Münchner Schlägerprozess

22. November 2010 16:02; Akt: 22.11.2010 16:37 Print

Mikes Anwalt kritisiert die RichterMikes Anwalt kritisiert die Richter

von Annette Hirschberg - Der Anwalt von Mike B. wird wohl in Revision gehen. Sein Mandant sei zu Unrecht beschuldigt worden. Benji D.s Anwalt hingegen ist «nicht unzufrieden».

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Eine Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht tritt am Montag, 29. Juni 2009, eine Klassenreise nach München an. Die Reise findet zum Abschluss des 10. Schuljahres statt. Zu den Schülern der Klasse gehören Mike B., Ivan Z. und Benji D. - alle drei vorbestraft. So mischte sich Mike B. 2008 nachts in der S-Bahn in einen Konflikt um einen rauchenden Jugendlichen ein. Er schlug dem Mann, der sich beklagte, unvermittelt die Faust ins Gesicht und brach ihm die Nase. Mike prahlte auch damit, schon im Ausgang in Zürich Leute verprügelt zu haben. Zudem mobbte er in der Sekundarschule gern schwächere Mitschüler. Er wurde zum Haupttäter der Prügelattacken in München erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Auch Benji D. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er schlich sich 2008 in eine Supermarktfiliale und liess sich dort einschliessen. Dann stahlen er und seine Kollegen Tabakwaren und Alkoholika. Benji D. wurde während vom Münchner Gericht zu vier Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Ivan Z. forderte 2008 einen Jugendlichen auf, seinen IPod auszuhändigen. Als dieser sich weigerte trat er ihn mehrmals. Dabei brach er ihm das Jochbein und der Jugendliche erlitt eine Hirnerschütterung. Ivan Z. erhielt die kürzeste Freiheitsstrafe vom Münchner Gericht. Er sollte zwei Jahre und zehn Monate absitzen. Die deutschen Behörden schoben ihn allerdings nach etwas mehr als 20 Monaten am 21. März 2011 ab. Seither ist er wieder in Stäfa ZH und auf freiem Fuss. Zurück in München: Am zweiten Abend essen Schüler und Lehrer zusammen in der Münchner Innenstadt. Danach dürfen die Jugendlichen alleine losziehen - bis halb eins Uhr nachts, weil der Vorabend so geordnet verlaufen war. Sechs bis sieben Jugendliche begeben sich zum Hauptbahnhof und decken sich dort mit Vodka, Tequila, Jägermeister und Red Bull ein. Laut Staatsanwaltschaft kaufen sie auch Marihuana. Kurze Zeit später treffen sich rund ein Dutzend Jugendliche im Nussbaumpark zum «Saufen». Sie sitzen friedlich und schwatzen, trinken und rauchen. Doch dann bemerkt Mike, dass sein Portemonaie fehlt. Aus «Verärgerung» und um «ein bisschen Spass zu haben», beschliessen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen». 23.15 Uhr: Ganz in der Nähe sitzen Mazedonier auf Baumstümpfen. Drei von ihnen werden die ersten Opfer von Mike, Ivan und Benji. Die drei schlagen und treten auf die Köpfe der Obdachlosen ein - zwei bleiben bewusstlos liegen. Die Schweizer Schüler rennen davon Richtung Unterkunft. Doch sie haben noch nicht genug «Spass» gehabt. Um 23.23 Uhr treffen sie beim Sendlinger Tor auf Wolfgang O. Der Versicherungskaufmann telefoniert gerade mit seiner Frau, als ihn Mikes Faustschlag von der Seite trifft. Der Mann geht zu Boden, ihm wird schwarz vor den Augen. Doch Mike und Benji treten weiter auf seinen Kopf ein. Sie zertrümmern ihm das Jochbein, Augen- und Kieferhöhlen. Wolfgang O. bleibt ohnmächtig zurück, aus seinem Ohr fliesst Blut. Laut Ärzten war sein gesamtes Mittelgesicht verschoben und musste rekonstruiert werden. Der Mann ging knapp am Tod vorbei. Die drei Jugendlichen rennen derweil weiter in Richtung Unterkunft. In der Sonnenstarasse, auf der Höhe der Hausnummer 24, begegnet ihnen um 23.25 Uhr ein 27-jähriger bulgarischer Student. Mike schlägt ihm unvermittelt den Ellbogen ins Gesicht. Ivan und Benji doppeln mit den Fäusten nach. Der Student hat danach Blutergüsse im Gesicht- und Halsbereich. Gegen 23.30 Uhr kommen die drei ins Jugendgästehaus des CVJM zurück. Sie wechseln ihre blutverschmierten T-Shirts und schauen gelassen einen Film, bis die Polizei beim Abspann hereinstürmt und die drei verhaftet. Die 10. Klasse aus Küsnacht bricht nach der Bluttat der Schüler die Klassenreise ab und reist zurück in die Schweiz. Die drei Täter bleiben zurück und sitzen seither in Bayern in U-Haft.

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Sieben Jahre Haft, als Haupttäter verurteilt: Der Anwalt von Mike B., Christian Bärnreuther, ist mit dem Urteil gegen seinen Mandanten gar nicht einverstanden. «Das Gericht ging davon aus, dass mein Mandant den folgenschweren Tritt gegen Wolfgang O. ausgeführt hat», sagt er gegenüber 20 Minuten Online. Das widerspreche den Ausführungen der Anklage, die davon ausging, dass Benji D. am schwersten zugetreten hat. «Ein Zeuge hat Benji auch als denjenigen identifiziert, der den Tritt ausgeführt hat», so Bärnreuther. Dennoch habe das Gericht den Ausführungen von Benji mehr Glauben geschenkt.

