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Grenzenlose Wut
31. Januar 2011 12:00; Akt: 31.01.2011 14:34 Print
Arm, arbeitslos, Demonstrant
von Brian Murphy, AP - Hunger und Arbeitslosigkeit treiben die arabische Jugend auf die Strasse. Verzweifelt reagieren die Politiker und geloben Besserung. Zu spät?
Einige Tage vor seiner Flucht aus Tunesien versprach der bereits angeschlagene Präsident Zine Al-Abidine Ben Ali im staatlichen Fernsehen
Sie sind jung und sie sind wütend: Die Demonstranten in der arabischen Welt.(Bild: AFP)
Infografik
Aufruhr in der arabischen Welt
Video
Proteste in Ägypten
Diese Gelöbnisse im Belagerungszustand haben noch etwas anderes gemeinsam: das Zugeständnis, dass der beispiellose Ärger auf den arabischen Strassen im Kern eine seit langem gärende Wut ist, ein Wut darüber, dass die seit Jahrzehnten andauernde ökonomische Ungerechtigkeit die politische Elite belohnte und viele andere marginalisierte.
Mit alarmierender Geschwindigkeit - weniger als zwei Monate sind seit den ersten Protesten in Tunesien vergangen - zeigt sich hier, wie instabil die Systeme einiger arabischer Regime seit den 1980er Jahren oder schon vorher waren. Die einst furchteinflössende Mischung aus Vetternwirtschaft und hartem Durchgreifen, die die Behörden damit rechtfertigten, dass Islamisten oder israelische Spione bekämpft werden müssten, erscheint ernsthaft unter Beschuss von Gesellschaften, die sich gegen die alten Muster auflehnen.
18 Millionen Menschen unter 30
Mubarak und andere arabische Präsidenten müssen einfach nur auf Kairos Strassen schauen: eine Bevölkerung von mehr als 18 Millionen, von denen gut die Hälfte unter 30 ist und nicht länger zufrieden damit ist, als maximale Perspektive einen bescheidenen Job im öffentlichen Dienst zu bekommen. Ein Demonstrant in Kairo wedelte mit einer handgeschriebenen Kopie seines Universitätsdiploms im Tränengas herum. Er rief das Wort, das die Komplexität der dominoartigen Unruhen wohl am besten zusammenfasst: «Jobs.»
«Die Regime und die Führer sind unter Beschuss, aber in Wirklichkeit geht es um Verzweiflung angesichts der Zukunft», sagte Sami Alfaradsch, Direktor des Kuwaiter Zentrums für Strategische Studien. «Das schliesst sowohl den jungen Mann mit einem Universitätsabschluss ein, der keine Arbeit findet, als auch die Mutter, die ihre Familie nicht ernähren kann.»
Um die ökonomische Ungerechtigkeit ging es bei den Protesten von Anfang an. Der tunesische Aufstand, der Präsident Ben Ali das Amt kostete, wurde ausgelöst vom 26-jährigen Mohammed Bouazizi, der sich im Dezember selbst verbrannte, nachdem die Polizei seinen Obst- und Gemüsekarren konfisziert hatte. Nachahmer trugen die Idee der Selbstopferung schnell nach Ägypten, Jemen und anderswo.
Im Jemen, dem ärmsten Land der arabischen Halbinsel, haben vereinzelte Aufstände den Präsidenten Ali Abdullah Saleh zu schnellen ökonomischen Zugeständnissen gezwungen. Er wies an, die Einkommenssteuer zu halbieren und Nahrungsmittelpreise kontrollieren zu lassen.
«Die Preise explodieren und die Jordanier auch»
Am Freitag gingen tausende Demonstranten in Jordanien auf die Strasse, um Ministerpräsident Samir Rifai zu stürzen und Massnahmen gegen die rasanten Preissteigerungen und die Arbeitslosigkeit zu fordern. Viele sangen: «Rifai, verschwinde, die Preise explodieren und die Jordanier auch.» König Abdullah II. versuchte, die Wut zu lindern, indem er Reformen versprach. Und der Ministerpräsident kündigte 550 Millionen Dollar für Benzin, Gas und Grundnahrungsmittel wie Reis, Zucker und Fleisch an.
