Münchner Schläger

30. November 2010 15:03; Akt: 30.11.2010 16:17 Print

Mike B. will weiterkämpfenMike B. will weiterkämpfen

Der Münchner Schlägerprozess wird ein Fall für den deutschen Bundesgerichtshof: Der Hauptangeklagte Mike B. zieht das Urteil weiter, seine Kollegen hingegen nicht.

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Eine Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht tritt am Montag, 29. Juni 2009, eine Klassenreise nach München an. Die Reise findet zum Abschluss des 10. Schuljahres statt. Zu den Schülern der Klasse gehören Mike B., Ivan Z. und Benji D. - alle drei vorbestraft. So mischte sich Mike B. 2008 nachts in der S-Bahn in einen Konflikt um einen rauchenden Jugendlichen ein. Er schlug dem Mann, der sich beklagte, unvermittelt die Faust ins Gesicht und brach ihm die Nase. Mike prahlte auch damit, schon im Ausgang in Zürich Leute verprügelt zu haben. Zudem mobbte er in der Sekundarschule gern schwächere Mitschüler. Er wurde zum Haupttäter der Prügelattacken in München erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch Benji D. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er schlich sich 2008 in eine Supermarktfiliale und liess sich dort einschliessen. Dann stahlen er und seine Kollegen Tabakwaren und Alkoholika. Benji D. wurde während vom Münchner Gericht zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Ivan Z. forderte 2008 einen Jugendlichen auf, seinen IPod auszuhändigen. Als dieser sich weigerte trat er ihn mehrmals. Dabei brach er ihm das Jochbein und der Jugendliche erlitt eine Hirnerschütterung. Ivan Z. erhielt die kürzeste Freiheitsstrafe vom Münchner Gericht. Er sollte zwei Jahre und zehn Monate absitzen. Die deutschen Behörden schoben ihn allerdings nach etwas mehr als 20 Monaten am 21. März 2011 ab. Seither ist er wieder in Stäfa ZH und auf freiem Fuss. Zurück in München: Am zweiten Abend essen Schüler und Lehrer zusammen in der Münchner Innenstadt. Danach dürfen die Jugendlichen alleine losziehen - bis halb eins Uhr nachts, weil der Vorabend so geordnet verlaufen war. Sechs bis sieben Jugendliche begeben sich zum Hauptbahnhof und decken sich dort mit Vodka, Tequila, Jägermeister und Red Bull ein. Laut Staatsanwaltschaft kaufen sie auch Marihuana. Kurze Zeit später treffen sich rund ein Dutzend Jugendliche im Nussbaumpark zum «Saufen». Sie sitzen friedlich und schwatzen, trinken und rauchen. Doch dann bemerkt Mike, dass sein Portemonaie fehlt. Aus «Verärgerung» und um «ein bisschen Spass zu haben», beschliessen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen». 23.15 Uhr: Ganz in der Nähe sitzen Mazedonier auf Baumstümpfen. Drei von ihnen werden die ersten Opfer von Mike, Ivan und Benji. Die drei schlagen und treten auf die Köpfe der Obdachlosen ein - zwei bleiben bewusstlos liegen. Die Schweizer Schüler rennen davon Richtung Unterkunft. Doch sie haben noch nicht genug «Spass» gehabt. Um 23.23 Uhr treffen sie beim Sendlinger Tor auf Wolfgang O. Der Versicherungskaufmann telefoniert gerade mit seiner Frau, als ihn Mikes Faustschlag von der Seite trifft. Der Mann geht zu Boden, ihm wird schwarz vor den Augen. Doch Mike und Benji treten weiter auf seinen Kopf ein. Sie zertrümmern ihm das Jochbein, Augen- und Kieferhöhlen. Wolfgang O. bleibt ohnmächtig zurück, aus seinem Ohr fliesst Blut. Laut Ärzten war sein gesamtes Mittelgesicht verschoben und musste rekonstruiert werden. Der Mann ging knapp am Tod vorbei. Die drei Jugendlichen rennen derweil weiter in Richtung Unterkunft. In der Sonnenstarasse, auf der Höhe der Hausnummer 24, begegnet ihnen um 23.25 Uhr ein 27-jähriger bulgarischer Student. Mike schlägt ihm unvermittelt den Ellbogen ins Gesicht. Ivan und Benji doppeln mit den Fäusten nach. Der Student hat danach Blutergüsse im Gesicht- und Halsbereich. Gegen 23.30 Uhr kommen die drei ins Jugendgästehaus des CVJM zurück. Sie wechseln ihre blutverschmierten T-Shirts und schauen gelassen einen Film, bis die Polizei beim Abspann hereinstürmt und die drei verhaftet. Die 10. Klasse aus Küsnacht bricht nach der Bluttat der Schüler die Klassenreise ab und reist zurück in die Schweiz. Die drei Täter bleiben zurück und sitzen seither in Bayern in U-Haft.

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Sieben Jahre hinter Gitter sind für Mike B. zu viel: Der Hauptangeklagte im Schlägerprozess von München zieht das Urteil vom Landgericht München weiter. Er akzeptiert die Haftstrafe wegen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung nicht. Der Schlägerprozess wird damit zum Fall für den deutschen Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Mike B. sei der einzige gewesen, der fristgerecht Revision eingelegt habe, sagte eine Justizsprecherin gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. Die Revisionsfrist war am Montag um Mitternacht abgelaufen. Der Anwalt des Jugendlichen hatte das Gericht bereits nach dem Urteil kritisiert, weshalb die Berufung nahe lag.

Die beiden anderen Schläger, Benji D. und Ivan Z., hingegen akzeptieren ihre Strafen. Sie hatten beide deutlich geringere Haftstrafen erhalten als der Hauptangeklagte Mike B. Nach Rücksprache mit dem Mandanten habe man sich dazu entschlossen, die Rechtsmittel nicht zu ergreifen, sagte eine Mitarbeiterin von Benji D.s Anwalt Steffen Ufer. Die Staatsanwaltschaft wollte sowohl Ivan Z. als auch Benji D. ursprünglich länger ins Gefängnis schicken, als das Gericht letztlich entschied. Die Anklage akzeptiert allerdings die Urteile nun und wird auch keine Berufung einlegen.

Man sei mit dem Urteil und der Begründung des Landgerichtes München einverstanden und werde auf Rechtsmittel verzichten, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München am Dienstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Die Haftstrafen von vier Jahren und zehn Monaten für Benji D. und zwei Jahren und zehn Monaten für Ivan Z. sind damit rechtskräftig.

Die drei Schüler einer Berufswahlschule in Küsnacht ZH hatten auf einer Schulreise in München betrunken und unter Drogeneinfluss fünf zufällige Opfer verprügelt und getreten. Ein Versicherungskaufmann erlitt dabei lebensgefährliche Verletzungen.

(amc/sda)