«Wunderbar aus der Schlinge gezogen»

Aus seiner Sicht habe sich Benji «wunderbar aus der Schlinge» gezogen. Der Ablauf, wie er ihn geschildert habe, sei aber völlig unsinnig und zeitlich gar nicht möglich. «Dennoch hat seine Aussage das Gericht dazu bewogen, ihm zu glauben und sich eine eigene prozessuale Wahrheit zu bilden.»

Entsprechend findet Bärnreuther, dass die Strategie von Benjis Anwalt aufgegangen sei. Er selbst muss sich mit seinem Mandanten noch besprechen und das schriftliche Urteil abwarten. «Ich denke aber, dass wir in Revision gehen werden», so Mikes Anwalt. Nötigenfalls wäre er bereit, das Urteil bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anzufechten.

Halbstrafe für Mike B.?

Gemäss Anwalt Bärnreuther könnte Mike B. auch Halbstrafe beantragen. Die Freiheitsstrafe von sieben Jahren würde dann nach Verbüssung der Hälfte der Strafe zur Bewährung ausgesetzt und Mike B. wäre auf freiem Fuss. Bärnreuther ist überzeugt, dass die Chancen darauf gut stehen: «Es ist seine erste Strafe und seine Führung in Stadelheim ist hervorragend. Darum gibt es kaum einen Grund, die Halbstrafe nicht zu geben.»

Zudem habe sogar das Gericht die Eltern gelobt. Diese hätten sich vorbildlich verhalten und seien an jede Gerichtsverhandlung gekommen. Das sehe man bei solchen Vergehen nicht oft. Das zeige, dass sie sich sehr gut um die Jugendlichen kümmern und die Jugendlichen ein gutes Zuhause hätten.

Benjis Anwalt ist «nicht unzufrieden»

Steffen Ufer, Anwalt von Benji D., zeigte sich über das Urteil «nicht unzufrieden», wie er der Nachrichtenagentur SDA sagte. Der Taktikwechsel habe sich ausbezahlt, so Ufer. Nach monatelangem Schweigen auf Geheiss seines früheren Rechtsvertreters hatte der Angeklagte kurz vor Ende der Beweisaufnahme den Anwalt gewechselt. Ufer hatte ihm zu einem Geständnis geraten, das nun vom Gericht zu Gunsten des Angeklagten ausgelegt wurde.

«Zwar liegt das Strafmass deutlich unter den von der Staatsanwältin geforderten sieben Jahren. Mit 4 Jahren und zehn Monaten ist es aber ein hartes Urteil», sagte Ufer. Das Gericht sei offenbar der Maxime «Mitgegangen, mitgefangen» gefolgt.

Der mittlerweile 18-Jährige sei bei der Urteilseröffnung «gefasst» gewesen, sagte Ufer. Er sei wohl eher erleichtert gewesen, dass das Strafmass weniger gravierend ausgefallen war als zu befürchten gewesen sei. «Ich kann noch nicht sagen, ob ich das Urteil anfechte», erklärte der Anwalt.

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  • Volkan S. am 22.11.2010 20:57 Report Diesen Beitrag melden

    Erziehung

    Viele hier meinen, dass die Strafen härter ausfallen sollen. Aber statt zu reagieren sollten wir agieren. Und den Hebel bei der Erziehung setzten, weil nur dadurch solche Dinge verhindert werden können. Aber leider hat sich in den letzten 30-40 Jahren viel geändert. Die Lehrer haben heute gar keine Kompetenzen mehr. Auf der anderen Seite sind die Eltern viel zu lasch, haben keine Zeit, keine Lust, etc. Gründe dafür sind unter anderem das umfangreichere Freizeitprogramm (TV, Internet, etc.) als anno dazumal.Ein Kind muss seine Grenzen kennen. Sonst macht es als Jugendlicher eben solchen Unsin

    • thurgauer am 23.11.2010 06:36 Report Diesen Beitrag melden

      Eltern in die Pflicht nehmen

      Sorry aber alles kann man nicht auf die Lehrer abschieben. Zuerst sollte mal zu Hause eingegriffen werden, wenn Lehrer irgendwelche Massnahmen vorschlagen (oder eine suboptimale Note ins Zeugnis schreiben ...) wird aus dem Elternhaus sofort mit Anwalt und allem gedroht (selbst erlebt !). Mit ein Grund mehr das ich nicht mehr Lehrer bin und es auch NIE mehr werden will. Jeder Fisch stinkt zuerst am Kopf.

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  • toine am 22.11.2010 19:33 Report Diesen Beitrag melden

    die Urteile sind zu

    milde für die vorbestraften Jungs. Hätten ruhig höher ausfallen können. Der Anwalt des Opfers sollte an den europaischen Gerichtshof gehen.

    • peter friedli am 24.11.2010 21:09 Report Diesen Beitrag melden

      wer ist vorbestraft?

      richte nicht, auf dass du nicht gerichtet wirst!!!!!!

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  • Mori am 22.11.2010 18:25 Report Diesen Beitrag melden

    Zu wenig, ganz klar!

    Lachhafte Strafen. Das auch die deutschen bereits Kuscheljustiz praktizieren, schockiert mich! Hoffentlich werden diese drei Knaben ihre Strafen voll absitzen müssen, und zwar in Deutschland! Hier in der Schweiz lässt man die armen Bubis natürlich viel früher wieder prügeln gehen! Auch sieben Jahre sind nicht genug! Schon gar nicht nur für einen!