Amr Mussa

04. Februar 2011 16:29; Akt: 04.02.2011 16:29 Print

Der heimliche Kronfavorit

von Peter Blunschi - Hosni Mubaraks Tage als ägyptischer Präsident scheinen gezählt. Wer aber soll sein Nachfolger werden? Favorit ist einer, der im Westen oft übersehen wird.

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Amr Mussa letzte Woche am Weltwirtschaftsforum in Davos. (Bild: Reuters/Vincent Kessler)

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Am Freitag wagte er sich aus der Deckung hervor: Amr Mussa, Generalsekretär der Arabischen Liga, erschien auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Seine Wagenkolonne wurde mit Rufen wie «Wir wollen dich als Präsident» begrüsst. Zuvor hatte Mussa dem französischen Radiosender Europe 1 erklärt, er erwäge eine Kandidatur bei einer künftigen Präsidentenwahl in Ägypten. Auch eine Rolle in einer Übergangsregierung sei möglich.

Es sind die bislang deutlichsten Indizien, dass der 74-jährige Karrierediplomat sich für die Nachfolge von Hosni Mubarak bewerben könnte. Amr Mussa war ägyptischer Botschafter bei der UNO in New York und von 1991 bis 2001 Aussenminister. Sein Name wird im Westen selten erwähnt, hier spricht man vor allem von Mohammed al Baradei, dem ehemaligen Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Doch der lebte lange im Ausland und ist beim Volk kaum populär. Auf Amr Mussa trifft dies nicht zu.

Der einzige Politstar Arabiens

Der deutsche Nahost-Experte Udo Steinbach bezeichnete ihn in einem Interview als «heisser Kandidat». Volkhard Windfuhr, Korrespondent des «Spiegel» in Kairo, sagte im Gespräch mit 20 Minuten Online, Mussa sei der «populärste Politiker des Landes, wenn nicht der arabischen Welt», er könne bei einer Wahl auf mindesten 80 Prozent der Stimmen kommen. Das klingt vermessen, doch auch die «Financial Times Deutschland» bezeichnete den früheren Aussenminister 2002 als «wohl einzigen Politstar Arabiens».

Diesen Ruf verdank Amr Mussa seiner scharfen Zunge. Immer wieder übte er harte, oft polemische Kritik an Israel und den USA. Er nahm klar Partei für die Palästinenser, bei seinem ersten Besuch als Aussenminister in Jerusalem 1994 weigerte er sich, die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem ins Programm aufzunehmen, angeblich aus Zeitgründen. Und während er den Golfkrieg 1991 von US-Präsident George Bush senior noch unterstützt hatte, lehnte er den Feldzug von Bush junior 2003 entschieden ab.

Härtere Gangart gegenüber Israel

Später allerdings warnte er die USA vor einem verfrühten Abzug aus dem Irak. Als «Realpolitiker» dürfte Amr Mussa auch den Friedensvertrag mit Israel nicht einfach aufkündigen, eine härtere Gangart gegenüber dem jüdischen Staat ist aber zu erwarten. Seine mögliche Wahl zum Präsidenten dürfte deshalb in Jerusalem und Washington nicht ohne Sorge verfolgt werden. Dabei ist Amr Mussa alles andere als ein Islamist, er ist eher ein arabischer Nationalist in der Tradition von «Übervater» Gamal Abdel Nasser.

Seine Kritik am Westen und mehr noch seine Popularität dürften Hosni Mubarak dazu bewegt haben, seinen Aussenminister im Jahr 2001 auf den Posten des Generalsekretärs der Arabischen Liga «wegzuloben». Dies könnte sich für Mussa nun als Vorteil erweisen. Er ist mit dem alten Regime verbunden und damit auch für Mubarak-Anhänger «geniessbar» und andererseits lange genug weg, um für die Opposition in Frage zu kommen. Zumal er sich in seiner heutigen Funktion seit einiger Zeit für mehr Demokratie stark macht.

Einsatz für Reformen

«Wer die Zeichen der Zeit erkannt hat, setzt auf Reformen», sagte Mussa letzte Woche am Weltwirtschaftsforum in Davos. Nach den grossen Demonstrationen am letzten Freitag in Ägypten erklärte er auf Al Dschasira, die Reformen müssten «sofort» beginnen, die Botschaft des Volkes sei klar. Und während am Dienstag der «Millionen-Marsch» stattfand, sagte er dem Sender Al Arabija, er sei bereit, seinem Land in jeder Funktion zu dienen.

Sukzessive hat sich Amr Mussa der Protestbewegung angenähert. Die Demonstranten, die in Kairo und anderen Städten auf die Strasse gingen und kämpften, mögen ihm dies als Opportunismus ankreiden. Doch bei der «schweigenden Mehrheit» der Ägypter könnte er damit punkten. Sie dürfte sich auch nicht davon beeindrucken lassen, dass ehemalige Mitarbeiter bei der Arabischen Liga ihm Vetternwirtschaft vorgeworfen haben. Mit Amr Mussa ist definitiv zu rechnen.