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Meinungsforscher
29. Oktober 2011 14:48; Akt: 29.10.2011 14:49 Print
«Demokratie und Islam sind kein Widerspruch»
von Peter Blunschi - Folgt auf den Arabischen Frühling der islamistische Winter? Der US-Experte Mark Tessler hat die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie untersucht. Er sagt im Interview, die Menschen wollten in erster Linie gut regiert werden.

Tunesier bei der Stimmabgabe in Sidi Bouzid, wo der Arabische Frühling seinen Anfang nahm. (Bild: Reuters/Zoubeir Souissi)
20 Minuten Online: Die islamistische Ennahda-Partei hat die ersten freien Wahlen in Tunesien gewonnen. Ist das schon das Ende des Arabischen Frühlings?
Mark Tessler: Ich denke nicht. Ennahda ist die am besten organisierte Partei mit der höchsten Glaubwürdigkeit. Ihr Anführer Rachid Ghannouchi hat sich zur Demokratie bekannt. Es gibt Leute, die nun Angst haben. Man wird erst nach der Wahl wissen, woran man mit Ennahda ist. Aber es gibt keine Demokratie, wenn man den Leuten vorschreibt, wen sie wählen sollen und wen nicht. Was in Tunesien bislang geschehen ist, erachte ich als ermutigend und nicht als Problem oder gar als Gefahr.
Mark Tessler ist Professor an der Universität Michigan und Experte für Meinungsforschung und -analyse in arabischen Ländern. Im Zentrum seiner Forschung stehen die Fragen der Akzeptanz von Demokratie und die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie. Er ist Direktor des Arab Barometer, das regelmässig Meinungsumfragen in der arabischen Welt durchführt. Er leitet auch verschiedene sozialwissenschaftliche Trainingsprogramme in der Region. Mark Tessler nahm als Referent an der Konferenz «Wohin führt die Revolution in der arabischen Welt?» teil, die am 27. und 28. Oktober 2011 an der ETH Zürich stattgefunden hat.
Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der öffentlichen Meinung in der arabischen Welt. Sind Sie überrascht von den Umwälzungen der letzten Monate?
Viele behaupten, man habe diese Entwicklung nicht vorhersehen können. Das stimmt nicht, wir haben sie seit 15 Jahren vorhergesagt. Man wusste schon lange, dass die Menschen sehr unzufrieden mit den politischen Verhältnissen waren. Deshalb haben wir immer gesagt, dass es so nicht weitergehen kann. Früher oder später würde etwas geschehen.
Was ist genau geschehen?
In Tunesien hat sich etwas Unerwartetes ereignet, das die Menschen in Ägypten und anderen Ländern inspiriert hat. Die Voraussetzungen waren vorhanden, aber während langer Zeit hat sich nichts getan. Wir müssen nun untersuchen, warum der Umschwung gerade jetzt erfolgt ist. Es kann am Internet liegen, an neuen Medien, einer jüngeren Generation.
Viele fürchten nun den Aufstieg islamischer Bewegungen wie Ennahda. Im Zentrum Ihrer Forschung steht die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Wir haben untersucht, welche Einstellung jene Leute, die eine stärkere Rolle des Islam in der Politik wünschen, gegenüber Werten wie Toleranz und Minderheitenrechten vertreten. Dabei hat sich gezeigt, dass diese einen ähnlich hohen Stellenwert haben wie etwa für säkulare Menschen gibt. Das gilt vielleicht nicht für Bereiche wie Frauenrechte, und das gefällt vielen nicht. Aber die meisten Menschen in der Region sind überzeugt, dass Demokratie und Islam kein Widerspruch sind, dass man beides haben kann.
Sie haben aber auch herausgefunden, dass es grosse Differenzen gibt, wenn es um die Rolle des Islam in der Politik geht.
