Ägypten in Aufruhr

30. Januar 2011 00:01; Akt: 31.01.2011 12:40 Print

Für Gamal fing alles mit einer Ohrfeige anFür Gamal fing alles mit einer Ohrfeige an

von Sarah El Deeb, AP - Muslime, Christen, Arme, Reiche - der Hass auf das Regime kennt keine Grenzen. Viele Ägypter haben eine Rechnung mit der Staatsmacht zu begleichen.

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Vize-Präsident Omar Suleiman erklärt am Abend des 11. Februar am ägyptischen TV Hosni Mubaraks Rücktritt. Das vorläufige Kommando übernehmen die Streitkräfte, allen voran Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi. Grenzenloser Jubel auf dem Tahrir-Platz in Kairo, nachdem bekannt worden war, dass Mubarak zurückgetreten war. Wieder sind hunderttausende Ägypter auf die Strasse gegangen. Die Proteste in Kairo beschränkten sich nicht mehr nur auf den Tahrir-Platz. Auch vor dem Präsidentenpalast versammelten sich Tausende. Die Armee riegelte die Umgebung ab. Auch vor dem Hauptsitz des verhassten Staatsfernsehen versammelten sich mehrere Zehntausend. Die Armee sicherte auch hier das Gebäude ab. Am Morgen veröffentlichte das Militär ihr «Communiqué Nummer zwei». Darin hat es sich hinter die Entscheidung von Präsident Hosni Mubarak gestellt, nicht zurückzutreten und die meisten Amtsbefugnisse seinem Stellvertreter Omar Suleiman zu übertragen. Gleichzeitig will die Armee Garantin für Reformen sein. Verteidigungsminister und Feldmarschall Hussein Tantawi präsidiert den Militärrat am späten Abend des . Das staatliche Fernsehen zeigte Bilder der Militärs, die berieten, «welche Massnahmen und Vorkehrungen getroffen werden könnten, um die Nation zu schützen». Zuvor hatte Präsident Hosni Mubarak entgegen den Erwartungen erklärt, noch bis im September bleiben zu wollen. Er kündigte stattdessen an, Amtsvollmachten an seinen Stellvertreter Omar Suleiman abzugeben. Demonstranten reagieren mit Wut auf Hosni Mubaraks Rede. In Anspielung auf den berühmt gewordenen Schuhwerfer von Bagdad haben einige ihre Schuhe in die Höhe gereckt. Sie bewegten die Schuhe hin und her. Der Tahrir-Platz in Kairo ist am Abend des 10.Februars rappelvoll. Gebannt warten die Demonstranten auf Mubaraks angekündigte Rede. «Wir sind beinahe da, wir sind beinahe da», rufen sie in Erwartung des Rücktritts ihres Präsidenten. Der ägyptische Aussenminister Ahmed Abul Gheit wirft den USA am vor, die Supermacht wolle Ägypten ihren Willen aufzwingen. Demonstration bei Kerzenlicht auf dem Kairoer Tahrir-Platz. Eine Demonstrantin hält ein Plakat mit der Aufschrift «Mubarak[s Zeit] ist abgelaufen» auf dem Tahrir-Platz. Auch an diesem Dienstag strömten Zehntausende auf den zentralen Platz, der zum Symbol des Widerstands gegen das Regime geworden ist. Früh am Morgen: Die Opposition wappnet sich für einen neuen grossen Demonstrationstag. Zahlreiche Menschen haben wieder auf dem Tahrir-Platz übernachtet. Ein Freiwilliger wischt den Platz. Die ägyptische Regierung macht am Zugeständnisse: Höhere Löhne für Staatspersonal, Untersuchungen zu Korruption und Wahlmanipulation. Den harten Kern der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo lässt das zunächst kalt. Auftanken zwischen den Panzern. Gebetet wird immer wieder. Verhasste Gesichter werden zur Schau getragen. Der improvisierte Helm hat Konjunktur. Die Menschen haben den ganzen Tag demonstriert. Sie verharren bis am Abend in der Nähe des Tahrir-Platzes. Ägyptens Vize-Präsident Omar Suleiman ist mit Oppositionsvertretern zu Gesprächen über politische Reformen zusammengekommen. Teile der Führungsriege der ägyptischen Regierungspartei NDP des Präsidenten Mubarak einschließlich des Generalsekretärs Safwat el Scharif und des Präsidentensohnes Gamal Mubarak haben am laut einem Bericht des ägyptischen Staatsfernsehens ihren Rücktritt erklärt. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz ließen sich von der Rücktrittsbotschaft nicht beeindrucken. Das werde nur den Durchhaltewillen und die Zuversicht der Demonstranten stärken, sagte der 45-jährige Aktivist Wael Chalil. Denn damit werde deutlich, dass sich das Regime Stück für Stück zurückziehe. Auf der ägyptischen Halbinsel Sinai explodierte am 5.2.11 eine Gaspipeline. Die Flammen schossen meterhoch in den Himmel, wie Augenzeugen erklärten. Europa werde bei der Begleitung des Wandels in Ägypten auch eng mit den USA zusammen arbeiten. Dies hat die Bundeskanzlerin Merkel am 5.2.11 in München mit US-Aussenministerin Clinton so besprochen. Am ist für die Regierungsgegner «Tag des Abgangs». Sie verlangen, dass Mubarak heute zurücktrete. Trotz der steigenden Opferzahl wagen sich auch wieder Frauen auf die Strasse. Die Armee kontrolliert die Demonstranten. Journalisten sind in den letzten Tagen verstärkt ins Visier des ägyptischen Regimes geraten. Mehrere ausländische Reporter wurden verhaftet, andere wurden angegriffen. Am späten Abend des äusserte sich Hosni Mubarak zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Demonstrationen