beklagte, unvermittelt die Faust ins Gesicht und brach ihm die Nase. Mike prahlte auch damit, schon im Ausgang in Zürich Leute verprügelt zu haben. Zudem mobbte er in der Sekundarschule gern schwächere Mitschüler. Er wurde zum Haupttäter der Prügelattacken in München erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch Benji D. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er schlich sich 2008 in eine Supermarktfiliale und liess sich dort einschliessen. Dann stahlen er und seine Kollegen Tabakwaren und Alkoholika. Benji D. wurde während vom Münchner Gericht zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Ivan Z. forderte 2008 einen Jugendlichen auf, seinen IPod auszuhändigen. Als dieser sich weigerte trat er ihn mehrmals. Dabei brach er ihm das Jochbein und der Jugendliche erlitt eine Hirnerschütterung. Ivan Z. erhielt die kürzeste Freiheitsstrafe vom Münchner Gericht. Er sollte zwei Jahre und zehn Monate absitzen. Die deutschen Behörden schoben ihn allerdings nach etwas mehr als 20 Monaten am 21. März 2011 ab. Seither ist er wieder in Stäfa ZH und auf freiem Fuss. Zurück in München: Am zweiten Abend essen Schüler und Lehrer zusammen in der Münchner Innenstadt. Danach dürfen die Jugendlichen alleine losziehen - bis halb eins Uhr nachts, weil der Vorabend so geordnet verlaufen war. Sechs bis sieben Jugendliche begeben sich zum Hauptbahnhof und decken sich dort mit Vodka, Tequila, Jägermeister und Red Bull ein. Laut Staatsanwaltschaft kaufen sie auch Marihuana. Kurze Zeit später treffen sich rund ein Dutzend Jugendliche im Nussbaumpark zum «Saufen». Sie sitzen friedlich und schwatzen, trinken und rauchen. Doch dann bemerkt Mike, dass sein Portemonaie fehlt. Aus «Verärgerung» und um «ein bisschen Spass zu haben», beschliessen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen». 23.15 Uhr: Ganz in der Nähe sitzen Mazedonier auf Baumstümpfen. Drei von ihnen werden die ersten Opfer von Mike, Ivan und Benji. Die drei schlagen und treten auf die Köpfe der Obdachlosen ein - zwei bleiben bewusstlos liegen. Die Schweizer Schüler rennen davon Richtung Unterkunft. Doch sie haben noch nicht genug «Spass» gehabt. Um 23.23 Uhr treffen sie beim Sendlinger Tor auf Wolfgang O. Der Versicherungskaufmann telefoniert gerade mit seiner Frau, als ihn Mikes Faustschlag von der Seite trifft. Der Mann geht zu Boden, ihm wird schwarz vor den Augen. Doch Mike und Benji treten weiter auf seinen Kopf ein. Sie zertrümmern ihm das Jochbein, Augen- und Kieferhöhlen. Wolfgang O. bleibt ohnmächtig zurück, aus seinem Ohr fliesst Blut. Laut Ärzten war sein gesamtes Mittelgesicht verschoben und musste rekonstruiert werden. Der Mann ging knapp am Tod vorbei. Die drei Jugendlichen rennen derweil weiter in Richtung Unterkunft. In der Sonnenstarasse, auf der Höhe der Hausnummer 24, begegnet ihnen um 23.25 Uhr ein 27-jähriger bulgarischer Student. Mike schlägt ihm unvermittelt den Ellbogen ins Gesicht. Ivan und Benji doppeln mit den Fäusten nach. Der Student hat danach Blutergüsse im Gesicht- und Halsbereich. Gegen 23.30 Uhr kommen die drei ins Jugendgästehaus des CVJM zurück. Sie wechseln ihre blutverschmierten T-Shirts und schauen gelassen einen Film, bis die Polizei beim Abspann hereinstürmt und die drei verhaftet. Die 10. Klasse aus Küsnacht bricht nach der Bluttat der Schüler die Klassenreise ab und reist zurück in die Schweiz. Die drei Täter bleiben zurück und sitzen seither in Bayern in U-Haft.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Einen Tag vor der Wiederaufnahme des Prozesses gegen drei Zürcher Schüler in München werden neue Details aus dem psychologischen Gutachten und zum Gefängnisalltag des mutmasslichen Haupttäters Mike bekannt. Laut der Zeitung «Sonntag» wird dem 17-Jährigen ein IQ von 118 attestiert. Der Vater bestätigte die Angaben: «Man hat Mike gesagt, in Deutschland müsste er eigentlich studieren und das Abitur nachholen.»

Der Durchschnittswert liegt bei 100. Gerade mal knapp 7 Prozent der Bevölkerung haben einen ähnlich hohen IQ. Hinter Gittern ist laut dem Bericht eine Sozialarbeiterin die nächste Bezugsperson von Mike geworden. Sie spielt mit ihm häufig Schach. Der Vater bezeichnet sie als «der Anker im Leben von Mike».

Jetzt setzt der Verteidiger des Jugendlichen, Christian Bärnreuther, auf die positiven Berichte über das Verhalten im Gefängnis: «Das müsste einen Einfluss haben». Doch er zeigt sich gleichzeitig beunruhigt darüber, dass der zuständige Richter Reinhold Baier im sogenannten U-Bahn-Mord drakonische Urteile gegen zwei Jugendliche verhängt hat.

Einer der Verurteilen sitzt in der gleichen Abteilung wie Mike. Doch der Vater hofft: «Wenn ich ein Richter wäre, würde ich auf Mikes Verhalten im Gefängnis schauen». Sein Sohn und dessen zwei Kollegen Ivan und Benji haben am 30. Juni letzten Jahres am Sendlinger Tor in München fünf Menschen verprügelt. Ein 47-jähriger Versicherungskaufmann wurde dabei lebensgefährlich verletzt.

(rub)