In erster Linie verlangen die Menschen eine Regierung, die gegenüber dem Volk Rechenschaft ablegen muss. Man kann eine Partei wie Ennahda wählen, weil sie ehrlich ist und nicht korrupt, selbst wenn man ihre Art des Islam nicht mag. Letztlich aber bleibt die Frage sehr umstritten, welche Rolle der Islam in der Politik einnehmen soll. Die Türkei ist dafür ein gutes Beispiel. Die dominierende Partei AKP hat islamische Wurzeln. Sie geniesst breiten Rückhalt, in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen. Aber die Debatte ist nach wie vor im Gang: Soll die Türkei ein säkulares Land sein, oder soll die Politik demokratisch, aber auch islamisch sein? Eine solche Debatte gibt es auch in fast allen arabischen Ländern.
Wie wird diese Debatte ausgehen?
Ich vermute, dass die Differenzen bestehen bleiben. Vielleicht kommen islamistische Parteien an die Macht, doch sie machen einen so schlechten Job, dass niemand sie mehr will. Oder sie arbeiten so gut, dass alle sie unterstützen. Ein eindeutiges Bild wird es nicht geben.
Wie beurteilen Sie den Einfluss von radikalen Gruppen wie den Salafisten?
Sie gehören nicht zum Mainstream. Wenn die Menschen einen islamischen Einfluss in der Regierung wünschen, meinen sie nicht die Salafisten oder ähnliche extreme Gruppen. Sie möchten, dass der Islam einen Bezugsrahmen bildet, dass ein islamischer Standpunkt in die politische Diskussion einfliesst. Im übrigen gibt es auch in den USA oder in Israel religiöse Fundamentalisten, die den Leuten vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben.
Es ist einfach, sich in einer Umfrage für Demokratie auszusprechen. Was aber geschieht, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllt?
Man kann diese Frage nur schwer beantworten. Sicher ist, dass die Menschen Demokratie wollen, auch wenn sie unvollkommen interpretiert wird, im Sinne einer Regierung, die auf das Volk und seine Bedürfnisse eingeht. In Katar oder den Emiraten findet man Systeme, die nicht demokratisch sind, mit denen die Leute aber zufrieden sind. Die Regierung kümmert sich um die Menschen, Ressourcen sind vorhanden, da spielt selbst ein wenig Korruption keine Rolle. In anderen Ländern ist dies nicht der Fall, dort mussten die Dinge erst aktiviert werden. Das ist nun geschehen.
Demokratie liefert keine einfachen Lösungen...
...nicht in meinem Land! Wir haben viele politische Probleme mit unserer Demokratie in den USA. Doch sie ist besser als jede Alternative.
Eine von Ihnen im Sommer durchgeführte Umfrage in Ägypten hat ergeben, dass die Menschen die Demokratie vor allem deshalb unterstützen, weil sie gut für die Wirtschaft ist, und nicht weil sie Wahlen oder Meinungsfreiheit wollen. Was ist davon zu halten?
Eine solche Antwort mag antidemokratisch erscheinen. Ich denke, dies ist nicht der Fall. Es ist keine sehr differenzierte oder vollständige Definition von Demokratie, aber sie stellt eine Wertschätzung für ein Grundelement dar, nämlich ein System, dass den Menschen gegenüber verantwortlich ist und sich ihren Problemen annimmt. Wenn wir in unseren Erhebungen fragen, was die Leute unter Demokratie verstehen, spricht etwa die Hälfte von politischen Rechten und Meinungsfreiheit, und die andere Hälfte erwähnt wirtschaftliche Vorteile wie Chancengleichheit für alle und eine gerechtere Verteilung des Wohlstands. Man sollte deswegen nicht zum Schluss kommen, den Menschen sei es nicht ernst mit der Demokratie.
Es könnte aber bedeuten, dass die Leute sich radikalen Elementen zuwenden, wenn es mit der wirtschaftlichen Entwicklung nicht vorwärts geht.
Das ist eine wichtige Frage. Wir haben ja noch keine demokratischen Systeme, sie beginnen sich erst zu entwickeln. Aber die Frage ist: Werden sie liefern? Wenn nicht, dann könnten die Menschen zur Überzeugung gelangen, dass Demokratie nicht die Lösung ist.
