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Stadion-Tragödie
03. Februar 2012 16:11; Akt: 03.02.2012 16:32 Print
«Auswärtige mit Messern und Schwertern»
Eine unfähige Polizei und zunehmende Kriminalität – Ägypten hat nicht nur im Fussball ein Sicherheitsproblem. Das Blutbad von Port Said aber dürfte andere Ursachen haben.
Ein Bonmot des legendären Liverpool-Coachs Bill Shankly wird derzeit gerne zitiert: «Fussball ist keine Frage von Leben und Tod, er ist viel wichtiger.» Das Blutbad im Stadion von Port Said mit 74 Toten und eine folgende Nacht mit weiteren Krawallen und Todesopfern scheinen zu belegen, dass in Shanklys vermeintlich launiger Bemerkung mehr als ein Körnchen Wahrheit steckt. Nach der Fussball-Tragödie steht nicht weniger auf dem Spiel als die Zukunft eines Landes, das sich in einem schwierigen Übergangsprozess befindet.
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Über 70 Tote an Fussballspiel in Ägypten
Die Ursachenforschung läuft in Ägypten auf Hochtouren, und dabei dürfen auch Verschwörungstheorien nicht fehlen. Der seit dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak vor einem Jahr regierende Militärrat habe die Ausschreitungen provoziert oder sogar orchestriert, um ein Klima der Unsicherheit zu schaffen und seine Herrschaft zu legitimieren, heisst es etwa.
Unfähige Sicherheitskräfte
Nüchterne Gemüter hingegen vermuten, es könne sich um einen «gewöhnlichen» Fall von Hooliganismus gehandelt haben. Zwischen den Fans der Vereine al-Masry aus Port Said und al-Ahly aus Kairo hat sich in den letzten Jahren eine Feindschaft entwickelt. Haben die Ultras von al-Masry das Macht- und Sicherheitsvakuum am Nil ausgenutzt, um mit den verhassten Rivalen Rechnungen zu begleichen? Und war die Polizei mit dem beispiellosen Gewaltausbruch schlicht überfordert, hat sie aus diesem Grund nicht eingegriffen?
Dafür spricht die «generelle Unfähigkeit» der ägyptischen Sicherheitskräfte, meint die Kairoer Korrespondentin des US-Magazins «Time». Unter Mubarak waren sie ein Instrument zur Unterdrückung von Dissidenten und Terroristen. Für den Umgang mit heutigen Sicherheitsproblemen wie Kriminalität und Ausschreitungen seien sie weder ausgerüstet noch ausgebildet. Ausserdem seien sie schlecht bezahlt und im Volk verhasst. Nach dem Sturz von Hosni Mubarak verschwand die Polizei denn auch weitgehend von der Bildfläche.
Die Folge davon ist ein Sicherheitsvakuum, das von Kriminellen weidlich ausgenutzt wird. Allein in den letzten Tagen kam es zu mehreren gravierenden Vorfällen: In Kairo wurde eine Filiale der britischen Grossbank HSBC am helllichten Tag überfallen – laut dem «Guardian» ein bislang «fast unvorstellbares Ereignis». Ebenfalls in der Hauptstadt wurde ein Geldtransporter gekapert. Und im Badeort Scharm el-Scheich auf dem Sinai starb ein französischer Tourist bei einer Schiesserei in einer Wechselstube.
Auswärtige Schläger im Stadion?
Passt auch die Katastrophe von Port Said in dieses Bild? Zahlreiche Indizien sprechen dagegen, sie vermitteln den Eindruck, dass es sich tatsächlich um eine orchestrierte Aktion handelte. Da wäre etwa die seltsame Passivität der Polizei. Sie könnte zwar ein Ausdruck von Überforderung sein. Doch heimkehrende Fans von al-Ahly berichteten am Bahnhof von Kairo gegenüber CNN, dass sich die Polizisten auch geweigert hätten, die Ausgangstore des Stadions zu öffnen. Mehrere Fans seien dort zu Tode gedrückt worden.
Im Stadion sollen sich laut Augenzeugen auch auswärtige «Schläger» aufgehalten haben, die mit Bussen herangekarrt wurden und mit Messern und Schwertern auf die Fans von al-Ahly losgingen. «Ich habe sie nicht gekannt, sie waren nicht aus Port Said», sagte Mohamed Hamouda, ein Anhänger von al-Masry, dem «Guardian». Nach dem dritten Tor für al-Masry habe ein Polizeioffizier die Fans aufgefordert, auf den Rasen zu kommen, so Hamouda weiter. Beim Versuch, die gegnerischen Fans zu beschützen, wurde er am Arm verletzt.
Ein Eigentor für alle Seiten
Ähnliche Berichte gibt es von weiteren Augenzeugen. Wer die Hintermänner dieser Aktion waren, bleibt offen. Wenig wahrscheinlich ist, dass der Militärrat direkt damit zu tun hatte. Es könnte sich auch um eine gemeinsame «Abrechnung» von Anhängern des Mubarak-Regimes und der Polizei mit den Ultras von al-Ahly gehandelt haben. Die kampferprobten Fussballfans waren beim Aufstand vor einem Jahr an vorderster Front aktiv und trugen entscheidend dazu bei, dass die Revolution nicht zusammenbrach, sondern triumphierte.
Was wirklich geschah, wird vielleicht die von der Regierung angeordnete Untersuchung zeigen. Letztlich ist das Blutbad von Port Said «ein Eigentor für alle Seiten», so der «Guardian». Auf dem steinigen Weg von einem autokratischen zu einem demokratischen System hat Ägypten einen weiteren schweren Rückschlag erlitten.
(pbl)
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