Unruhen

26. Januar 2011 13:27; Akt: 26.01.2011 13:41 Print

2011 – das arabische 1989?

von Peter Blunschi - Erst Tunesien, jetzt Ägypten – in der arabischen Welt entlädt sich der Frust über Repression und Korruption. Kommt es jetzt zum Flächenbrand?

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«Mubarak, das Spiel ist aus» - deutliches Statement auf der Strasse in Kairo in der Nacht auf Mittwoch. (Bild: Reuters/Asmaa Waguih)

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Bis vor kurzem schien der tunesische Diktator Zine al Abidine Ben Ali sein Land fest im Griff zu haben. Dann ging das Volk auf die Strasse – nach ein paar Tagen wurde Ben Ali verjagt. Seither wird viel über einen möglichen Domino-Effekt spekuliert. Am Dienstag kam es in Ägypten zu den grössten Protesten seit Jahrzehnten. Die Demonstranten riefen «Morgen beschreitet Ägypten den tunesischen Weg» und «Verschwinde, Mubarak, Saudi-Arabien wartet auf dich» – eine Anspielung auf Ben Alis Exilland.

Könnte der tunesische Funke auf die ganze Region überspringen? Der BBC-Blogger Matt Frei spekuliert bereits, 2011 könne «das 1989 des Nahen Ostens werden», eine Anspielung auf den Kollaps der kommunistischen Regime in Osteuropa im legendären «Wendejahr». Die Voraussetzungen sind in der Tat fast überall vorhanden: Repressive Langzeit-Herrscher, grassierende Korruption, wirtschaftliche Stagnation, gut ausgebildete Jugendliche, die keinen gescheiten Job finden und deshalb oft nicht heiraten können.

Nicht überall ist Tunesien

Hinzu kommen steigende Lebensmittelpreise, soziale Netzwerke und der Fernsehsender Al Jazeera, und fertig sind die Zutaten für einen demokratischen Flächenbrand. So die schöne Vorstellung. Die Realität ist jedoch komplexer, denn es gibt auch Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. So waren in Tunesien die Bedingungen für eine erfolgreiche Revolution beinahe ideal, wie der Historiker und Nahost-Experte Juan Cole gegenüber CNN erklärte: Eine säkulare, gut ausgebildete Gesellschaft mit gleichen Rechten für Frauen, wenig Einfluss der Islamisten und ohne ethnisch-religiöse Spannungen wie etwa im Libanon.

Ausserdem hat sich die Armee mit den Aufständischen solidarisiert. Das sei in Ägypten nicht der Fall, betonen Analysten. Dennoch hat Tunesien die arabischen Autokraten nervös gemacht, wie der «Guardian» schreibt: In Syrien habe die Regierung nur zwei Tage nach Ben Alis Sturz ein Sozialprogramm von 300 Millionen Dollar für die Ärmsten angekündigt. Selbst die staatlich kontrollierten Medien schrieben von «einem Zusammenhang». Auch im relativ liberalen Jordanien verfolge die Regierung die Ereignisse mit Nervosität.

USA stützen Mubarak

Vieles dürfte davon abhängen, wie sich die Lage in Ägypten nach den gewaltsamen Ausschreitungen in der Nacht auf Mittwoch entwickelt. Der 82-jährige Präsident Hosni Mubarak scheint gewillt, weitere Proteste im Keim und mit Gewalt zu ersticken. Werden sich die Menschen dadurch einschüchtern lassen? Der Wille zum Widerstand scheint gross, wie Stimmen zeigen, die das US-Magazin «Time» während der Demo am Dienstag eingeholt hat: «Das ägyptische Volk lebt und ist inspiriert durch die tunesische Revolution», sagte etwa der Ladenbesitzer Ahmed Osama: «Ich denke, das ist erst der Anfang.»

Zweifel bleiben. Denn auch der Westen scheint weiter zu lavieren. Zu lange wurden die arabischen Potentaten als vermeintliche Garanten für Stabilität und Bollwerke gegen die Islamisten unterstützt. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy liess seinen «Kumpel» Ben Ali erst in allerletzter Minute fallen. Auch jetzt hat sich US-Aussenministerin Hillary Clinton demonstrativ auf die Seite von Mubarak gestellt, worauf die «Washington Post» die Regierung Obama warnte, sie drohe «gefährlich hinter das Tempo der Ereignisse im Nahen Osten zurückzufallen».

Allen Einwänden zum Trotz könnte sich durchaus eine Eigendynamik entwickeln, so wie 1989. Als die Ungarn damals im Frühjahr mit der Demontage des Eisernen Vorhangs begannen, konnte sich auch niemand vorstellen, dass nur ein paar Monate später die Berliner Mauer fallen und der rumänische Gewaltherrscher Nicolae Ceausescu an die Wand gestellt werden würde.