Was kommt dann?
Wir wissen es nicht. Sozialismus? Islam? Es wird sicher nicht möglich sein, die hohen Erwartungen der Menschen in Ägypten und Tunesien sofort zu erfüllen. Entscheidend ist, dass die neuen Regierungen sich ehrlich Mühe geben, das Los der Bevölkerung zu verbessern, und nicht nur in ihre eigene Tasche arbeiten. Die Menschen dürfen nicht den Eindruck erhalten, sie hätten die alten Schurken gegen neue eingetauscht.
Falls dies doch geschieht, könnte es dann zu einer neuen Revolution kommen?
In Ägypten geschieht dies zum Teil schon. Viele Leute sagen sich: Wir sind Mubarak losgeworden, aber es geht so weiter wie bisher. Hierin liegt eine Gefahr. Diese Menschen werden auf einen neuen Funken warten, der sie auf die Strasse treibt.
Ein wichtiger Faktor in der Region ist das Öl. Saudi-Arabien kann sich das Schweigen der Mehrheit erkaufen.
Die Saudis haben etwa 140 Milliarden Dollar aufgewendet und unter anderem seinen Beamten eine enorme Gehaltserhöhung gegeben. In Katar und den Emiraten war dies auch der Fall. Ich weiss aber nicht, ob das genügt. In Saudi-Arabien gibt es eine signifikante Minderheit, die nicht sunnitisch, sondern schiitisch ist. Wird sie genauso von den Mitteln profitieren, mit denen die Regierung das Schweigen der Menschen kauft? Und selbst wenn, wird das genügen? In Bahrain hat es nicht genügt. Eine echte Bewegung für einen Wandel dürfte es erst in der Zukunft geben. Aber ich kann mich irren.
Libyen hat Öl und die neue Führung spricht von der Einführung der Scharia. Das hat viele schockiert.
In Libyen ist vieles offen. Das Land steht vor ernsthaften Herausforderungen. Es hat Vorteile, etwa Öl und eine relativ kleine Bevölkerung. Aber es war nie ein vereintes Land. Der Osten und der Westen und selbst der Süden waren bis in die Kolonialzeit unterschiedlich regiert, hinzu kommen die Stammesgegensätze. Der Islam kann eine Art Klammer bilden, innerhalb derer die Menschen eine gemeinsame Identität entwickeln können.
Das beantwortet nicht die Frage, ob es eine enge Auslegung der Scharia geben wird.
Es gibt keinen Grund, warum sich diese spezifische Version des Islam durchsetzen sollte. Möglich ist es. Dennoch besteht kein Anlass, sich jetzt schon Sorgen zu machen und zu klagen, die NATO habe bei der Beseitigung Gaddafis geholfen und erhalte nun islamischen Fundamentalismus.
Sind Scharia und Demokratie kompatibel?
Sicher, aber das hängt von der Interpretation der Scharia ab. Was sagt sie über die US-Truppen im Irak, über Frauen und Männer, die gemeinsam an der Universität studieren, den Staat Israel oder die Demokratie? Dies sind nur vordergründig islamische Fragen, eigentlich sind es politische Fragen. Dabei setzten sich manchmal jene Kreise mit den besten Argumenten durch, manchmal aber auch die Kräfte mit den besten politischen Beziehungen. Sie entscheiden, wer Zugang zu den Gerichten erhält, was in den Moscheen gepredigt wird.
Was ist Ihre Prognose, wie wird es mit dem Arabischen Frühling weitergehen?
Durchzogen. Tunesien sieht gut aus. Andere Länder scheinen sich gut zu entwickeln, wenn auch mit Abstrichen. Dazu gehören Ägypten und vielleicht Libyen. Beide haben wichtige Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch viel zu tun. Anderswo sind die Perspektiven nicht ermutigend, etwa in Syrien und Bahrain. Jemen befindet sich irgendwo dazwischen. Es gibt in der ganzen Region hoffnungsvolle und beunruhigende Signale. Und doch ist es erstaunlich, was alles geschehen ist. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass Gaddafi, Mubarak und Ben Ali weg sein würden? Das war aber nur der einfache Teil. Simple Schlussfolgerungen sind nicht angebracht, der Arabische Frühling ist ein «Work in Progress».