in einem Interview. Er sagte, er wolle zwar zurücktreten, könne aber nicht. Derweil gingen die Auseinandersetzungen zwischen Regime-Gegnern und Mubarak-Anhängern in Kairo weiter. Auch am flogen Steine. Diese Demonstranten posieren für den Fotografen. Gewonnen hat bisher aber niemand. Auch am Donnerstag gab es Tote. Zudem wurden Menschen, wie diese Frau, verletzt. In der Nacht zum 3. Februar lieferten sich Regime-Gegner und Mubarak-Treu erbitterte Strassenkämpfe. Dabei wurden auf dem Tahrir-Platz Menschen getötet. Weitere wurden verletzt. Beides, weil Mubarak-Anhänger in die Menschenmenge schossen. Ein anderer Mubarak-Gegner stellte sich auf einen Panzer. Die Lage auf dem Tahrir-Platz ist eskaliert, nachdem Mubarak-Anhänger Protestierende angegriffen haben. Einzelne Supporter des Präsidenten stürmten den Platz auf Kamelen. Bissiger Kommentar von Regimegegnern: «Das Ganze wird endgültig zum Zirkus.» Neben von der Regierung bezahlten Schlägertrupps befinden sich in der Pro-Mubarak-Fraktion auch wahre Anhänger des umstrittenen Präsidenten. Die Armee verhält sich passiv und versucht lediglich, die beiden Lager auseinanderzuhalten. Dutzende Verletzte werden gemeldet. Ägypter schauen sich in der Nacht auf den 2. Februar auf einer improvisierten Grossleinwand die Erklärungen von US-Präsident Obama vor den amerikanischen Medien an. Dieser hatte sich zuvor lange mit seinem Amtskollegen Mubarak unterhalten. Der Rede von Obama ist eine Ansprache von Präsident Mubarak vorangegangen. Darin verkündete er, im Herbst nicht mehr zu den Präsidentschaftswahlen antreten zu wollen. Damit waren die Demonstranten nicht zufrieden. Auch in Ägypten wird es kalt über die Nacht: Protestierende wärmen sich mit einem Lagerfeuer. : Am achten Tag demonstrieren in Ägypten mehrere 100 000 Menschen in Kairo. Das Volk bleibt auch dem angekündigten Abgang von Präsident Mubarak dabei: Go! Auf Plakaten machen die Demonstranten aus Präsident Hosni Mubarak Adolf Hitler. Auch viele Frauen sind auf die Strasse gegangen. Die Armee durchsucht die Demonstranten. Der Tahrir-Platz ist zum Symbol der Massenproteste geworden: Tausende fingen am 1. Februar auf dem Platz an zu beten. Die Opposition hatte für den 1. Februar den «Marsch der Millionen» angekündigt. Die Armee fuhr daher bereits am frühen Morgen Panzer auf. Eine «Mubarak-Puppe» hängt an einem Lichtsignal. Befürworter von Mubarak gingen am 1. Februar ebenfalls auf die Strasse. Sie hoffen, dass sich Mubaraks Regierung halten kann. Da Lebensmittel knapp werden, kaufen die Ägypter Brot auf Vorrat. : Am siebten Tag der Proteste versammelten sich wieder tausende Ägypter auf dem Tahrir-Platz, um gegen Präsident Mubarak zu demonstrieren. Das Militär versucht, die Lage zu kontrollieren. Panzer vor den Pyramiden versinnbildlichen die angespannte Lage in Kairo. Nachdem Plünderer das Ägyptische Museum heimgesucht und mehrere Mumien zerstört hatten, wird der Touristenmagnet nun von schwerbewaffneten Sicherheitskräften bewacht. Die Wut der Demonstranten flackert immer wieder in Gewalt gegen Personen auf, die verdächtigt werden, Polizisten in Zivil zu sein. Präsident Mubarak (rechts) vereidigte seine neugebildete Regierung. Eine riesige Menschenmenge wartet am Kairoer Flughafen darauf, das Land verlassen zu können. : Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei schliesst sich den Demonstranten in Kairo an. Die Kämpfe der vergangenen Tage haben sowohl bei Menschen... ... wie auch Gebäuden ihre Spuren hinterlassen. Angst vor Plünderern: Im Viertel Maadi im Süden Kairos wurden junge Männer über Lautsprecher aufgerufen, an den Eingängen von Häusern Präsenz zu zeigen und Plünderer zu vertreiben. : Der ägyptische Geheimdienstchef Omar Suleiman ist als Vize-Präsident des Landes vereidigt worden. Die Proteste in der ägyptischen Hauptstadt Kairo setzten sich unvermindert fort. Hier bringen sich Demonstranten in Sicherheit vor den Ordnungshütern. Vereinzelt wurden gar Armeepanzer in Brand gesetzt. Ein Aufruf zur Ruhe von Präsident Mubarak in der Nacht auf den 29. Januar verhallte weitgehend wirkungslos. : Am Abend ziehen Demonstranten durch die Innenstadt von Kairo. Panzer fahren durch die Menschenmengen. In der Innenstadt von Kairo brennen Gebäude. Trotz Demonstrationsverbot gingen nach dem Freitagsgebet Tausende auf die Strasse, um gegen die Regierung von Präsident Hosni Mubarak zu protestieren. In Kairo schloss sich der Friedensnobelpreisträger Mohamed Al-Baradei den Protesten an. Er wurde von der Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern in eine Moschee getrieben, wo er kurzzeitig festgesetzt wurde. Die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein. Aus dem ganzen Land wurden Dutzende Verletzte gemeldet. Hunderte Demonstranten hielten mitten in den Strassenschlachten für ein spontanes Gebet inne. Uniformierte und zivile Polizisten gehen mit grosser Härte gegen die Demonstranten vor. Die Wasserwerfer können diesen Demonstranten nicht aufhalten.

