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Muslimbruderschaft
06. Februar 2011 12:55; Akt: 06.02.2011 13:05 Print
«Wir sind dabei, solange die Nation es will»
von Hamza Hendawi, AP - Ein lang gehegter Traum der fundamentalistischen Muslimbruderschaft könnte mit den Protesten in Ägypten in Erfüllung gehen. Sie könnte endlich eine Rolle in der Politik spielen.
Anders als viele befürchten, wird die verbotene muslimische Organisation zwar nicht gänzlich die Macht in Kairo übernehmen, aber wohl doch eine anerkannte Rolle in der Politik spielen.
Infografik Aufruhr in der arabischen Welt«Uns ist völlig klar: Wir sind dabei, aber nur so weit es die ägyptische Nation erfordert», sagte ein Sprecher der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, der Nachrichtenagentur AP.
Der ägyptische Vizepräsident Omar Suleiman hat die Gruppe zu Beratungen über die Zukunft und die Demokratisierung des Landes eingeladen. Damit geht er einen erstaunlichen Weg, hatte das Regime doch bislang die Muslimbruderschaft als seinen ärgsten Feind betrachtet und entschlossen bekämpft.
Die Muslimbrüder nahmen bei den Protesten der vergangenen Tage eine zunehmend aktive Rolle ein. Und das, obwohl die treibenden Kräfte hinter den Demonstrationen eigentlich eher weltlich orientierte junge Leute sind.
Diaa Raschwan, ein bekannter ägyptischer Islam-Experte, vermutet, die Muslimbruderschaft werde jetzt einen Gang zulegen, um die Situation zu ihren Gunsten auszunutzen. «Sie sind eine stark organisierte Gruppe und wollen schon sehr lange mehr Macht», sagte er. «Zurzeit sind sie in höchster Alarmbereitschaft und mobilisieren all ihre Kräfte. Sie wären auch dumm, wenn sie es nicht täten.»
Macht überschätzt
Die jungen, säkularen Demonstranten, die die Proteste angezettelt haben und immer noch die Mehrheit auf den Strassen stellen, betrachten die Muslimbrüder mit Argwohn. Aber viele sagen auch, ihre Macht und die Unterstützung, die sie in einem demokratischen System hätten, werde überschätzt.
«Die Muslimbruderschaft wirkt gross in einem Staat wie unserem, wo praktisch nur eine Partei regiert», sagte Fathi Farid, ein 23- jähriger Blogger. «Aber wenn wir erst einmal einen Staat haben, in dem alle frei sind und für alle das gleiche Recht gilt, wird sie nur einer von vielen Akteuren sein.»
Weniger radikal als die Taliban
Die 1928 gegründete und 1954 verbotene Muslimbruderschaft erklärte sich schon vor Jahrzehnten als gewaltlos. Ihre Form des konservativen Islam ist weit weniger radikal als die der afghanischen Taliban oder auch der Wahhabiten Saudi-Arabiens. Aber das endgültige Ziel der Muslimbrüder ist erklärtermassen ein islamischer Staat.
Entsprechend wächst in Israel die Sorge über eine mögliche Machtübernahme der Islamisten. Ministerpräsident Netanjahu forderte, welche Regierung auch immer aus den Unruhen in Ägypten hervorgehe, das Friedensabkommen von 1979 zwischen den beiden Ländern müsse weiterhin gelten.
Wie die Muslimbruderschaft dazu steht, ist unklar. Einerseits lehnt sie den Friedensvertrag ab und unterstützt den bewaffneten Widerstand gegen den Staat Israel. Andererseits erklärt sie, den Vertrag nicht unterlaufen zu wollen, da er von einem Parlament in einer anderen Zeit geschlossen wurde.
Fähigkeiten herunterspielen
«Wir leben nicht im Land der Träume», antwortete der Sprecher Mursi auf die Frage, ob die Muslimbrüder den Friedensvertrag aufheben würden, wenn sie an die Macht käme. Allerdings, erklärte er weiter, sei es unwahrscheinlich, dass die Muslimbruderschaft die Mehrheit in einer freien und gleichen Wahl bekäme.
Das Herunterspielen der tatsächlichen Fähigkeiten und Absichten sei eine bekannte Taktik der Muslimbruderschaft, sagen Kritiker. Sie gilt schon seit langem als die am besten organisierte oppositionelle Gruppe in Ägypten. Im Volk wird sie stark unterstützt, weil sie soziale Dienstleistungen anbieten, die zum Teil weit über die Angebote der Regierung hinausgehen.
Bei Razzien in der jüngsten Vergangenheit wurden Tausende Muslimbrüder verhaftet. Das macht das Angebot von Vizepräsident Suleiman, an Beratungen teilzunehmen, so verblüffend. Der ehemalige Geheimdienstler und militärischer Hardliner stellte den Muslimbrüdern etwas in Aussicht, was diese lange herbeigesehnt hatten: einen Platz am Verhandlungstisch.



