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Alle 41 Kommentare






























Demokratie wird im Koran beschrieben
Im Heiligen Koran steht: Allah gebietet euch, dass ihr die Treuhandschaft jenen übergebt, die ihrer würdig sind; und wenn ihr zwischen Menschen richtet, dass ihr richtet nach Gerechtigkeit. ... O die ihr glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehlsgewalt über euch haben (4:59-60) Demokratie und Islam sind also sehr wohl vereinbar. Die "Treuhandschaft" (Regierungsgeschäfte) sollen jenen übergeben werden, die am besten dafür geeignet sind. Die Rechte aller Bürger, unabhängig von ihrer Religion werden respektiert.(Wie z.B. auch die Religionsfreiheit!Sure2Vers257)
@Ata-ul-Haque
Genau und deshalb werden Christen in Islamischen Staaten verfolgt. Am schlimmsten ist es das nach dem Koran das Lügen legitim ist. Wie kann eine Religion die die Unwahrheit explizit erlaubt für Werte wie Rechte stehen? Demokratie und Islam ist wie Freiheit und Diktatur.
Warum werden Menschen verfolgt?
@Beobachter Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür, dass diese von Ihnen genannten Christen wegen ihrer Religion verfolgt werden und nicht wegen ihrer Straf- Taten? Bei uns werden Mörder auch bestraft, egal, welcher Religion sie angehören. Oder nicht? Nur weil sie in Muslimischen Ländern wegen ihrer Straftaten verhaftet werden, gelten sie als verfolgt?
Selektive Wahrnehmung
Manchmal habe ich das Gefühl, dass einige meiner Schweizer Mitbürger nie probieren auch das kleinste positive im anderen zu sehen und immer noch mittelalterliche Feidbilder aufleben lassen. Z.B. wenn man sich anschaut, haben die muslimischen Frauen viel viel früher Erbrecht und Wahlrecht erhalten als Schweizerfrauen. Als wir Schweizer glücklich waren, dass wir 8-15% Frauenanteil im Stände-/Nationalrat hatten, gab es schon zwei weibliche-muslimische Staatsoberhäupter! Ich bin stolzer Schweizer, aber um dies zu sein, muss ich nicht auf andere runterschauen (durch selektive Wahrnehmung)...
Regierungsformen in Islamischenstaaten
Wenn man ca. 40-60 Jahre in die Geschichte zurückgeht, wird man feststellen, dass die aktuellen Regierungsformen in sog. Islamischen Staaten weniger vom Volkswillen als von den Kollonialstaaten/Übergangsregierungen bestimmt wurden. Zudem sollte man zwischen Ländern unterscheiden und zurückhaltend mit Vereinfachungen/Verallgemeinerungen sein. Es wäre gut, wenn mehr Leute auch registrieren würden, dass die Mehrheit der heute lebenden Muslime Nicht-Araber sind und in einem Land mit "Demokratie" als Herrschaftsform leben. Z.B. Indonesien, Pakistan, Bangladesh, Indien, etc.
Genau
Stimme zu! "Der Westen" hat jahrhunderte lang fast den ganzen Globus beherrscht, Menschenrechtsverletzungen jeglicher Art durchgeführt angefangen bei Sklaverei bis hin zum Holocaust. Wir haben diese Länder schamlos ausgebäutet und ganze Bevölkerungsschichten ausgerottet. Und trozdem verlangen wir von den ehemaligen Kollonien, dass sie auf keinen Fall "hinter" uns bleiben dürfen. Zudem schauen wir oft auf diese ex-Kollonien mit Schamlosigkeit herunter, und masst sich an, wir wäre das Mass allen was vorbildlich und edel ist. Dabei beute wir auch heute noch schamlos ganze Kontinente aus!!