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Für Gamal Hassanein war es eine Ohrfeige. Für den 23-jährigen Hussam war es der Tod seines Bruders. Fast jeder der zehntausenden Demonstranten, die jetzt in Kairo auf die Strasse gehen, hatte ein Schlüsselerlebnis. Es legte in ihm den Keim zu Wut und Hass auf das Regime von Hosni Mubarak.

Hassanein diskutierte einst mit einem Polizisten, als der ihm ins Gesicht schlug. Der seelische Schmerz plagte ihn Monate. «Mit dieser Ohrfeige hat er meine Würde gestohlen», sagt der 24-jährige Gelegenheitsarbeiter. «Bis jetzt sind wir aus Furcht nicht gegen diese Polizei auf die Strasse gegangen. Aber nun lassen wir uns nicht länger von unserer eigenen Angst ruhigstellen.»

Aus allen Bevölkerungsschichten

Die Demonstranten, die die Regierung in Ägypten immer mehr in die Enge treiben, kommen aus allen Bevölkerungsschichten. Konservative Muslime und Christen sind unter ihnen, Geschäftsleute ebenso wie Arbeitslose, Junge wie Alte. Bei vielen von ihnen kamen lange unterdrückte Momente der Schikanierung durch die Obrigkeit wieder hoch, als sie die ersten Protestierenden auf den Strassen sahen. Und sie schlossen sich ihnen an.

Hussam wohnt in einem der besseren Viertel Kairos. Ihm fiel der Tod seines Cousins vor sieben Jahren wieder ein. Dieser war ertrunken, nachdem er an der Küste aus einem Tretboot gefallen war. Der Rettungsdienst habe sich nicht um den Notruf gekümmert, nachdem er erfahren habe, dass das Opfer kein Weisser sei, erinnert sich Hussam. Seinen vollen Namen will er aus Angst vor Nachstellungen durch die Sicherheitsdienste nicht nennen.