Was die Wut nährt, ist in der arabischen Welt weitverbreitet: eine junge Bevölkerung, eine wachsende Mittelschicht mit dem Wunsch nach einem besseren Leben, nach Zugang zum Internet und zu internationalen Kabelkanälen wie Al Dschasira, die die staatliche Kontrolle über die Medien erodiert haben.
Es gibt keine klaren Anzeichen dafür, ob neue Proteste aufflackern. Syriens autoritäres Regime bleibt bislang unbeugsam, hat jedoch einige kleine Schritte zur Öffnung der Wirtschaft unternommen. Die Machthaber der wohlhabenden Golfstaaten haben den Luxus der relativ niedrigen Bevölkerungszahlen, häufig geniessen die Einwohner grosszügige staatliche Leistungen. Der Emir von Kuwait versprach zum Beispiel in diesem Monat 1000 Dinar (6500 Franken) und Essensgutscheine für alle Staatsbürger. Das geschah, um einige Jahrestage zu feiern, etwa das 20-jährige Jubiläum der US-Invasion, die Saddam Husseins Truppen vertrieb.
Nordafrika in Aufruhr
Doch Nordafrika ist in Aufruhr. Anfang des Monats stiessen algerische Sicherheitskräfte mit oppositionellen Aktivisten zusammen, die eine Kundgebung veranstalteten, offenbar vom benachbarten Tunesien inspiriert. In Mauretanien starb ein Geschäftsmann, nachdem er sich aus Protest gegen die Regierung in Flammen gesetzt hatte.
«The National», eine Regierungszeitung in Abu Dhabi, führte Interviews mit vier jungen Männern im Mittleren Osten, um deren Schwierigkeiten bei der Jobsuche zu beschreiben. Ein 33-jähriger Syrer mit einem Diplom in Englischer Literatur von der Universität Damaskus klagt darüber, dass er keine Lehrerstelle findet und deshalb nicht heiraten kann. «Ich fühle mich, als wäre ich in Warten auf Godot' von Samuel Beckett, das ich während meines Studiums gelesen habe», wurde Khaled Kapoun zitiert. «Ich hoffe, dass morgen eine Arbeitsstelle kommt.»
Sogar hohe arabische Beamte haben nach dem Umsturz in Tunesien ungewöhnlich offen gesprochen. Anfang des Monats warnte der Chef der Arabischen Liga, dass «die arabische Seele gebrochen» sei durch «Armut, Arbeitslosigkeit und die Wirtschaftsflaute». «Die tunesische Revolution ist nicht weit von uns entfernt», sagte Amr Moussa in seiner Eröffnungsrede vor den Vertretern der Arabischen Liga beim Treffen im ägyptischen Scharm El Scheich. «Die arabische Bevölkerung ist aufgebracht und frustriert wie noch nie.» Moussa, ein Ägypter, rief die arabischen Staaten zu einer Renaissance auf - für mehr Arbeitsplätze und dafür, Defizite in der Gesellschaft anzusprechen.
Doch auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos sagten einige Experten, nötig sei eine Bildungsoffensive, um von der Fixierung auf den öffentlichen Dienst wegzukommen, hin zu mehr Dynamik auf dem privaten Sektor. «Viele Menschen haben zwar Abschlüsse, aber nicht das nötige Können», sagte Masood Ahmed, Direktor der Abteilung für den Mittleren Osten und Asien beim Internationalen Währungsfonds, IWF. «Talent ist die knappe Ressource», stimmte Omar Alghanim zu, Geschäftsmann am Golf. Der Pool an Arbeitskräften in der Region «ist absolut nicht, was in der globalisierten Wirtschaft gebraucht wird».



























