Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Unruhen in Tunesien
14. Januar 2011 11:46; Akt: 17.01.2011 15:54 Print
Früchte des Zorns im Ferienparadies
von Peter Blunschi - Eine Jugend ohne Perspektive rebelliert gegen das Regime. Nun hat der Präsident Schwäche gezeigt – Angehörige sollen in die Schweiz geflüchtet sein.

Präsident Zine el Abidine Ben Ali besuchte den vollständig einbandagierten Mohamed Bouazizi im Spital. (Bild: Keystone)
Die Verzweiflung eines jungen Mannes hat dem Image von Tunesien als besonders sicherem und wirtschaftlich erfolgreichem Staat in Nordafrika Risse verpasst. Der 26-jährige Mohamed Bouazizi übergoss sich am 17. Dezember 2010 auf offener Strasse mit Benzin und zündete sich an, weil die Polizei seinen Früchte- und Gemüsestand in Sidi Bouzid, rund 250 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Tunis, beschlagnahmt hatte. Das Besondere an dem Fall: Bouazizi war kein ungebildeter Bauer, er hatte einen Hochschulabschluss.
Bildstrecken Gewalttätige Proteste in TunesienDer 74-jährige Präsident Zine el Abidine Ben Ali besuchte Bouazizi, dessen Körper vollständig einbandagiert war, im Spital. Das Bild wurde zum Symbol für die Misere Tunesiens. Am 5. Januar erlag Mohamed Bouazizi seinen Verletzungen. Sein Tod führte zu einer Explosion: Frust und Wut einer Jugend, die unter Repression und fehlenden wirtschaftlichen Perspektiven leidet, entluden sich in gewaltsamen Protesten, die bislang Dutzende Todesopfer gefordert haben.
Die Demonstrationen rückten eine Seite Tunesiens ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die von der Regierung des beliebten Ferienlandes gern verborgen gehalten wird: Jahrzehntelang hat sich Tunesien als Erfolgsgeschichte in der arabischen Welt präsentiert, als Staat mit einer stärkeren Wirtschaft als die Nachbarn, in dem Frauenrechte geachtet werden und es kaum zu Unruhen kommt. Als Garant für Stabilität galt Präsident Ben Ali, der 1987 in einem unblutigen Putsch Habib Bourguiba gestürzt hatte, den «Vater der Unabhängigkeit».
Hohe Arbeitslosigkeit
Im vergangenen Jahr verzeichnete die Regierung nach eigenen Angaben ein Wirtschaftswachstum von 3,1 Prozent. Der wunde Punkt ist jedoch die Arbeitslosigkeit: Fast 14 Prozent der Bevölkerung haben nach amtlichen Angaben keinen Job. Inoffiziell soll die Quote doppelt so hoch sein, vor allem für Jugendliche und Hochschulabsolventen sind die Aussichten denkbar schlecht, und noch schlimmer ist die Situation ausserhalb der Hauptstadt Tunis und der Touristengebiete – beispielsweise in Sidi Bouzid.
An sich ist die tunesische Wirtschaft gut aufgestellt. Es gibt Tourismus, Landwirtschaft, Öl und Phosphat und eine Textilindustrie. Tunesien wird als Schwellenland eingestuft, die Infrastruktur gilt als vorbildlich, ebenso das Schulwesen. Und genau hier liegt das Problem, denn die vielen Hochschulabgänger finden – wie Mohamed Bouazizi – häufig keinen Job, der ihrer Ausbildung entspricht. Die derzeitigen Proteste sind denn auch kein Aufstand der Unterprivilegierten, sondern der Gebildeten ohne Perspektive.
Ben Ali hat die Schaffung von
Ein Polizeistaat
Hinzu kommt die grassierende Korruption. Nicht zuletzt der Familienclan von Ben Alis Ehefrau Leila Trabelsi soll kräftig in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Die Regierung bekämpfte Kritik bislang mit eiserner Repression: Die Opposition wird unterdrückt, die Medien werden zensiert. In von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichten Depeschen von US-Diplomaten heisst es, Tunesien sei ein «Polizeistaat», Ben Ali habe den Kontakt zur Bevölkerung komplett verloren. Der Präsident, der als nicht sonderlich gebildet gilt, höre nur auf seine Minister, die ihm nicht die Wahrheit sagten, so Azzam Mahjoub.
Entsprechend wurde das Regime von den Unruhen überrascht, ebenso der Westen, der sich lange von der «tunesischen Erfolgsgeschichte» blenden liess und die Repression tolerierte, weil sich Präsident Ben Ali als Bollwerk gegen die Islamisten inszenierte. Vor allem die ehemalige Kolonialmacht Frankreich liess ihm dies bereitwillig durchgehen. Nun hat Ben Ali dem Druck nachgegeben und am Donnerstag einige Erleichterungen angekündigt. Ausserdem will der Präsident, der auf Lebenszeit regieren wollte, sich 2014 nicht mehr zur Wiederwahl stellen.
Ben Alis Frau in Genf?
Ob diese Konzessionen genügen, bleibt zweifelhaft. «Die gleichen Versprechen hat er 1987 und vor einigen Jahren gemacht, am Ende blieb trotzdem alles beim Alten», sagte ein namentlich nicht genannter Tunesier der «New York Times». Bereits gibt es erste Gerüchte über Absetzbewegungen innerhalb der Herrscherclique: Eine Tochter Ben Alis und ihr Mann sollen am Mittwoch in Zürich gelandet sein, Leila Trabelsi befindet sich angeblich in Genf.
Der Wille zum Wandel ist offensichtlich: «Der Zorn ist stärker geworden als die Furcht», schrieb die französische Zeitung «Le Monde». Am Donnerstag stürmten Demonstranten eine Residenz der Präsidentenfamilie im mondänen Badeort Hammamet. Dabei filmten sie sich laut «New York Times» gegenseitig beim Plündern und verschickten die Bilder via Internet, ungeachtet der Konsequenzen. Wirtschaftsprofessor Azzam Mahjoub zeigte sich gegenüber der BBC überzeugt, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor, egal was in den nächsten Monaten geschieht: «Eine neue Ära hat begonnen – es gibt kein Zurück.»
(Mit Material von DAPD)



























