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Ägypten in Aufruhr
30. Januar 2011 00:01; Akt: 31.01.2011 12:40 Print
Für Gamal fing alles mit einer Ohrfeige an
von Sarah El Deeb, AP - Muslime, Christen, Arme, Reiche - der Hass auf das Regime kennt keine Grenzen. Viele Ägypter haben eine Rechnung mit der Staatsmacht zu begleichen.
Für Gamal Hassanein war es eine Ohrfeige. Für den 23-jährigen Hussam war es der Tod seines Bruders. Fast jeder der zehntausenden Demonstranten, die jetzt in Kairo auf die Strasse gehen, hatte ein Schlüsselerlebnis. Es legte in ihm den Keim zu Wut und Hass auf das Regime von Hosni Mubarak.
Demonstranten in Kairo sprayen Graffiti: «Mubarak, der Dieb»(Bild: Reuters)
Infografik
Umsturz in Tunesien
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Proteste in Ägypten
Hassanein diskutierte einst mit einem Polizisten, als der ihm ins Gesicht schlug. Der seelische Schmerz plagte ihn Monate. «Mit dieser Ohrfeige hat er meine Würde gestohlen», sagt der 24-jährige Gelegenheitsarbeiter. «Bis jetzt sind wir aus Furcht nicht gegen diese Polizei auf die Strasse gegangen. Aber nun lassen wir uns nicht länger von unserer eigenen Angst ruhigstellen.»
Aus allen Bevölkerungsschichten
Die Demonstranten, die die Regierung in Ägypten immer mehr in die Enge treiben, kommen aus allen Bevölkerungsschichten. Konservative Muslime und Christen sind unter ihnen, Geschäftsleute ebenso wie Arbeitslose, Junge wie Alte. Bei vielen von ihnen kamen lange unterdrückte Momente der Schikanierung durch die Obrigkeit wieder hoch, als sie die ersten Protestierenden auf den Strassen sahen. Und sie schlossen sich ihnen an.
Hussam wohnt in einem der besseren Viertel Kairos. Ihm fiel der Tod seines Cousins vor sieben Jahren wieder ein. Dieser war ertrunken, nachdem er an der Küste aus einem Tretboot gefallen war. Der Rettungsdienst habe sich nicht um den Notruf gekümmert, nachdem er erfahren habe, dass das Opfer kein Weisser sei, erinnert sich Hussam. Seinen vollen Namen will er aus Angst vor Nachstellungen durch die Sicherheitsdienste nicht nennen.
«Warum werden wir so behandelt?», fragt Hussam. «Wir wollen dieses Regime loswerden!»
Beschädigter Nationalstolz
Die persönlichen Demütigungen werden noch verstärkt durch Ereignisse, die den Nationalstolz eines der ältesten Kulturvölker der Erde beschädigen. Viele Ägypter empfinden es als Schande, nun in einem Land zu leben, das durch Armut, Analphabetismus, Korruption und staatliches Unvermögen gezeichnet ist. Man schämt sich, wenn im Roten Meer mehr als 1000 Menschen bei einem Fährunglück ums Leben kommen, weil Rettungsboote fehlten. Die Fussball-Nationalmannschaft verliert bei der Weltmeisterschaft gegen Algerien. Die Regierung, einst als Vorreiter eines Friedens im Nahen Osten hoch angesehen, ist nun ausserstande, im Nahostkonflikt die zerstrittenen politischen Gruppen Palästinas zu einigen und zeigt sich unfähig zum Einfluss auf Israel.
Über Jahre hinweg konnte die angestaute Wut kein Ventil finden. Das System Mubarak liess den traditionellen gemässigten Oppositionsgruppen nur ganz wenig Spielraum am Rande des gesellschaftlichen Lebens, schränkte die Freiheit ganz ein oder kaufte die Kooperation mit gönnerhaft verteilten Parlamentssitzen.
Der grössten und am besten durchorganisierten Oppositionsgruppe, der Muslimischen Bruderschaft, ist es bisher nicht gelungen, weniger konservative Muslime zu erreichen, was die Zahl ihrer Unterstützer stark begrenzt. Die Rückkehr des Friedensnobelpreisträgers Mohamed El-Baradei nach zehn Jahren Auslandsaufenthalt im vergangenen Februar motivierte zwar zahlreiche junge Ägypter, die ihn aufforderten, sich als Präsidentschaftskandidat zur Verfügung zu stellen. Aber der ehemalige Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) wurde das Image des abgehobenen Auslandsägypters vorerst nicht los.
Blogger zu Tode geprügelt
Im Juni vergangenen Jahres starb der 28-jährige Geschäftsmann und Blogger Chaled Said. Laut Augenzeugenberichten wurde er in Alexandria von Polizisten auf offener Strasse zu Tode geprügelt. In verschiedenen Online-Netzwerken wurde mobilisiert, bis die Polizisten vor Gericht gestellt wurden. Monatelang gab es kleinere Protestveranstaltungen, bis die zunehmende Unruhe in Tunesien auch die Ägypter ermutigte.
«Der Prozess brodelte jahrelang», sagt Hussam al Hamalawi, ein 33-jähriger Blogger. «Aktivisten kleinerer Gruppen arbeiteten auf die Tage der Wut hin, aber keiner kann sie allein für sich die Urheberschaft beanspruchen.»
Mahmud Elhetta, der eine Gruppe Unterstützer ElBaradeis leitet, berichtet, dass seine Leute auf die Tage hingearbeitet haben, an denen ziviler Ungehorsam und umfangreiche Proteste möglich würden. «Wir hatten alle unsere Strategien, und wir warteten auf diesen Moment», sagt er. Und schliesslich liefen Frauen in schwarzen Ganzkörperschleiern und weiten schwarzen Gewändern hinter anderen mit aufwändigen Frisuren und Markensonnenbrillen. «Das Volk will einen Regierungswechsel», nahmen sie ein Stakkato der demonstrierenden Tunesier wieder auf, das vor wenigen Tagen weiter westlich zum Erfolg geführt hat.
«Ein richtiger Volksaufstand»
Aya Barada, eine 25-jährige Rechtsberaterin, trägt ein blaues Kopftuch und enge Jeans. Sie sagt, sie sei auf die Demonstrationen aufmerksam geworden über Facebook und anhaltende Agitation von Aktivisten, die in der Folge von Saids Tod zu Protesten gegen die Regierung aufgerufen hätten. «Ich selbst verdiene gutes Geld», sagt sie. «Ich leide nicht. Aber die Lebensbedingungen in Ägypten sind schlecht für mich, für meine Familie, letztlich für mein ganzes Land.»
Auch Sadat Abdel Salam, eine verschleierte Hausfrau in einer schwarzen Abaya, dem traditionellen schwarzen mantelartigen Überkleid, zeigt Wut und Mut: «Sie nehmen uns nicht ernst. Sie bemerken unsere Frustration gar nicht. Das hier ist ein richtiger Volksaufstand. Und wir werden nicht wieder schweigen.»



























