Schweizer Armee-Skandale (IV)

24. Juli 2008 13:36; Akt: 08.06.2009 16:06 Print

Die Kriegsspiele der Geheimdienstler

von Peter Blunschi - Die Schweizer Armee ist mit der Affäre Nef und dem Kander-Drama einmal mehr ins Zwielicht geraten. In einer Serie blicken wir zurück auf Skandale und Affären der letzten 50 Jahre. Heute: Oberst Bachmann und die P-26.

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Am 22. November 1979 ereignete sich eine der grössten Peinlichkeiten der jüngeren Schweizer Geschichte. Die österreichische Polizei verhaftete den Schweizer Kurt Schilling in Amstetten – jenem Ort, der zuletzt durch die Affäre Fritzl zu trauriger Berühmtheit gelangte. Der Betriebsberater aus Zug hatte ein Manöver des Bundesheeres ausspioniert und sich so dilettantisch verhalten, dass er mühelos enttarnt wurde. Vor Gericht erklärte Schilling: «Ich sollte herausfinden, wie lange Österreich einem Angriff aus dem Osten standhalten könnte.» Dabei berief er sich auf einen «Führungsoffizier» in Bern.

Schilling erhielt fünf Monate bedingt und wurde in die Schweiz abgeschoben. Dort erhielt der frühere Oberleutnant in einem Militärprozess weitere fünf Monate wegen Verletzung militärischer Geheimnisse. Denn besagter «Führungsoffizier» war aufgeflogen: Es handelte sich um Oberst Albert Bachmann, Mitglied der Untergruppe Nachrichten und Abwehr (UNA) im Eidgenössischen Militärdepartement (EMD). Bachmann war eine schillernde Figur. In jungen Jahren hatte er mit dem Kommunismus geflirtet, später wurde er zum fanatischen Kalten Krieger.

Das Bundesrats-Exil in Irland

Im Gefolge der Schilling-Affäre zeigte sich: In der UNA herrschten chaotische Zustände. Oberst Bachmann führte ein Eigenleben mit zahlreichen Aktivitäten ausserhalb jeder Kontrolle. So unterhielt er eine private Nachrichtenorganisation sowie eine Gruppe namens «Argus», die aktive Spionage im Ausland betrieb. Den spektakulärsten Coup landete er mit dem Kauf eines Landguts im Westen Irlands. Von dort aus sollten Mitglieder des Bundesrats im Fall eines Angriffs des Warschauer Pakts den Widerstand in der Schweiz organisieren.

Nur wussten die nichts davon. Bundesrat Georges-André Chevallaz, Vorsteher des EMD, reagierte empört. Divisionär Carl Weidenmann, Chef der UNA, musste sein Büro räumen, Oberst Bachmann wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Doch sein Geist lebte weiter in der paranoiden Zeit des Kalten Kriegs. Denn zu seinen Aktivitäten gehörte auch ein «Spezialdienst», der im Fall einer Besetzung durch Ostblock-Truppen im Landesinnern Widerstand leisten sollte. Er wurde nicht nur weiterbetrieben, sondern noch ausgebaut, wie sich einige Jahre später zeigen sollte.

Deckname «Rico»

Nach dem Rücktritt von Bundesrätin Elisabeth Kopp 1988 wurde eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) unter Leitung des heutigen Bundesrats Moritz Leuenberger eingesetzt. Sie sollte die Vorgänge im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) untersuchen und deckte unter anderem die «Fichenaffäre» auf, die Bespitzelung zahlreicher vermeintlicher «Staatsfeinde». Dabei tauchten Hinweise auf, dass auch im EMD Fichen angelegt wurden. Das Parlament setzte eine zweite PUK ein, präsidiert vom Innerrhoder CVP-Ständerat Carlo Schmid.

Am 23. November 1990 legte sie ihren Schlussbericht vor, mit explosivem Inhalt. Unter dem Namen «Projekt 26» war seit 1981 eine Geheimarmee mit einem Bestand von 800 Mann aufgebaut worden, die im Fall eines Angriffs den Guerillakrieg organisieren sollte. Kommandant war der Baselbieter Generalstabsoberst Efrem Cattelan, Deckname «Rico». Die Aktivitäten der P-26 organisierte er von einer Tarnfirma in Basel namens Consec AG aus. Unter anderem legte er geheime Waffenlager an.

Die Kosten von jährlich mehreren Millionen Franken wurden heimlich aus dem Bundesbudget abgezweigt, denn die P-26 agierte ausserhalb der politischen Kontrolle. Nur wenige Parlamentarier aller Bundesratsparteien waren eingeweiht, ebenso die jeweiligen Verteidigungsminister, wie Cattelan später erklärte – nur der aktuelle EMD-Chef Kaspar Villiger wusste von nichts. Daneben existierte ein geheimer Nachrichtendienst P-27, der sich allerdings als ziemlich ineffektiv erwies.

Bundesrat Villiger griff durch: UNA-Chef Hans Schlup wurde als Militärattaché ins Ausland abgeschoben. Hans-Rudolf Strasser, Informationschef des EMD, wurde gefeuert – er gehörte zum Führungsstab der P-26. Die Geheimarmee wurde liquidiert, ihre Kriegskasse – Gold im Wert von sechs Millionen Franken – ging an das Rote Kreuz. Ein Comeback erlebte sie später als Farce: Filmregisseur Daniel Schmid stellte die Geheimarmee ins Zentrum der Groteske «Beresina oder die letzten Tage der Schweiz».