«Warum werden wir so behandelt?», fragt Hussam. «Wir wollen dieses Regime loswerden!»

Beschädigter Nationalstolz

Die persönlichen Demütigungen werden noch verstärkt durch Ereignisse, die den Nationalstolz eines der ältesten Kulturvölker der Erde beschädigen. Viele Ägypter empfinden es als Schande, nun in einem Land zu leben, das durch Armut, Analphabetismus, Korruption und staatliches Unvermögen gezeichnet ist. Man schämt sich, wenn im Roten Meer mehr als 1000 Menschen bei einem Fährunglück ums Leben kommen, weil Rettungsboote fehlten. Die Fussball-Nationalmannschaft verliert bei der Weltmeisterschaft gegen Algerien. Die Regierung, einst als Vorreiter eines Friedens im Nahen Osten hoch angesehen, ist nun ausserstande, im Nahostkonflikt die zerstrittenen politischen Gruppen Palästinas zu einigen und zeigt sich unfähig zum Einfluss auf Israel.

Über Jahre hinweg konnte die angestaute Wut kein Ventil finden. Das System Mubarak liess den traditionellen gemässigten Oppositionsgruppen nur ganz wenig Spielraum am Rande des gesellschaftlichen Lebens, schränkte die Freiheit ganz ein oder kaufte die Kooperation mit gönnerhaft verteilten Parlamentssitzen.

Der grössten und am besten durchorganisierten Oppositionsgruppe, der Muslimischen Bruderschaft, ist es bisher nicht gelungen, weniger konservative Muslime zu erreichen, was die Zahl ihrer Unterstützer stark begrenzt. Die Rückkehr des Friedensnobelpreisträgers Mohamed El-Baradei nach zehn Jahren Auslandsaufenthalt im vergangenen Februar motivierte zwar zahlreiche junge Ägypter, die ihn aufforderten, sich als Präsidentschaftskandidat zur Verfügung zu stellen. Aber der ehemalige Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) wurde das Image des abgehobenen Auslandsägypters vorerst nicht los.

Blogger zu Tode geprügelt

Im Juni vergangenen Jahres starb der 28-jährige Geschäftsmann und Blogger Chaled Said. Laut Augenzeugenberichten wurde er in Alexandria von Polizisten auf offener Strasse zu Tode geprügelt. In verschiedenen Online-Netzwerken wurde mobilisiert, bis die Polizisten vor Gericht gestellt wurden. Monatelang gab es kleinere Protestveranstaltungen, bis die zunehmende Unruhe in Tunesien auch die Ägypter ermutigte.

«Der Prozess brodelte jahrelang», sagt Hussam al Hamalawi, ein 33-jähriger Blogger. «Aktivisten kleinerer Gruppen arbeiteten auf die Tage der Wut hin, aber keiner kann sie allein für sich die Urheberschaft beanspruchen.»

Mahmud Elhetta, der eine Gruppe Unterstützer ElBaradeis leitet, berichtet, dass seine Leute auf die Tage hingearbeitet haben, an denen ziviler Ungehorsam und umfangreiche Proteste möglich würden. «Wir hatten alle unsere Strategien, und wir warteten auf diesen Moment», sagt er. Und schliesslich liefen Frauen in schwarzen Ganzkörperschleiern und weiten schwarzen Gewändern hinter anderen mit aufwändigen Frisuren und Markensonnenbrillen. «Das Volk will einen Regierungswechsel», nahmen sie ein Stakkato der demonstrierenden Tunesier wieder auf, das vor wenigen Tagen weiter westlich zum Erfolg geführt hat.

«Ein richtiger Volksaufstand»

Aya Barada, eine 25-jährige Rechtsberaterin, trägt ein blaues Kopftuch und enge Jeans. Sie sagt, sie sei auf die Demonstrationen aufmerksam geworden über Facebook und anhaltende Agitation von Aktivisten, die in der Folge von Saids Tod zu Protesten gegen die Regierung aufgerufen hätten. «Ich selbst verdiene gutes Geld», sagt sie. «Ich leide nicht. Aber die Lebensbedingungen in Ägypten sind schlecht für mich, für meine Familie, letztlich für mein ganzes Land.»

Auch Sadat Abdel Salam, eine verschleierte Hausfrau in einer schwarzen Abaya, dem traditionellen schwarzen mantelartigen Überkleid, zeigt Wut und Mut: «Sie nehmen uns nicht ernst. Sie bemerken unsere Frustration gar nicht. Das hier ist ein richtiger Volksaufstand. Und wir werden nicht wieder schweigen.»